Tagebuch

23. August 2019

Blick ins Tagebuch von 2009: am 22. August kamen wir verspätet in Schruns in Vorarlberg an, eine Baustelle ohne Baugeschehen, dafür aber mit nur einer freien Spur, führte zur Verzögerung. Unsere Ferienwohnung empfing uns mit zwei Zimmern und einem großen Balkon, seltsamem Gestank im Treppenhaus, der zum Glück in der Wohnung nicht mehr wahrnehmbar war. Am Abend verlor Bayern in Mainz. Am 23. August suchte ich die Hemingway-Gedächtnispunkte auf, wir benutzten die nahe Seilbahn, die uns auf knapp 1900 Meter brachte. Wir lieben Panorama-Terrassen, es muss gar nicht immer der halbe Liter Wein oben sein, es geht auch Apfelstrudel. Damals las ich Schiller um all mein Leben. Weil wir am 1. September 1959 unseren ersten Schultag hatten, feiern wir im Bestand der drei Klassen, die 1967 acht Schuljahre hinter sich hatten, 60 Jahre Schuleinführung, es geht um 17 Uhr los, weshalb ich die weite Welt heute komplett ignoriere: no Donald, no Boris. No!

22. August 2019

Leichtes Erschrecken, als ich meinen heute zum 150. Geburtstag von Arthur Holitscher ins Netz gestellten Beitrag vorbereitete: ich schrieb schon einmal über ihn, hatte das aber komplett vergessen. Leicht war das Erschrecken nur deshalb, weil ich das kenne: was geschrieben ist, verlässt die Bio-Festplatte in Richtung eines neuen Speicherplatzes. Immerhin, ich las meinen alten Text wie den eines Fremden, was für kritische Augen in eigener Sache ja nicht das schlechteste ist. Manche werden angesichts ihres eigenen Schaffens derart von Rührung gepackt, weil sie schon früher so toll waren. Freunde, die lange nichts von mir lasen, behaupten seltsam regelmäßig, sie würde mich sofort erkennen. Früher hätte man das Stil genannt, in schlechteren Fällen Manier. Ansonsten habe ich am Morgen eine MDK-Befragung beobachten dürfen, die gibt es, wenn man einen Antrag auf Pflegeleistungen stellt, das Gutachten soll heute noch an die Krankenkasse gehen.

21. August 2019

Heute lag ein Buch in meinem Briefkasten, das bereits vor einem Monat dort hätte liegen sollen. Absender ein Groß-Antiquariat, bei dem ich immerhin so oft bestelle, dass mir seine Daten für die Überweisung speicherwürdig erscheinen. Eines Tages kam eine Mail, die mir mitteilte, das Buch sei zurückgekommen, weil die Post mich nicht finden konnte. Ich wohne seit 28einhalb Jahren an ein und derselben Stelle, habe weder Namen noch Titel noch sonst etwas gewechselt, dennoch war irgendein Experte nicht in der Lage, die Büchersendung in meinem Briefkasten zu deponieren. Das Antiquariat schickte das Buch jetzt in einem großen Umschlag mit Original-Rücksende-Brief innen. Und siehe: jetzt fand die Post den richtigen Kasten. Ich schrieb dem Antiquariat, dass Lenin vor 100 Jahren in der Deutschen Post eine vorbildliche Einrichtung erblickte. Vermutlich will die Post mit Lenin einfach nichts zu tun haben. Ist es mit dem wie mit der DDR: es war nicht alles schlecht?

20. August 2019

Vor 25 Jahren erlebte die Frau an meiner Seite ihren härtesten Autofahrerinnen-Tag. Von Ilmenau in Thüringen nach Bork Havn in Jütland, Dänemark, sind es laut Routenplaner 883 Kilometer, man braucht achteinhalb Stunden, was als die optimistische Variante angesehen werden darf. An jenem 20. August 1994 besaß ich noch keinen Führerschein, der kam erst ein Jahr später, ich konnte also an keinem Fahrerwechsel teilnehmen. Hinter Hamburg war eigentlich alle Kraft erschöpft, aber es ging ja noch bis Flensburg. Hinter Flensburg war eigentlich auch der Reservetank an Kraft leer, aber es ging ja noch an die Westküste Jütlands, wenn auch nicht mehr unendlich weit, so doch weit genug. In Bork Havn galt es das Ferienhaus zu finden, was mit Navi kein Problem wäre, aber damals hatten wir keins. Immerhin, Mitbewohner Gunter, Ines und Kathrin kamen nicht lange nach uns, wir bezogen das Haus mit der hübschen kleinen Holzterasse, Dänemark-Urlaub Nr. 1 fing an.

19. August 2019

Wenn der 60. Jahrestag von Woodstock die Medien umtreiben wird, werden sich die damals Vierjährigen melden und die Kolumnen füllen mit ihren Erinnerungen an Stirnbänder neben Opa auf dem Sofa und wie Oma Luftgitarre spielte. Ich war damals 16, statt in Ungarn wie die Jahre davor im FDJ-Lager in Friedrichroda, Woodstock war uns scheißegal, denn es war gerade „Brown Sugar“ von den Stones neu herausgekommen. Später sah ich natürlich alles, hörte ich natürlich alles und ich sah „Easy Rider“ nicht wegen Peter Fonda, Dennis Hopper und Jack Nicholson, sondern wegen Steppenwolf und der lächerlichen Nacktszene im Mardi Gras auf dem Friedhof. Heute geht mir Jack Nicholsons Gequassel, während er vermeiden will, am Joint zu ziehen, schwer auf die Nerven. Woran ich mich gut erinnere: mein Neid auf einen Knaben im Budapester Jugendpark, der umherlief wie Jimi Hendrix. So hätte ich aussehen wollen: ich wäre von der Goetheschule geflogen.

18. August 2019

Kaum ist Greta Thunberg klimaneutral auf hoher See, hapert es bei Ilmenau mit der Erderwärmung, auch die schöne Dürre ist nicht mehr, was sie war. Dafür aber ist heute der 75. Todestag von Ernst Thälmann. Als älteres Kind habe ich bisweilen darüber nachgedacht, was der Unterschied zwischen ermordet und grausam ermordet sein könnte, denn Ernst Thälmann, das hörten wir alle und lasen es, war in Buchenwald grausam ermordet worden. Ernst Thälmann sah für mich aus wie Günter Simon und später war ich schon nicht mehr enttäuscht, als ich hörte, dass sich Walter Ulbricht eigens in den Thälmann-Film schmuggeln ließ, obwohl er damit wenig zu tun hatte. Was grausam ermordet ist, weiß ich aus diversen Krimis, was grausam hingerichtet heißt, aus Museen mit Folterkammern und gruseligen Darstellungen. Teddy wurde erschossen, von hinten. Diese Technik pflegte auch die DDR, als sie noch Todesstrafen vollstreckte. Am 18. August 2009 starb Hugo Loetscher, Schweiz.

17. August 2019

Die erste Trainerentlassung der neuen Bundesligasaison hat es noch nicht gegeben, obwohl Hertha in München einen Punkt holte. Im Bunge-Museum auf Gotland sieht man Bildsteine aus der Zeit von etwa 700 nach Chr., dazu alte Hofanlagen aus drei verschiedenen Jahrhunderten. Wir suchten und fanden Steinhügelgräber, viele Raukar in Kyllaj und natürlich auch wieder zwei Landkirchen: Hellvi, Lärbro. An der Kirche von Lärbro bekam gerade eine schwedische Nachrichteneinheit Freiluftunterricht erteilt. Ich fotografierte natürlich nicht, dafür aber einen 800 Jahre alten Stuhl in der Kirche. In Lärbro gibt es eine Grabstätte für KZ-Opfer, die man in Schweden nicht vermuten würde. Sie überlebten Bergen-Belsen oder Mauthausen und kamen zur Genesung mit dem Schiff ins Krankenhaus Lärbro, wo sie dann doch starben. Ohne das Foto hätte ich das nach nun zwanzig Jahren nicht mehr gewusst, die Steinsetzungen faszinieren wie damals, ich würde gern wieder hin.

16. August 2019

Was auch immer in Ilmenau und Umgebung zu Goethes 270. Geburtstag veranstaltet wird, eine Mattiné, wie meine ehemalige Heimatzeitung ankündigt, kann es nicht sein, denn eine solche gibt es gar nicht. Dafür Rechtschreibprogramme an Computern, die vermeintlich hie und da einmal ihren freien Tag haben. Wie es scheint. Vor 20 Jahren, am 16. August 1999, durchstreiften wir Visby, wo vor dem Konstmuseum, das exakt so heißt, diverse seltsame Exponate stehen, ein Tisch mit einem Stuhl dazu, von dem man eben so mit dem Kinn auf die Tischkante reichte. Das Wort Konst ist wie das Wort Worst eines meiner Lieblingswörter geworden, die Worst kenne ich freilich aus dem flämischen Sprachraum. Wo sie auch anders schmeckt. Ich besuche heute Gehren zur Vorbereitung des Klassentreffens in der kommenden Woche, vor meiner Rede werde ich zum Gedanken an all jene auffordern, die nicht mehr leben, es sind schon 16 Namen beisammen.

15. August 2019

„Wieviel Gesichter kann ein Mensch sich merken? Gibt es eine obere Grenze dafür? Und wird sie nur von Leuten wie Napoleon erreicht, die sich Menschen merken, damit sie für sie sterben?“ Der kleine Korse hat dem kleinen Elias Canetti, von dem die Frage stammt, sicherlich heftig imponiert. Auch dem etwas höher gewachsenen Goethe imponierte der Kaiser aller Franzosen, schon weil der dreist behauptet hatte, den „Werther“ schiere sieben Mal gelesen zu haben. Am 15. August 1769 erblickte Napoleone Buonaparte das Licht über Ajaccio. Am 18. Mai 2003 bestaunten wir den Sarkophag im Pariser Invalidendom, am 27. September 2018 sein feudales Verbannungsdomizil auf der Insel Elba. Friedrich Sieburg widmete seine Napoleon-Darstellung Gottfried Benn, ihr erster Abschnitt trägt die Überschrift: „Der klügste Mann der Welt“. Von der Menschheit schreibt Sieburg: „Indem sie den großen Mann rühmt, reicht sie sich selbst die Palme.“ Das ist eine mögliche Lesart.

14. August 2019

„Es ist ein anderes Lernen, wenn man lange gelebt hat. Die Dinge melden sich wieder, aber sie hatten viel Zeit, sie wandeln sich in Sprüngen von Jahrzehnten.“ Das steht in Elias Canettis „Aufzeichnungen 1992 – 1993“. Unmittelbar davor: „Einer beschließt, zum Abschied noch alle zu beleidigen, die ihm nahestanden. Am schwersten beleidigt er die, die er am längsten im Herzen trug.“ Am heutigen 25. Todestag des Nobelpreisträgers könnte es eine Versuchung sein, seinen schweren Beleidigungen nachzuforschen. Man kann aber auch die Finger davon lassen. Es reicht, wenn ein Konjunktur-Journalist die Aussage eines gehörnten Ehemannes ohne Anführungsstriche in eine Überschrift verwandelte: „Das Monster von Hampstead und seine Frau“, zu lesen einst im Oktober 2006 in den sonst so seriösen LITERATUREN. Wo Willi W., der Journalist, den Schreib-Voyeur für die gehobenen Stände spielte. KZ-Ärzte sind Monster, Kindermörder. Dem Boulevard.

13. August 2019

Am 13. August 1961 hatte ich Ferien, am 13. August 1999, einem Freitag, entdeckten wir eine Blindschleiche, die sich versteckte und hervorkam, zweimal gelang mir ein Schnappschuss. Pfand auf schwedische Bierbüchsen beeindruckte mich, der 50.000. Kilometer mit unserem Peugeot blieb dem Abreisetag gen Gotland vorbehalten. Johann Elias Schlegel hat heute 270. Todestag, was nach dem 300. Geburtstag am 17. Januar bedeutet: er ist gerade einmal 30 Jahre alt geworden. Das Buch aus dem Weimarer Arion Verlag in der Reihe „Textausgaben zur deutschen Klassik“, welches mein einziges von ihm ist, dafür 655 Seiten stark, bleibt provokant in Sichtweite, mehr geschieht mit ihm vorerst nicht. Es scheint beim Nachsuchen, als sei dieses Buch das einzige in der Reihe gewesen, was 1963 dies oder jenes bedeutete, von dem ich nichts weiß. Nach vier Jahren Grundschule kann jedes fünfte Kind in Deutschland nicht richtig lesen, lese ich. Es ist nicht schade um uns, denke ich.

12. August 2019

Der Montag erlaubt einen Blick auf die schwedischen Fotos von vor zwanzig Jahren. Da stehen die neuen Biersorten aus Ronneby, erst 14, dann noch einmal 11, da liegt der Sohn mit Jules Verne auf dem Bett, da arbeitet die Tochter als brave Studentin am Küchentisch. Vom Vortag sehe ich rote Seerosen und Wisente in Eriksberg, wir drehten zwei Runden, ehe wir sie sahen: wuchtige Tiere  im Schilf, die von uns keine Notiz nahmen. Ich durchforste meine Bestände im Archiv zu Elias Canetti, finde anhand der Bibliographie in Büchern und Zeitschriften mehr, als ich vermutet hätte. Im guten alten DDR-Buch „Österreich heute“ Aufzeichnungen aus dem Jahr 1971, fast Satz für Satz einfach nur begeisternd. Annemarie Auer hat keineswegs nur Christa Wolf gemobbt, sie schrieb auch zu Canetti und das sogar mehrfach und ausführlich. Noch der Feuilletonist Richard Christ (1931 – 2013) begann mit einem kokett selbstkritischen Blick seine Canetti-Lektüre anno 1982 im August.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround