Tagebuch

19. November 2017

Die alten Zeitungen der vorigen Woche enthalten schon wieder eine Todesanzeige, die mich zu fernen Kinderheitstagen führt. Der Verstorbene hat das stolze Alter von 96 Jahren erreicht, war nur fünf Wochen jünger als mein Vater, der nun schon 13 Jahre nicht mehr lebt. Er hatte einen Obst- und Gemüsehandel, das wenige, das es gab, kaufte man bei ihm in der Dimitroff-Straße, drei, vier Stufen stieg man hoch. Es waren Geschichten im Umlauf über ihn, Frauengeschichten. Wie das so ist in kleinen Orten, denen auch das Stadtrecht wenig Städtisches verleiht. Aus Dresden bringen wir das mehr als angenehme Erinnern an eine „Minna von Barnhelm“ mit, die aberwitziges Traumspiel und Slapstick mit Stummfilm-Anmutungen verband. Im kommenden Jahr können wir fast ein Zelt aufschlagen am Staatsschauspiel, Gastspiele aus München, Berlin und Zürich, dazu gesellen sich Eigenproduktionen, die in unser Beuteschema fallen: Ibsen, Ionesco dabei, Brecht, auch Schiller.

18. November 2017

Weil es nicht von allerhöchster Wichtigkeit ist, was ich heute so treibe in Dresden und Umgebung, befülle ich diese Tagesration mit einem Luther-Satz, den Ricarda Huch zitierte in ihrem zuerst 1916 erschienenen Buch „Luthers Glaube. Briefe an einen Freund“: „Denn wie der stark Wein den Kindern der Tod ist, also ist er der Alten Erquickung des Lebens.“ Im immer noch nicht ganz verklungenen Luther-Jahr wäre das Buch durchaus kein Fehlkauf, zumal es auch die Autorin in einem durchaus guten Licht stehen lässt. Was wir von dem am 20. November 1999 verstorbenen Dr. Rolf Denecke leider nicht sagen können. Hätte der nur „Goethes Harzreisen“ geschrieben, wäre alles im grünen Bereich. Er fühlte sich unglücklicherweise auch berufen „Gestalten deutscher Dichtung“ mit einem Anhang „Gestalten westeuropäischer Dichtung“ zu veröffentlichen, und dort finden sich so grobe sachliche Fehler, dass einem der atheistische Glaube an die Berechtigung von Doktortiteln verfliegt.

17. November 2017

Grundsätzlich ist der Gedanke, dass ein Heer von mittlerweile zweieinhalb Millionen Grauhörnchen eine Resttruppe von 140.000 fuchsroten Eichhörnchen im Mutterland des Brexit den Garaus zu machen droht, fürchterlich. Eine nicht unbekannte Berliner Zeitung nannte die Grauen „robuste Importhörnchen“, englische Adlige sollen die amerikanischen Puschelschwänze einst in ihre Parks eingeschleppt haben. Und dann ging es halt wie mit den Waschbären, die freilich keinerlei fuchsrote Artgenossen verdrängen, die leeren einfach das Futter aus Vogelhäuschen, wenn es sich anbietet, nur Sonnenblumenkerne munden ihnen offenbar nicht, wie ich einer ebenfalls nicht unbekannten Suhler Zeitung entnahm. Ansonsten fahre ich heute mal wieder nach Dresden, Lessing zu sehen. Ich mache auf Max Herrmann aufmerksam und abermals auf Ricarda Huch, die auf den Tag fünf Jahre nach ihm starb. Auf der Suche nach dem Namen Huch las ich in der „Schicksalsreise“ von Döblin.

16. November 2017

Mein Tischkalender erinnert mich daran, dass ich am 16. November 1997 eine Reise antrat, die bis zum 19. November dauerte. Es war meine bereits vierte Brüsselreise, die ich mit der Europäischen Akademie Arnstadt und dem Collegium Jenense unternahm, zwischendurch war ich auch einmal rein touristisch in Brüssel. Rückblickend vermischen sich die Erlebnisse dieser Touren, denen noch vier weitere folgten, deren letzte nun auch schon wieder mehr als 13 Jahre zurückliegt. Diese Tour aber sah einen leibhaftigen Schwager an meiner Seite, dem ich den Reiseführer vorspielen konnte. Und an diesem Sonntag war es 14 Grad warm. Natürlich der Fußmarsch zum Grand Place, natürlich die Runde durch die Fressgassen, unter den Arnstädter Teilnehmern einige, die ich aus meiner Zeit in den dortigen Redaktionen am Ried und in der Zimmerstraße gut kannte. Wir tranken unser Leffe Dunkel an der Hotelbar, was vorher wie nachher nicht zu meinen Abend-Gewohnheiten gehörte.

15. November 2017

Ist eine Politik, die ihre Ziele verfehlt, scheinheilig? Die Hamburger ZEIT ging dieser Frage kürzlich nach, ich habe mir die Lektüre des Dossiers verkniffen, weil ich glaube, dass alle Politik seit der Antike ihre Ziele verfehlt. Nach dieser Logik gäbe es nur scheinheilige Politik. Wenn aber aus einer Gesamtmenge all ihre Elemente gleich sind, sind sie zwar dadurch charakterisiert, aber kein Gegenstand mehr für Medien, die selbst immer gern erzählen, dass Männer beißende Hunde uninteressant sind. Die lockere Abfolge von Geschichten über Hunde beißende Männer führt in der Konsequenz dazu, dass große Menschengruppen, die man altertümlich Mehrheiten nennen dürfte, sich aus medialer (und politischer) Wahrnehmung ausgeschlossen fühlen, was wiederum zu einem Wahlverhalten führt. Die Frage, ob ein verfehltes Ziel eventuell ein unrealistisches war, liegt so nahe, dass um ihretwillen in die Gedankenferne zu schweifen Unfug ist. 32 von 40 ist ziemlich viel.

14. November 2017

Immer, wenn ich meinen gelben Stoffbeutel mit der Werbung für einen in Erfurt einst ansässigen Fruchtgummi-Laden aus dem Rucksack gezogen habe, wo er, dem Vorbild von Ernie und Bert folgend, stets mit mir unterwegs ist, falls es einmal Groschen regnet, immer dann beobachte ich aufmerksame Stielaugen, die die Schrift zu entziffern suchen. Heute, am Welt-Diabetes-Tag, denke ich voller Wehmut an die Zeiten, da ich Fruchtgummi aß wie eine alte Waldohreule Mäuse. Jetzt darf ich zwar noch Auto fahren, andere Diabetiker sind da schon weiter, aber ich esse nur noch selten Gummitiere. Dafür lese ich am Morgen Klaus Mann, der seinen amerikanischen Lesern im März 1947 „Die literarische Szene in Deutschland“ vorstellt. Die sowjetische Besatzungszone kommt trotz klar erkennbarer doktrinärer Tendenzen deutlich besser weg als die Westzonen. Ich werde gelegentlich darauf zurückkommen, es muss nicht immer ein Jubiläum äußerer Anlass sein.

13. November 2017

Der Schnee von gestern liegt noch herum, das Reh von gestern, unser Erst-Reh, wenn man so sagen darf, wird noch länger herumliegen, im Erinnerungsfundus an die Kochkünste der mir gesetzlich verbundenen Angehörigen, nein, nicht mehr: des anderen Geschlechts, sondern: eines der anderen Geschlechter. Hat sie wirklich oberfein gemacht. Währenddessen blättere ich heute alles andere als selbstvergessen in einem Tagebuch aus dem Jahr 2007, in dem ich schrieb: „In dem Stuttgarter Reclamband mit Interpretationen zu deutschen Kurzgeschichten las ich zwei Beiträge eines Hamburger Professors (Name geschwärzt - TB), Texte, die daran zweifeln lassen, ob im großen offenen Deutschland wirklich die richtigen Leute eine Professur bekommen.“ Ich bin entsetzt, worüber ich mir früher so Gedanken machte. Mein Fleiß hat gegenüber damals übrigens nicht nachgelassen, nur die Ausdauer ist zehn Jahre älter geworden. Und nun ganz fix an die Arbeit.

12. November 2017

Ausgerechnet eine Revolutionsrevue mit dem schönen Titel „50 Rote Nelken“ riss ihn aus dem Leben am 12. November 1967. SDS-Studenten randalierten im Frankfurter Zoo-Gesellschaftshaus, sie hätten es gern wilder gehabt. So starb Kurt Barthel, der sich KuBa nannte, mitten in Feindesland als Begleiter eines Gastspiels des Rostocker Volkstheaters. In die Geschichte ist er eingegangen wegen seines am 20. Juni 1953 von NEUES DEUTSCHLAND gedruckten Pamphlets „Wie ich mich schäme“, das einen gewissen Brecht dazu brachte, sein Gedicht „Die Lösung“ zu schreiben mit dem Vorschlag, die Regierung möge ihr Volk auflösen und sich ein neues wählen. KuBas ewiger Getreuer Erhard Scherner rühmte ihn anlässlich seines 100. Geburtstages am 8. Juni 2014, natürlich in NEUES DEUTSCHLAND, mit der Überschrift „Der konnte träumen“. Vielleicht wäre es besser gewesen, Kurt Barthel hätte sehen gekonnt, manchen half das, wenngleich nicht allen.

11. November 2017

Genau ein Jahr ist Ilse Aichinger jetzt tot und immer noch murmelt die Fama, sie hätte viel eher als Elfriede Jelinek den Nobelpreis verdient. Mit einem Trump-Stück ist Elfriede derzeit auf Bühnen und bastelt vermutlich längst an einem Kim. Unter uns Banausen zählen Textflächen nicht, die Karawane bellt, der Hund zieht weiter. Ein Anruf in Hamburg ergab, dass die ZEIT Sparpotentiale entdeckt hat, die sie nicht so nennt: sie hat den Kalender gestrichen, den augenfreundlichen, in dessen Zeilen man etwas lesbar schreiben konnte: seine Theater-Termine zum Beispiel. Da ist es wiederum gut, wenn rings nur noch Romane auf die Bühne kommen, dieser Tage bedauerte ein Kritiker, dass „Das siebte Kreuz“ von Anna Seghers es jetzt erst zum zweiten Male geschafft habe. Der Kalender für September bis Dezember, den es noch gab, ist leer, als hätte ich das Eintragen verpennt. Nein, habe ich nicht. Es kommt einfach nichts, was mich interessiert. Ist meine Schuld.

10. November 2017

Die drei Bücher, die ich in Budapest für 294 Forint erwarb im zweiten vorehelichen Urlaub mit meiner Frau anno 1975, hätten im Westen Deutschlands zusammen 16,40 DM gekostet. Wir sehen, das war vor unserer Zeitrechnung, ein ganzer Roman von Norman Mailer war nur halb so teuer wie heute ein Nachrichten-Magazin aus Hamburg. Die 294 Forint waren in Aluminium umgerechnet 73,50 Mark der DDR, was einen DM-Kurs von rund 1 zu 4,50 bedeutete und das innerhalb des so genannten Warschauer Vertrages. Damals wussten wir nicht, dass die befreundeten Ungarn sich jeden Urlauber-Forint in zweitaktigen Papp-Fahrzeugen erstatten ließen, weshalb wir nur sehr begrenzt tauschen durften, weil unsere Pappen selbst innerhalb der DDR weltweit gefragt waren. Heute ist der gute Norman Mailer genau zehn Jahre tot. Die Paperback-Bücher, die ich seinerzeit kaufte, sind „… am Beispiel einer Bärenjagd“, „Der Alptraum“ und „Auf dem Mond ein Feuer“.

9. November 2017

Weil Iwan Turgenjew am 9. November 1818 geboren wurde, ist heute sein 199. Geburtstag. Wir müssen kein Turbo-Abitur abgelegt haben, um zu ahnen, dass zu seinem 200. Geburtstag in genau einem Jahr wegen des Jubiläums einer missratenen deutschen Revolution und diverser auf dieses Datum fallender so genannter geschichtsträchtiger Tage so ein Russe vielleicht ein wenig vergessen werden könnte, obwohl sein Vorname Iwan ist. Rufen wir also unverbindlich das Turgenjew-Jahr aus, viel Schaden können wir damit kaum anrichten. Am 10. November sind der Österreicher Max Mell und der Schlesier Arnold Zweig geboren, 1882 der eine, 1887 der andere. Einmal hat der Österreicher ein Drama des Schlesiers besprochen, die Kritik stand am 21. Oktober 1919 im „Wiener Mittag“, es ging um Zweigs einst Furore machendes Stück „Ritualmord in Ungarn“ das später den Titel „Die Sendung Semaels“ erhielt. Max Mell bescheinigte hohe künstlerische Qualität.

8. November 2017

Komische Sache das: am 8. November 1947 brachte das Deutsche Schauspielhaus Hamburg die deutsche Erstaufführung von Carl Zuckmayers „Des Teufels General“, knapp ein Jahr nach der Uraufführung in Zürich am 14. Dezember 1946. Und dennoch erwecken sowohl Zuckmayer selbst rückblickend als auch mehrere ihm entweder ahnungslos oder aus unerfindlichen Gründen folgende Autoren den Eindruck, als hätte es die deutsche Erstaufführung in Frankfurt am Main gegeben. Das Gebell der marxistisch-leninistischen Kritik setzte erst nach der ersten Berliner Aufführung ein und noch 1981 lieferte der Westberliner Autor Henning Müller DDR-Lesern eine Brachial-Vernichtung von Autor und Stück, wie sie nur möglich ist, wenn man vom Stück und seinem Text, von näheren und weiteren Zusammenhängen vollkommen absieht. In Zürich spielte den General Harras Gustav Knuth, in Hamburg den Ingenieur Oderbruch der geniale Bernhard Minetti. Hätte ich gern gesehen.


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