Tagebuch

21. Oktober 2019

Der „Woyzeck“ ging doch noch ins Netz in der Nacht, mein dritter nach Eisenach und Coburg, mir kam beim Schreiben natürlich wieder dieser Lehrer in den Sinn, der mich einst nervte, sein dickes Büchner-Buch zu besprechen. Ich sah es dieser Tage wieder in der zweiten Reihe meiner Bestände von Gustav Schwab bis Gottfried Keller, weil ich Platz brauchte für Erbstücke. Die Kontoauszüge meiner Mutter bis Ende 2018 sind geschreddert, es fehlt nur noch der laufende Jahrgang. Einer der roten Ordner stammt aus dem Jahr 1988 und ist Nachlass der Tante meiner Mutter, Sparkasse Gifhorn Wolfsburg, das letzte Blatt mit der Nullstellung des Kontos vom 25. August 1988, anteilige Pflegeheimkosten. Das blieb uns erspart. Nicht erspart bleibt mir der Hinweis auf den heutigen 50. Todestag von Jack Kerouac, über den ich auch geschrieben hätte, wenn das Wörtchen wenn nicht wär. Mit Doris Lessing morgen wird es nicht besser, auch ihr Jubiläum (100) entfällt unter Zwang.

20. Oktober 2019

Bei lebender Mutter hätte ich versucht, für heute etwas zur Uraufführung von Ernst Tollers „Die Wandlung“ zu schreiben. Aber schon der „Hinkemann“ entglitt mir sechs Tage nach dem Tod in der Station 22. Meine Wandlung heißt noch immer Haushaltsauflösung, wir wollen heute beim Treffen des Gehrener Handarbeitszirkels mit Wolle und Wollsachen vorankommen. Vom „Woyzeck“ reden wir nicht mehr. Es sieht aus, als müsse man nach und nach das Publikum vor seinen Theatern schützen: Man stelle sich die Gemäldegalerie vor, zu der einer sagt: Die Sixtinische Madonna geht heute gar nicht mehr, man muss sie mit Gerhard Richter übermalen und dann halb verdeckt verkehrt herum aufhängen, dazu „Ton, Steine, Scherben“ krähen lassen. Man würde den Ideengeber in eine geschlossene Anstalt bringen und vor sich selbst schützen, im Theater läuft das wie geschnitten Brot. Nur kein Werk, wie es ist. Warum auch? Die Handarbeiterinnen suchen wir leider vergebens.

19. Oktober 2019

Keine WELT an der Tankstelle, wohl aber in der Stadt, das hatten wir noch nicht. Ich lasse mir meine beiden Exemplare zurücklegen. Wenn sich das wiederholt, muss ich Konsequenzen ziehen. „Der Kirschgarten“ wird fertig, „Mutter Courage und ihre Kinder auch“, der zweite Text gefällt mir besser, weil er aus einem Guss ist. Ich will, wenn ich heute zum dritten Mal in knapper Folge im Staatsschauspiel auflaufe, keine offenen Dinge haben. Es wird der letzte Besuch in Dresden in diesem Jahr, Termine für 2020 stehen schon im Kalender. Auf den letzten 12 Kilometern verlieren wir mehr als eine halbe Stunde, die männliche polnische Bevölkerung füllt zwei Spuren der Autobahn, was beim Einfädeln vor einer Baustelle zu wunderbaren Effekten führt. In Dresden sehen wir zwei gefällte Bäume mit Jahresringen wie aus dem Bilderbuch. Wir werden versorgt, als kämen wir aus einem Kriegsgebiet, es geht uns gut, ehe uns der „Woyzeck“ ereilt. Keine Pause.

18. Oktober 2019

In meinem Kalender steht für den heutigen Tag: J. Linnankoski 150. J steht für Johannes, der Finne findet sich bei WIKIPEDIA nur auf fremdsprachigen Seiten oder eben mit seinen paar Büchern in den Antiquariatsnetzwerken. Komisch, dass sein Roman „Die Flüchtlinge“ noch auf keiner Bühne gelandet ist, macht ihn doch schon der Titel allein unfassbar aktuell. Aber bereits die Lektüre des Klappentextes zeigt: das Wort Flüchtlinge ist gar nicht so, wie man denkt, es bedeutet auch dies und jenes. Bei meiner Ärztin Gespräch über das Vorauswissen Sterbender, Vorsorgeuntersuchung mit Gummihandschuh. Ich laufe den Weg zurück, was zum Abend auf 11780 Schritte führt. Wir sind weiter an den Büchern: die Spende wird voluminös. Meine Mutter hat bei den Kontoauszügen alles aufgehoben, auch die Blätter, auf denen zu lesen war, dass man sie vernichten kann. Ich bin mit der Kritik zum „Kirschgarten“ immer noch nicht ganz zu Ende, ich hasse ständige Unterbrechungen.

17. Oktober 2019

In Gehren heute nur kurz. Morgens Rücksprache mit den Ilmkreis-Kliniken wegen des „Tages der offenen Tür“, zwei Termine festgehalten. Die ersten Bände für die große Spende nach Ilmenau transportiert. In der Post die Bestätigung für die Abmeldung des Gehrener Telefons, offene Beträge werden erstattet, wir brauchen uns um nichts zu kümmern. Am Sperrmüll-Termin lässt sich leider nichts drehen, die Vergabe ist derzeit bei Ende November, wir haben noch Glück. In einem Brief meines ältesten Cousins an meine Mutter finde ich eine Speicherkarte mit Fotos: viele Bilder meiner Tante Hedwig aus ihren letzten Lebensjahren. Meine Mutter sah die Fotos nie und fragte nie, ob wir sie für sie sichtbar machen könnten. Es war die älteste Schwester, die zuerst die 90 erreichte und überschritt. Sie wird den Altersrekord der 13 Schwestern und Brüder vorerst lange halten. Beim Schreddern alter Kontoauszüge finde ich einen noch ungeöffneten Umschlag mit neuer Geheimzahl.

16. Oktober 2019

Zeitig in der Stadt, um meine Zeitungen mit den Buchmessebeilagen abzuholen, es sind alle da, ich kann mich, wenn ich das Hamsterrad der Haushaltsauflösung verlasse Ende des Monats, vielleicht auch wieder um meine Sachen kümmern. Einstweilen sichte ich weiter Bücher und stelle an immer neuen Stellen fest: meine Eltern waren einst ein junges Paar, das sich gegenseitig Bücher schenkte und Widmungen hinein schrieb. Freund Volkmar wird das große Bücherregal nehmen, er hat schon gemessen und auch einen Blick auf die Briefmarken geworfen. Ich befülle den nächsten Karton mit Taschenbüchern verschiedener DDR-Reihen: NB-Krimis, Passat, bb, Das Taschenbuch, die Stapel fürs Krankenhaus wachsen, die Regalfächer mit gelbem Klebezettel, die mir sagen, dass ich hier alles in den Händen hatte, erreicht die 30. Die großen Umzugskartons füllen sich mehr und mehr, nebenher setzt sich auch in meinen Regalen die neue Ordnung fort. Noch volle zwei Wochen Zeit.

15. Oktober 2019

Viereinhalb Eimer Späne und Ästchen sind auf unserem Parkplatz verblieben von der großen Baumfällung am Freitag. Die Rasenmäher arbeiten entschieden ordentlicher als diese Baumfäller, die offenbar nicht nur zwei Stunden später kamen als angekündigt, sondern auch zeitig Feierabend haben wollten. Am 15. Oktober 1999 erlebten wir unsere erste Fernbusfahrerin: Edda, es ging nach Italien, zum sechsten Male im Oktober, immer noch eine gute Reisezeit. Und zum dritten und bis heute letzten Male auf die Insel Ischia, nach Ischia Porto. Ankunft natürlich erst am Folgetag, keine Zwischenübernachtung, so war das damals. Heute richtig große Fortschritte in Gehren, wir werden sehr viele Sachen bei „Gib und Nimm“ los, sogar die Fläschchensammlung und drei Kartons Krimis verschiedener DDR-Reihen. In der Post Beileidswünsche aus Ditzingen. Ein Zimmer und die Küche sind bis auf geringe Reste leer. Im Wohnzimmer jetzt deutlich mehr leere Schrankfächer als volle.

14. Oktober 2019

Der Geburtstag nach dem Geburtstag, erstmals ohne großzügiges Oma-Geschenk. Kurztrip nach Gehren, Umzugskisten werden gefüllt, Regalreihen für den Händler präsentabel gemacht. Ich verpacke für mich Teile des Frankreich-Bestandes, der arbeitsteilig bei meinen Eltern stand und auch dort gesammelt wurde: Balzac, Zola, Hugo, Stendhal. Eine Ausgabe mit Cezanne-Briefen lege ich dazu. Ich gewinne so viel Platz, dass ich die Bredel-Sammlung meines Vaters aufnehmen kann. Zur kleinen Feier fahren wir nach Frauenwald in den „Waldfrieden“, wie auch 2018 schon, diesmal mit Fleisch vom Grill, das es erst ab 17 Uhr gibt. Alles sehr gut. Ich zahle die Rechnung. Bezahlt ist auch schon der Steinmetz, die Anzahlung für Korsika und Sardinien ist geleistet. Ein Termin für den Sperrmüll ist beantragt. Einiges geht tatsächlich über eBay-Kleinanzeigen weg, sogar der alte Kühlschrank und der Elektroherd. Bei uns sieht es mehr und mehr wie in einem Warenlager aus.

13. Oktober 2019

„Der Kirschgarten“ ziemlich unentschieden, gestreckt mit Fremdtext, selbst eine Greta-Thunberg-Anspielung fehlt nicht. Es ist zum Heulen. Nun habe ich seit 2013 fünfmal Tschechows letztes Stück gesehen, beim Nachlesen meiner alten Kritiken sehe ich viele Details wieder vor mir und vermisse umso mehr eine schauspielerische Sternstunde, wie sie Nina Hoss bot. Wir kommen gut nach Hause. Ich bestücke zwei Taschen mit Büchern, die ich aus meinen Beständen mit in die Verramschung bringen will, ich brauche hier Platz. Es ist verblüffend, wie leicht ich mich jetzt von Erinnerungen trenne. Die Auflösung des mütterlichen Haushaltes, der so brutal wertlos geworden ist, wird zum Schnellkurs in Pietätlosigkeit. Bücher aus Kindheit und Jugend, von denen ich mich noch vor kurzem nie getrennt hätte, auch im Wissen, sie nie wieder in die Hand zu nehmen, nun wandern sie ab in eine ungewisse Perspektive. Es wird tatsächlich Platz in meinen DDR-Beständen.

12. Oktober 2019

In der Post heute in Gehren die letzte Ausgabe des „Deutsch Kroner Heimatbrief“. Wie es der Zufall will, am Tag nach dem Geburtstag, den es nicht mehr gab. Heimatbrief wie auch Verein lösen sich auf, es wird also auch keinen Gedenkvermerk mehr geben. Ich werde der Verantwortlichen eine Mail zukommen lassen. Das letzte Heft macht Werbung für den „Schneidemühler Heimatbrief“ und „Der Westpreuße“, vielleicht hätte meine Mutter sich das sogar als Ersatz bestellt. Nun aber scheint von denen, die noch Erinnerungen an die alte Heimat haben, kaum jemand mehr zu leben. Den Vormittag brauche ich, um wenigstens eine der offenen Kritiken zu schreiben, der „John Gabriel Borkman“ wird tatsächlich fertig. Für morgen verabrede ich, nicht nach Gehren mitzufahren. Will zu Hause vorankommen. Wir fahren nach Dresden, wollen „Der Kirschgarten“ sehen, werden von frühlingshafter Wärme überrascht, können noch auf der Terrasse sitzen. Das Riesenrad steht noch.

11. Oktober 2019

Heute wäre meine Mutter 91 Jahre alt geworden, es fehlten ihr am Ende genau zwei Wochen. Mir entging gestern erstmals seit Jahren die Vergabe des Literatur-Nobelpreises. Von Tokarczuk besitze ich ein einsames, schmales Bändchen, von Handke etwas mehr, er hat einen eigenen Aktenordner in meinem Archiv. Zu meinen Lieblingen gehört er nicht. Die Grabplatte ist wieder aufgesetzt, nun steht Gertrud unter Oswald Ullrich, die Gebinde sehen noch sehr gut aus trotz teils heftigen Regens. Einer wollte heute zum Geburtstag gratulieren, den ich seit seiner frühen Kindheit in der Talstraße kenne, aber seit Jahren weder sah noch sprach. Seine Mutter war eine meiner Lehrerinnen. Zweiter Sparkassen-Termin heute mit Sterbeurkunde. Besuch bei einer Frau aus dem Handarbeitszirkel des Gehrener Kulturbundes, Schufterei an den Bücherregalen. Die Allianz hat tatsächlich bereits den Restbetrag erstattet, die Rentenversicherung die Rente zurückgebucht, beides rekordverdächtig.

10. Oktober 2019

Ganz nebenbei geht es auch in unserer Wohnung rund, die Rennerei ist messbar: ich komme den vierten Tag in Folge auf mehr als 10.000 Schritte. Ich brauche Platz für alles, was ich mitnehme in meine Regale. Ich entfalte wilden Entsorgungseifer. Trenne mich von Dingen, um mich nicht von Dingen trennen zu müssen. Nebenbei immer ein Blick auf Ibsen. Ich sehe erstmals „John Gabriel Borkman“, die Premiere am 13. September verpasste ich wegen des Urlaubs. Ich werde zeitiger losfahren, kenne nunmehr den Umleitungsweg, der nicht ausgeschildert ist. Die großformatigen Märchenbände, die ich einst aus Berlin anschleppte aus dem tschechischen Kulturzentrum, finden einen guten Platz. Ich sortierte alle Ungarn-Bestände neu, schaffe Platz im Keller für Zeitschriften, an deren Platz in der Wohnung Bücher landen. Im Kalender steht heute der Ein-Euro-Tag, den wir nun nicht mit einer einzigen Fahrt nutzen können: Zeitmangel. Apothekenwunder: alles auf Lager.


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