Tagebuch

28. Juli 2017

Manche behaupten, dass Clemens Brentano, als er am 28. Juli 1842 starb, schon längst tot war, genauer nämlich, seit er sich ans Krankenlager der Anna Katharina Emmerick setzte und ihr vermutlich so ähnlich wie es heute Alexander Kluge tut, mit seinen Fragen nach dem Leiden des Herrn suggerierte, was sie antworten solle. Der ALLGEMEINE ANZEIGER suggeriert, dass es in Rudolstadt nur einen wirklich bedeutenden Schriftsteller gibt: Jörg F. Nowack, dem regelmäßig viel Platz gewidmet wird. Unter den anderen bedeutenden Schriftstellern Rudolstadts, deren Ruhm einst bis in die Schweiz und zum ZDF drang, wird das wenig Begeisterung auslösen. So ist eben das Leben: ungerecht, bis die Balken vom vielen Sich-Biegen krumm bleiben. Der Kulturkalender der BERLINER ZEITUNG erinnerte gestern an den japanischen Film „Onibaba“, ich erinnerte mich gleich mit. Dunkel jedenfalls. Das ruhmreiche Buch „Die Eule im Kino“ war leider nicht hilfreich.

27. Juli 2017

Zum wiederholten Male ist mein Ing-DiBa-Konto gesperrt, was mich wie immer nur mäßig beunruhigt, da ich weder eins habe noch jemals eins hatte. Früher hätte ich gedacht, die Ganoven lernen irgendwann aus der Dummheit ihrer Masche. Aber warum sollen ausgerechnet Ganoven lernfähig sein, wenn es der Rest der Menschheit auch nicht ist. Mich würde auch eine Warnung vor Radtouren bei Sauwetter nicht beunruhigen, denn schon bei schönem Wetter besteige ich kein Rad. Selbiges tat ich zuletzt im holländischen Nationalpark Hooge Veluwe, dort allerdings mit mittlerem Genuss, was mich jedoch nicht zum Wiederholungstäter macht. Heute muss ich nicht zum Bäcker, weil der Bäcker Jahresurlaub macht, ich muss nur meine Zeitungen holen, die nie Jahresurlaub machen. Ich fühle mit allen Schwimmbadbetreibern, auch die Sonnencréme-Wirtschaft leidet über das Maß hinaus, das sie wie alle Wirtschaft verdient, die nicht von einem Politbüro geleitet wird.

26. Juli 2017

„Überdies: Das Denken ist manchen Menschen ein leidenschaftliches Bedürfnis. Das aber bedeutet: Sie denken auch dann, wenn ihre Gedanken keine handgreiflichen Ergebnisse haben, und auch dann, wenn ihre Gedanken ins Unendliche oder ins Nichts führen. Praktischen Nutzen haben sie also meistens nicht.“ Das schrieb in seinen „Aufzeichnungen“ der Ungar Milán Füst, der vor genau fünfzig Jahren starb. Sein Roman „Die Geschichte meiner Frau“ erschien in der DDR in mehreren Auflagen, im Westen nicht ganz so oft, dafür aber 2007 noch einmal in alter Übersetzung mit neuem Nachwort (von Peter Nadas) bei Eichborn. Meine erste und einzige maschinenschriftliche Auslassung über ihn datiert vom 6. August 1981, immerhin zwei Seiten, ich nutzte damals noch das Farbband mit den zwei Farbspuren, rot war für die Zitate. Die Freunde des größten deutschen Country Open Air am Bergsee Ratscher (ich nicht) zittern wegen des Sauwetters, ich fühle mit.

25. Juli 2017

In einigen Gegenden ist heute Hagelfeiertag und ich erinnere mich sofort, wie die Versicherung mit der Auszahlung unseres Hagelschadens am ziemlich neuen Auto uns einen ziemlich schönen Urlaub finanzierte, während die diversen Dellen unser Gefährt noch lange malerisch zierten. Dies war kein Versicherungsbetrug, sondern folgte auf Nachfrage dem Ratschlag des Schadensgutachters selbst, den die Versicherung beauftragt hatte. „Jakobi klar und rein, wird das Christfest kalt und frostig sein.“ Soweit der positive Fall. Was aber, wenn Jakobi trübe und beschissen? Ich will nicht eigens das Reimlexikon bemühen, zumal meine meteorologischen Präferenzen für das Christfest sich in engen Grenzen bewegen. Hauptsache keinerlei Schneeverwehungen zwischen Langewiesen und Gehren. Zu Würzburg wird heute des 150. Geburtstages von Max Dauthendey gedacht, dem ich vor reichlich elf Jahren erstmals intensivere Aufmerksamkeit angedeihen ließ, bis heute ohne alle Reue.

24. Juli 2017

Eine der schwersten Lektionen, die wir zu lernen haben, ist die zu akzeptieren, dass wir dies und jenes von diesem und jenem Zeitpunkt an nicht mehr können. Manchmal kann es ein Ausflug nach Meißen sein, der im Grunde keiner ist. Als Begleiter trägt man die Last dreifach: direkt und schwer am Arm, wissend und erkennend, vorsichtig schweigend. Immerhin: ich weiß nun endlich, was ein sächsischer Wickelkloß ist. Immerhin: ich habe drei alte Insel-Bücher für je einen Euro gekauft aus einer Ramschkiste auf dem Fensterbrett eines Antiquariats. Seltsamerweise haben in Meißen am Sonntag diverse Geschäfte auf, als läge Meißen nicht in Deutschland am Verdi-Strand. Und das Eis schmeckt noch wie Anfang Juni. Nicht einmal bis zur Hochwassermarke am Theater haben wir es noch geschafft. Der Verleger meines achten Buches schickt eine Einladung zum Verlagsjubiläum im Oktober, 25 Jahre gilt es zu feiern, die Anfänge habe ich noch selbst journalistisch begleitet.

23. Juli 2017

Früher hieß er „Der Leopard“ und gelesen haben ihn wohl weit weniger Menschen hierzulande, als man annehmen möchte. Man kannte ihn wegen Claudia Cardinale und Burt Lancaster und natürlich  Alain Delon. Und dann überraschte der Buchmarkt plötzlich mit der ungekürzten Neuübersetzung und das berühmte Buch hieß „Der Gattopardo“. Weil der Originaltitel eben „Il Gattopardo“ war. Ich weiß nicht, was Giuseppe Tomasi di Lampedusa in seinem Grab machte, er starb heute vor 60 Jahren, als ihm die frohe Botschaft zugetragen wurde: drehte er sich, oder blieb er ruhig liegen? Meine Übersetzung stammt von Charlotte Birnbaum und nirgends ist angemerkt, dass sie gekürzt ist. Sie steht zwischen Carlo Emilio Gadda und Eugenio Montale, wo sie meiner Ordnung nach hingehört. Der Autor bekam posthum Preise, der Film eine „Goldene Palme“ in Cannes und ich warte bis heute, endlich einen Gattopardo im Zoo zu sehen, Leoparden sah ich mehr als genug.

22. Juli 2017

Wer denkt schon mitten im Sommer an den Jahreswechsel? Nicht das Eichhörnchen, das Nüsse vergräbt an Orten, die es umgehend wieder vergisst: ich. Silvester ist gebucht, 2 Ferienwohnungen nebeneinander. Zwei Todestage untereinander vermeldet heute mein in Ehren vergilbter Aufbau-Literaturkalender. Lajos Kassák und Carl Sandburg, am 22. Juli 1967 starben sie, was ihre lebenden Kampfgefährtinnen deshalb heute in ihren Partykellern treiben, weiß ich nicht, vielleicht sind sie ja selbst tot. Meine Sandburg-Hommage bestand zum einen in der vergeblichen Suche nach einem Widmungsgedicht, von dessen Existenz ich immer noch überzeugt bin, zum anderen in der Lektüre des knappen Porträts, das Julius Bab einst schrieb. Lajos Kassák dagegen hält mich intensiver fest, weil ich zugleich natürlich aufkommende Ungarn-Erinnerungen in die Kulissen schieben muss, die entsprechenden Archiv-Bestände großenteils sogar noch handgeschrieben, selten mit der Maschine.

21. Juli 2017

Vor fünfzig Jahren feierte Brigitte Reimann ihren 34. Geburtstag. Sie fuhr mit ihrem dritten Mann Hans Kerschek, in Tagebüchern und Briefen immer Jon genannt, nach Dresden. „Wir sind jedesmal wieder ergriffen vor Bewunderung, wenn wir diese herrliche Architektur sehen, und können uns von dem Anblick nicht trennen. Vielleicht das Schönste, was jemals in Deutschland gebaut worden ist.“ Dem Tagebuch vertraut sie an: „Jon hat mir zum Geburtstag eine prächtige alte Uhr gekauft (bezahlt mit ungedecktem Scheck)“, in einem Brief kommentiert sie: „Ihr habt völlig recht, wenn Ihr jetzt sagt: Kein Hemd am Hintern, aber alte Uhren kaufen!“. Ihr Brief an die Eltern endet: „… nunmehr 34 Jahre alt, aber entschlossen, für die nächsten drei Jahre 33 zu bleiben).“ Irgendwie schwer, sie sich 84-jährig zu denken, noch dazu in einem Jahr, da einige Medien vom Abriss ihres Elternhauses berichteten. Inzwischen werden sogar schreibende Männer gleich reihenweise 90.

20. Juli 2017

Da sitze ich Humoristen-Mails lesend so herum, mir fällt, warum auch immer, „Wünsch dir was“ ein, diese DDR-Sonntags-Sendung, die dafür zuständig war, braven Bürgern zu suggerieren, es würden Wünsche erfüllt. Mein mir nur bisweilen unterstellter Wunsch, ich würde diesen oder jenen Bedeutenden und Berühmten gern weniger bedeutend und berühmt sehen, saß vermutlich immer tief in meinem Unterbewusstsein, weshalb erst ein Fahrstuhl dorthin gebaut werden musste, um ihn aus seinem Käfig zu befreien. Irmgard Düren aber, die von ihren knapp 75 Lebensjahren 5 mit Fred Düren verheiratet war, hat nach Auflösung ihres Vertrags (gab es das in der DDR?) im Fernstudium Philosophie studiert und mit ihren neuen Kenntnissen das Betriebsfunkstudio des Berliner Centrum-Warenhauses am Ostbahnhof übernommen. Sie wurde in Meiningen als Tochter des Leiters der dortigen Kriminalpolizei geboren und heiratete in dritter Ehe einen Ex-NVA-Offizier. Herrlich.

19. Juli 2017

Neugierig gemacht durch die Beschäftigung mit Jane Austen, bin ich mit sanftem Nachdruck auf Vladimir Nabokovs Vorlesungen über westeuropäische Literatur gestoßen worden, Band 18 einer Werkausgabe, von der ich nicht sehr viel besitze, weil ich sehr viele Einzelausgaben im Regal stehen habe. An Nabokov denke ich fast reflexhaft, wenn ich, was nun oft vorkommt, seit wir den YouTube-Kanal auf dem Fernseher haben, das eine oder andere Montreux-Konzert anschaue. Ich bin immer wieder erstaunt, wer da alles schon auftrat, meist ist die Qualität der Aufnahmen sogar gut. Erst gestern sah ich Rory Gallagher in kaum fassbarem Publikumskontakt. Und, seit ich ihn für mich entdeckte, schaue ich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit Joe Bonamassa. Da ist ein Konzert in der Carnegie Hall, dort eines in der Royal Albert Hall, mit und ohne Beth Hart, also wenn mich nicht die Literatur festhielte, ich wüsste, wovon ich mich dauernd festhalten ließe.

18. Juli 2017

An einem Tag, da Jane Austens 200. Todestag ist, tut es mir für den Saarländer Ludwig Harig nur leid. Gern hätte ich anlässlich seines 90. Geburtstages, es geht ihm nicht gut, las ich noch gestern spät in der Saarbrücker Zeitung, über all meine Saarländer parliert, den Erich, den Oskar, den Richard, dazu all jene Homburger, die uns in der Wendezeit und danach möglichst nachhaltig aus dem Sozialismus helfen wollten in den Farben Ilmenaus: sie besetzten Ämter, kauften Häuser, installierten Fahrschulen und Anwaltskanzleien, einige blieben, etliche gingen wieder. Aber gegen die Austen, da kommt der schreibende Volksschullehrer aus der Max-Bense-Schule, der eben kein geborener Erzähler war, wie nun gern geschrieben wird, sondern es allenfalls erst wurde, nicht auf. Was nicht schlimm ist. Gegen Austen nicht aufzukommen, ist keine Schande. Während draußen eifrig Rundholz geschnitten wird, meditiere ich über den alten Begriff störungsfreier Arbeitszeit.

17. Juli 2017

Tatsächlich: es jährt sich heute zum 30. Male der Tag, an dem die DDR die Todesstrafe abschaffte. An jenem Tag feierte die junge Physikerin Angela Merkel ihren 33. Geburtstag, Frank Castorf, den die Welt nun nicht mehr lieben will wie früher, wurde bereits 36, David Haselhoff 35. Und, nicht zu vergessen, Margarete Mitscherlich 70. Alle, die extern ihr Abitur nachgeholt haben, dürfen auf den heutigen Tag hochrechnen. Jörg Fauser aber, der am 16. Juli 1987 seinen 43. Geburtstag genutzt hatte, sich wieder einmal komplett zuzudröhnen, der latschte nächtens über die A 94 und wupp, war der Tag nach seinem Geburtstag sein Todestag, der sich heute, liebe Extern-Abiturienten, die nicht alles vergessen haben, ja, zum 30. Male jährt. Wen ein unüberwindliches Interesse daran packt, ob und was ich eventuell einmal zu Fauser schrieb, kann auf meiner Seite die Suchfunktion nutzen: Jörg Fauser eingeben und schon: die kurze Trefferliste. Ich liebe diese Funktion, sie spart suchen.


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