Tagebuch

21. Mai 2017

Fünf Jahre liegt mein 26. (in Worten: sechsundzwanzigster) Aufenthalt in Belgien nun zurück, ich werde nachtragend vom 27. Besuch die eine oder andere Notiz hinterlassen. Heute wäre eine gute Gelegenheit gewesen, endlich einmal etwas zu Gabriele Wohmann zu schreiben, die nun schon wieder fast zwei Jahre tot ist und mich einst, 1981, mit ihren Erzählungen „Alles für die Galerie“, 1972 bei Aufbau erschienen, über die Normalmaße hinaus begeisterte. Als ich viel später erneut zu einem ihrer Bücher griff, war ich enttäuscht. Eine Frage von Volker Weidermann lautete vor knapp neun Jahren: „Wie konnte es eigentlich passieren, dass die Schriftstellerin Gabriele Wohmann so radikal aus der Mode gekommen ist?“ Schrieb sie zu viele Erzählungen, zu wenig Romane? Nein, laut Tilman Krause war sie Graphomanin und, dann eben doch, die „Königin der Kurzgeschichte“. Das wird nicht verziehen. Lieber der Schildknappe des Romans. Nun folgt eine Weile Sendepause.

20. Mai 2017

Die Joachim-Kaiser-Nachrufe sind nun durch, der neue Knausgard kommt am Montag, da ist das Ferkelrennen um die früheste Großbesprechung schon mit einem Sieg von Jakob Augsteins „derfreitag“ ausgegangen, der eine komplette Seite spendierte. Die ZEIT nimmt vorerst mit einer schönen großen Anzeige vorlieb, widmet dem Knausgard aber immerhin fast eine ganze Seite zu dessen Edvard-Munch-Kuratierung, die das Magazin BLAU schon Anfang Mai in aller Breite hatte. Sämtliche Teufel scheißen, wen überrascht das, auf den größten Haufen, die besten Teufel besetzen die Stelle bereits, wenn es den Haufen noch gar nicht gibt. Was mancher nicht ahnt: ein Hype hat vor allem entlastende Funktionen: man muss das nicht lesen, sehen, hören, was in aller Print-Medien-Munde ist, der Stoffkreislauf ist perfekt, allerdings selten nachhaltig, was ihn von allen Kreisläufen, die nur deshalb entwickelt werden, unterscheidet. Noch einmal schlafen, dann Urlaub.

19. Mai 2017

Eine ganz kleine Spannung baute sich schon auf in mir, als ich das Titelbild von „derfreitag“ voriger Woche am Sonntag abermals beäugte: Martin Schulz steht das Wasser bis Unterkante Oberlippe: „SOS SPD!“ stand da. Und da war der Landtag im Land rund um die Hauptstadt Würselen noch gar nicht gewählt. Gestern nun die Folge-Überschrift: „Steh auf!“, Schulz mit Veilchen hinter der Brille und großen roten Boxhandschuhen. Er hat von Leberhaken geredet. Im Boxen gibt es nach mehreren Niederschlägen in Folge den technischen K.O., in der Demokratie darf jeder so lange auf die Bretter krachen, bis ihm der Verstand aus den Ohren tropft. Einige sind zu schlau, sich das anzutun, nicht alle. Wolfgang Borchert würde morgen seinen 96. Geburtstag feiern, wenn er nicht vor siebzig Jahren bereits gestorben wäre. In der Türkei ist Atatürk-Tag, der wohl irgendwann in einen Erdogan-Tag umgewandelt wird per Volksentscheid. Was macht Trump?

18. Mai 2017

Etwas mehr Übergang hätte sein dürfen, eben noch der Schnee in der Blüte und jetzt schon dreißig Grad, so schnell schafft es kein Balkonstuhl aus dem Keller, auch wenn es einen Fahrstuhl gibt. Nach dem donnerstäglichen Bäckerbesuch die Nachricht von der Preiserhöhung für die ZEIT, Zeit ist Geld bekommt einen völlig neuen Sinn, anders als der teurer werdende SPIEGEL jedoch wird die ZEIT nicht gleichzeitig dünner, außerdem hat die ZEIT einen Chefredakteur, dem ein so schönes Wort wie „Deutungsdemut“ eingefallen ist und das ausgerechnet bei Anne Will, die das Wort dann doch nicht wollte. Lektüre am Morgen „Scylla und Charybdis“ von Bertrand Russell. Dort steht: „Allgemeine Wahlen und Präsidentschaftswahlen sind sportliche Ereignisse wie das Derby, und ohne sie wäre das Leben nicht halb so schön.“ Diese Briten! Was ein Derby ist, wissen sie, und außerdem ist heute Russells Geburtstag. Darauf am Abend ein Indian Pale Ale von REWE.

17. Mai 2017

Diese Norweger! Feiern einfach am ehemaligen Weltfernmeldetag ihren Nationalfeiertag. Mir fällt bei der Gelegenheit, und zwar durchaus schmerzlich, ein, dass ich vor mittlerweile zwanzig Jahren zuletzt und einmalig in Norwegen war, Fähre von Kiel nach Oslo, dann so dreihundert Kilometer noch mit dem Auto. Dabei hatten wir uns vorgenommen, so bald als möglich wiederzukommen, schwelgen noch heute in den Erinnerungen an geräucherte Taschenkrebse. An mit dem Küchensieb gefangene kleine Garnelen, das warme Meer, die nahe Insel, zu der zu schwimmen eine winzige Mutprobe war. An unverschämt teure Biere, von denen ich dennoch jedes trank, das mir in die Hände fiel: der Sammler scheut eben weder Kosten noch Mühe, sonst wäre er keiner. Heute heißt meine Brücke zu Norwegen Ibsen, Knausgard und Espedal brauche ich eher weniger, wenngleich mein Archiv jeden neuen Beitrag zu ihnen dankbar aufnimmt. Heimzu noch eine Woche Dänemark!

16. Mai 2017

Schrecklich oft kommt es, wir sind ehrlich, nicht vor, dass morgens vor Neun jemand anruft und nach einem Buch fragt, das der Verlag der Verlegerin meiner letzten vier Bücher auf der Backlist hat. Ich gar muss einräumen, dass ich die 138 Titel keineswegs auch nur annähernd im Kopf habe und nun tritt der Fall ein, dass ich geschäftsschädigend das mögliche Familien-Nebeneinkommen schmälere, indem ich die Fragende mit der Auskunft konfrontiere, es handle sich um ein Reprint eines Titels aus dem Jahr 1910, was ihr die Buchhändlerin, die an uns verwies, nicht gesagt hatte. Wir verblieben mit allen guten Wünschen insbesondere bezüglich der Gesundheit. Hätte das Telefon nicht geklingelt, säße ich noch am Lesetisch, an den ich nun zurückkehre. So aber erwähne ich noch rasch, dass wir den Tag der Biografen haben, von dem ich nicht wusste, dass es ihn gibt. Die deutschen Biografien-Fließbänder stehen also heute still oder rattern besonders schnell, gut so.

15. Mai 2017

Heute erreicht Uta Mauersberger das Rentenalter alter Zeitrechnung. In Griffweite meines rechten Arms, wenn ich auf meinen Computer-Bildschirm schaue, stehen ein Poesiealbum Nummer 153 und ein Gedichtband mit dem einfallsarmen Titel „Balladen Lieder Gedichte“ von ihr, 1980 und 1983 erschienen, mein Archiv enthält eine Kritik zu ihrem Kinderbuch „Kleine Hexe Annabell“ sowie eine „Kostprobe“ aus ihrem Band „Rattenschwanz“, veröffentlicht in JUNGE WELT vom 19. Dezember 1989. 1975, als sie in Schwerin einen Förderpreis der FDJ für ihre Lyrik erhielt, saß ich im Prosa-Seminar von Martin Viertel. Ich habe sie als unfassbar zart in Erinnerung, meine alte Omatante hätte gesagt, sie muss ein Bügeleisen in die Handtasche tun, damit sie nicht wegfliegt. Sie hat später auch ein wenig mit der Stasi gekungelt zwischen 1982 und 1986, stieg dann aber von sich aus aus. Die Farben von Borussia Dortmund haben seit gestern in NRW ganz frische Strahlkraft.

14. Mai 2017

Als ich, noch devisenklamm, aber in froher Erwartung kommender Einheitswährung, zu Bonn in eine Buchhandlung namens Bouvier trat, in deren Kellergeschoss man mittels Leiter an obere Regalreihen gelangen konnte, nachdem das freundliche Personal eigens für mich eine Beleuchtung eingeschaltet hatte, sah ich für mich schier endlose Reihen der edition suhrkamp stehen und die Begehrlichkeiten rissen mich hin und her und her und hin. Ich erwarb schließlich, deshalb steht das heute hier, ausgewählte Reden und Aufsätze von Kurt Eisner, mit dem Titel „Sozialismus in Aktion“. Später kaufte ich „Zwischen Kapitalismus und Kommunismus“ nach. Im vorigen Jahr gab ein nicht für seine schiere Größe bekannter Verlag Eisners „Gefängnistagebuch“ aus dem Jahr 1918 heraus, wohl mit Blick auf den 150. Geburtstag am 14. Mai 2017. Der ist nun dieser Sonntag, an dem ich mehr als diese paar Zeilen nicht schaffe. Ich vertröste mich auf den 21. Februar 2019.

13. Mai 2017

Reiner Aberglaube war es, als ich gestern nicht schrieb, welches Stück ich am Abend sehen werde und wo. Denn plötzlich machte vor Wochenfrist mein PC nicht, was er sollte, ich klopfte mir wegen der fertigen Kritik zu früh auf die Schulter und musste dann zum Family Event 2017. Heute ist das anders. Ich erlebte nie so viel Beifall in Gera wie für diesen „Hauptmann von Köpenick“. Wenn ich meine Besprechung mit Joachim Kaiser beginne, hat das Sinn, sein „Kleines Theatertagebuch“ aus dem fernen Jahr 1965 enthält eine Betrachtung zum Zuckmayer-Stück, die mehr als nur schlicht zitierenswert ist. Die LITERARISCHE WELT zeigt heute den arg abgewetzten Schreibtischstuhl von Joachim Kaiser. Den hätte, als ich noch Bürositzer war, entweder meine Sekretärin oder meine Frau gnadenlos dem Sperrmüll zugeordnet, aber wenn man Großkritiker ist, der bei Abwesenheit des Meisters auch als Karajan-Double hätte durchgehen können, darf man gern auf so etwas sitzen.

12. Mai 2017

Es ist Limerick-Tag, weil Edward Lear an einem 12. Mai, nämlich 1812, das Licht der späteren Brexit-Welt erblickte. Ich habe nie im Leben einen Limerick gedichtet, brauche also gar nicht zu suchen, habe aber sehr wohl über diesen Lear geschrieben, von dem anderen gar nicht zu reden. Es ist auch Tag des chronischen Erschöpfungssyndroms, bei dem ich nie so richtig weiß, wie der zu begehen wäre: Feiern bis zur Schnappatmung oder Mahnwache am Denkmal des unbekannten Muntermachers? Bei Maybritt Illner laberte gestern bis zur Brechgrenze ein Damenkränzchen, ich hörte es durch die geschlossene Arbeitszimmertür so nervtötend, dass ich nachschaute und da sah ich: Claudia Roth. Wenn das Abendland eines Tages wirklich untergeht, wird es an solchen Tanten liegen. Warum blieb sie nicht unter „Einstürzenden Neubauten“, gilt auch in ihrem Falle: „Macht kaputt, was euch kaputt macht!“? Selbst Karl-Eduard von Schnitzler geiferte gemesseneren Tones.

11. Mai 2017

Fast auf den Tag 18 Jahre ist es her, da ich in einer heute immer noch existierenden Zeitung namens FREIES WORT meine allwöchentliche Kolumne „Was gilt ein Schild?“ nannte, nachzulesen in „Ein Kreis mit Ecken und Kanten“, Escher Verlag 2004, Seite 37. Es ging um jene Menschen, die Schilder, insonderheit Verkehrsschilder, glatt ignorieren. „Frei bis Bahnübergang“ bedeutet für des Deutschen mächtige Verkehrsteilnehmer, dass es am Bahnübergang nicht weiter geht. Dennoch probieren sie es 2017 wie 1999 und müssen dann mehr oder minder komplizierte Wendemanöver vollziehen, um wieder in gezielte Bewegung zu kommen. Das Grundstück der Brauerei Jäcklein mutiert zum Manöverfeld. Die BERLINER ZEITUNG hat in ihrer Rubrik „Das fliegende Auge“ heute die ungarische Regisseurin Márta Mészáros. Das waren Filme! Manchmal gab es sie nur im Hochschul-Filmclub zu sehen, eigens für Fans aus Berlin geholt vom Ungarischen Kulturzentrum.

10. Mai 2017

Der Tag des Buches, Tag, an die Bücherverbrennung erinnernd, erinnert mich seit ein paar Jahren an den Plan, über Bücherverbrennungen vor der Bücherverbrennung zu schreiben. Die Idee kam, als ich bei der Vorbereitung einiger Vorträge zum 80. Jahrestag 2013 auf Goethes Schilderungen in „Dichtung und Wahrheit“ stieß, von Joseph Roth wusste ich von Buch-Scheiterhaufen im Osten, die Inquisition lieferte die Abläufe dazu, die es wiederum schon fast rituell auch in der Antike gab. Vor vierzig Jahren starb James Jones („Verdammt in alle Ewigkeit“), vor 35 Peter Weiss. Am 10. Mai 1817 wurde Emma Charlotte Siegmund geboren, auf den Tag drei Wochen vor Georg Herwegh, den sie am 8. März 1843 in Baden in der Schweiz heiratete. Am 10. Mai 1917 wurde Heinz Kamnitzer geboren, mein Blick auf ihn wäre beinahe auch noch ein Opfer von Error geworden, ich klopfe derzeit nur noch vergeblich an die Tür von Google Chrome. Bleibt halt Explorer als Ersatz.


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