Herbert Friedrich 100

Gleich der erste Tag des neuen Jahres 2026 brachte den ersten 100. Geburtstag. Ingeborg Feustel war die Jubilarin, die in Auflagen und Reichweiten vielleicht erfolgreichste Autorin unter allen, die ihr folgen sollten. Aber als Kinderbuchautorin eben immer nur in den Augen ihrer Leser, Hörer, Zuschauer, nie auch nur annähernd in den Augen der Kritik und der Wissenschaft. „Mutter von Pittiplatsch“ wurde sie noch 1998 genannt. 100 Jahre wäre am 1. Januar 2026 auch Gustav Jabs geworden (keiner kennt ihn), es folgten Günter Nerlich, Jutta Bartus, Harri Jünger, Herbert Bruna und am Ende des Monats Jens Gerlach (kennt sie noch jemand?). Wer immer bis heute zu feiern gewesen wäre oder, in deutlich selteneren Fällen auch tatsächlich gefeiert wurde, war zugleich eines: nämlich tot. Heute aber wird einer 100 Jahre alt, der tatsächlich 100 Jahre alt ist: lebend. Herbert Friedrich ist somit der einzige des wahrlich nicht armen Autorenjahrgangs 1926, der diesen immer noch seltenen Geburtstag erreicht. Irgendwo in oder bei Dresden, es möge ihm so gut gehen wie es möglich ist. Vielleicht geht es ihm besser, als wir uns vorstellen können. Für mich gehört er zu meiner Lese-Kindheit zwischen 1963 und 1970. Seine „Radsaison“ las ich im Februar 1970.

Und so wundert es mich gar nicht sonderlich, wenn ich auf Netz-Suche nach ihm eine Website „Fahrradbuch.de“ finde, auf der er auftaucht, auch diverse andere Seiten haben ihn. Darunter die üblichen, die seine alten Bücher verkaufen wollen, keines übrigens zu hemmungslos überzogenen Preisen wie etwa bei Werner Lindemann, der nur, weil er der Vater von Till Lindemann ist, vom Markt nahezu verschwunden ist selbst mit Büchern, die einst für 2,80 Mark (Ost) zu haben waren. Herbert Friedrich hat noch mit 93 Jahren die überarbeitete Neuauflage eines Herzensbuchs öffentlich präsentiert: seine Caspar-David-Friedrich-Biographie. Wer will einem, der Friedrich heißt, eine Affinität zum berühmtesten Träger dieses Namens verargen? Die erste Auflage erschien 1990, in dem Jahr, in dem DDR-Bücher fast nur noch für die Müllkippe, Peter Sodann oder den Bücherpastor Martin Weskott aus den zum baldigen Tod verurteilten Verlagen kamen. Wer sich mit Friedrich befassen möchte, darf die Darstellung „Sozialistische Kinder- und Jugendliteratur in der DDR. Ein Abriss der Entwicklung von 1945 bis 1975“ (Volk und Wissen 1977) getrost beiseite lassen. Die Fundstellen, die das Register bietet, sind kaum mehr als Nennungen in Aufzählungen. Viele seiner Bücher sind nicht einmal als Titel erwähnt. Geschweige denn irgendwie gewürdigt.

Besser ist es Friedrich bei Günter Ebert (19. Februar 1925 – 17. Juli 2006) ergangen, der ebenfalls die Entwicklung der epischen Kinder- und Jugendliteratur in der DDR von 1945 bis 1975 behandelte, gedruckt als Nummer 8 der „Studien zur Geschichte der Kinder- und Jugendliteratur“, Kinderbuchverlag Berlin. Ebert, dem später nachgesagt wurde, er habe als IM Neupeter Brigitte Reimann bespitzelt für das einschlägige Ministerium, nannte „Rentiere in Not“ von 1966 das bisher beste Buch Friedrichs, ich habe es nie gelesen, besitze aber das Februarheft der NDL aus dem 14. Jahrgang 1966. Dort gibt es „Rentiere in Not“ auf den Seiten 70 bis 105. „Bei Friedrich ist … die Ambivalenz zwischen einer biologisch exakten Realität und einer literarischen Überhöhung, die … das Märchenhafte nicht ausschließt, die entscheidende poetische Triebkraft.“ Schrieb Ebert. Und auch: „Mit dem Schicksal des Wassertropfens namens Katharinchen kann der Autor den Kreislauf des Wassers ins anschauliche Bild bringen. Er nimmt den bildhaften Hintergrund, um einen zusätzlichen Denkanstoß zu geben; im Kern aber kreist die Geschichte um eine moralische Bewertung. Katharinchen dünkt sich als etwas Besonderes, es möchte aus der Reihe tanzen, und es muss spüren, dass es in dieser Sonderstellung um die schönsten Wassererlebnisse betrogen wird.“

Wer das zweite der „Wassermärchen“ (Die kleinen Trompeterbücher 12, 1961), Illustrationen von Günter Blochberger, so liest, liest es nicht falsch, aber er übersieht womöglich die Poesie. Ich gestehe, dass ich mich mehr als sechzig Jahre nach der Erstlektüre gerade von „Katharinchen“ habe uneingeschränkt bezaubern lassen. Wenn andere sich im Falle von Christa Reinig erlauben, jede Balladen-Sammlung ohne ihre „Ballade vom blutigen Bomme“ für null und nichtig zu erklären, dann will ich jede Sammlung neuer Märchen für Makulatur erklären, wenn sie dieses herrliche, dieses von Poesie buchstäblich überlaufende Märchen „Katharinchen“ nicht enthält, basta. Schon „Das Wassermärchen“ im selben Bändchen ist viel bemühter, gar nicht lange zu reden von „Die Geschichte von Pauls tapferer Kutsche“ (Die kleinen Trompeterbücher 22, 1962). Ein Märchen vom Kreislauf des Wassers, wenn wir es denn so stehen lassen wollen, ist etwas deutlich anderes als ein Märchen vom Kampf der Arbeiterklasse als Binnenerzählung einer Straßenbahn in einem Museum der DDR, das offenbar, wie diverse Details überdeutlich zeigen, ein Museum ist zur Illustration der These, die Geschichte sei die Geschichte von Klassenkämpfen. Sehr bemüht, sehr vordergründig.

Das geht bis zu den Illustrationen, die für „Wassermärchen“ wunderbar leicht und spielerisch daherkommen, für „Die Geschichte von Pauls tapferer Kutsche“ wirken sie (auf mich) wie „Simplizissimus“ für Kinder, satirisch überzogen. Für Leser von 8 Jahren an, die das Buch als Zielgruppe sieht, nicht treffsicher. Polizisten und Offiziere der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sind in der frühen DDR für Kinder keine Spottgestalten mehr, eher Klischee als Realität, wie es der Text eben leider auch vorgibt. Wobei nicht zu verschweigen ist, dass eine solche Art von Kinderliteratur Anfang der 60er Jahre eher erwünscht war. Die Dichothomie Individualismus gleich bürgerlich gleich verwerflich gegen Kollektivismus gleich sozialistisch gleich erstrebenswert geht nicht auf, ging nie auf, wenn sie auch rund um das Bittersalztröpfchen Katharinchen traumhaft verpackt ist. Noch einmal Ebert, der Friedrichs „Strupp auf dem Damm“ unter Rückschläge rechnet, jetzt über „Der Kristall und die Messer“: „Er endet mit dem Tod des Helden, dessen Entwicklung vom verführten Arbeiterjungen zum Antifaschisten an der eigenen Zwiespältigkeit zerbricht.“ War nicht noch wenige Jahre früher solch Bienkopp-Tod undenkbar in Literatur der DDR gewesen?

Vor zwei Jahren, damals kaum weniger verblüfft, dass Friedrich noch lebt, las ich nach mehr als fünfzigjähriger Abstinenz erstmals wieder etwas von ihm, etwas, das ihm viel Ruhm einbrachte, ohne dass ich von diesem Ruhm Notiz genommen hatte. Ich las „Krawitter Krawatter, das Stinchen, das Minchen“ und hielt in einer frischen Friedrich-Datei fest: Der Hahn sorgt für die Mäuse, bekocht sie und versorgt sie mit Kirschen zum Nachtisch. Die Kirschen werden zum Anlass für eine große komplizierte Reise zu dem Kirschbaum, von dem sie stammen. Sogar ein Fluss ist zu überqueren, um dorthin zu kommen. Die Mäuse sind sorglos und machen sich keine Gedanken, auch nicht darüber, wie man denn die Kirschen transportieren soll. Der Hahn aber denkt an alles, einen Wagen, ein Rosinenbrot als Wegzehrung. Sie gelangen zum Fluss, sie gelangen über den Fluss, wenn auch zu einem hohen Preis, denn das aufgeteilte Brot fressen die Mäuse restlos auf, auch den Teil des Hahnes mit. Sie sind aber dann so satt, dass sie keine einzige Kirsche mehr essen können. Den Rückweg erspart sich der Erzähler, das Märchen endet mit dem Nachdenken des Hahnes Krawitter, „wie sie am besten die Winterkirschen über den Fluss bringen“. Einfach schön.

Im April 1969 las ich „Die Fahrt nach Dobrina“ und war jetzt verblüfft, dass der wirklich weite Markt antiquarischer Bücher kein einziges Exemplar dieser 1961 zuerst erschienenen Erzählung bereit hält. Dass sie in einen späteren Band gesammelter Erzählungen einging, steht auf einem anderen Blatt. Fred Rodrian, Jahrgangsgefährte und Chef des Kinderbuchverlags, in dem etliche Bücher von Friedrich erschienen, schrieb 1973 ein kleines Porträt seines Autors. An Titeln sind darin genannt „Assad und die brennenden Steine“, das las ich offenbar kurz nach meinem zwölften Geburtstag, denkbar, dass es eines meiner Geschenke 1965 war, „Die Reise nach dem Rosenstern“ und „Der Damm gegen das Eis“. Weil das sein einziger „Zukunftsroman“ war, fand er sogar in ein Lexikon der späten DDR: „Die Science-fiction der DDR. Autoren und Werke“ (1988). Den Artikel über Friedrich schrieb Werner Förster, der wiederum Titel kannte, die bisher hier noch nicht genannt wurden: „Die Eissee“, „Dorado oder Unbekanntes Südland“, „Nachmittag eines Schriftstellers“. Zu „Der Damm gegen das Eis“ schrieb Förster: „Der Tradition der SF-Variante der sogenannten „Produktionsromane“ verpflichtet, macht der Roman ein ingenieurtechnisches Großprojekt im 21. Jahrhundert zum Gegenstand der Romanhandlung.“ Und attestiert ihm profunde Sachkenntnis.

Wie schon Fred Rodrian vergisst auch Förster nicht darauf hinzuweisen, dass Bernhard Kellermann mit seinem berühmten Roman „Der Tunnel“ ein deutlich erkennbares Vorbild für Friedrich war. „Der Damm soll die Lage des Golfstroms verändern, um das Nordpolarmeer vom Eis zu befreien, also eine Klimaveränderung zu bewirken.“ Heute braucht niemand einen Damm für eine Veränderung des Klimas, eher gegen sie. Porträtgerecht erzählte Fred Rodrian natürlich auch Privates aus der Wohnung Friedrichs: Wie er ein kleines Frauenbildnis erblickte, das er einem französischen Maler zuschrieb. Es stammte aber von Friedrich: „Als kleiner Junge wollte er Maler werden.“ Warum Rodrian bei der Aussage über Friedrichs Vater von der Lexikon-Angabe abwich, die dessen Beruf als Asbestweber bezeichnete und ihn stattdessen zum Gürtler machte, hat sich mir bisher nicht erschlossen, aber es hält immer wach, auf solche Widersprüche zu stoßen, die gar nicht besonders dialektisch sind und deshalb der Entwicklung nur selten auf die Beine helfen. Günter Ebert, das noch rasch, schrieb zu „Der Damm gegen das Eis“: „Er ist, wenn man so will, die Geschichte eines Meliorationsvorhabens im Weltmaßstab.“ Das waren kommunistische Träume!

„Wer aber findet, dass es früher besser gewesen ist, kann nur ein Spatzengehirn haben wie Flatterwisch und Krächzehals. Meint ihr nicht auch?“ So endet „Die Geschichte von Pauls tapferer Kutsche“, die für den 1. Mai warb, kurzzeitig die Losung „Nieder mit dem Krieg!“ umher fuhr und auch ebenso kurzzeitig als Barrikade diente. Waffen, Uniformen, Geräte und Helme, namentlich ein Dreschflegel, sie alle hörten die finale Botschaft der Straßenbahn: „Ich lag die ganze Zeit auf einem Schrottplatz. Noch viel Leid kam über die Arbeiter, noch ein großer Krieg, dann aber ihr endgültiger Sieg. Die Zuckerfabrik gehört jetzt ihnen und das Eisenwerk und alle anderen Fabriken im Land.“ Paul ist Oberbürgermeister geworden und bringt die tapfere Kutsche ins Museum. Mit dem endgültigen Sieg der Arbeiter hat es dann doch noch so richtig geklappt. Gerade im Raum Dresden konnte die Sterbebegleitung des Kleinstaats der Arbeiter und Bauern nicht rasch genug vollzogen sein. Bei Herbert Friedrich aber lesen wir in „Die Reise nach dem Rosenstern“ von einer internationalen Raumschiff-Besatzung, zu der allerlei Berufe gehören, ein Mechaniker aus Dresden ist auch dabei, dass erst einmal alle rauchen nach dem Start. So wird Zukunft zur Vergangenheit.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround