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Tagebuch
28. Juli 2026
Mehr als sechs Jahre ist es her, dass ich „Fritz Usinger: Marie Luise Kaschnitz“ ins Netz stellte. Meine drei Usinger-Bände aus der Werkausgabe der Waldkircher Verlagsgesellschaft (Friedberger Ausgabe) liegen (wegen mangelnden Platzes an der richtigen Stelle) nicht ganz passend quer über Johannes R. Becher. Es gibt schlechtere Liegeplätze in meiner aus sämtlichen Nähten platzenden Bibliothek. Und nun ein Anruf aus Traben-Trarbach, wo ich im Mai 1994 schon einmal war, einer von zwei Männertagsausflügen mit meinem Vater. Eine Kunsthistorikerin, Jahrgang 1940, wie sie mir verriet, bedankte sich für meinen Beitrag mit Worten, die ich sehr gern hörte, aber hier für mich behalte. Es stellte sich heraus: sie hat Fritz Usinger mit ihrem Vater noch selbst kennengelernt und verfügt über Nachlass-Schätze. Und es gibt Bezüge zu Henry Benrath, der eigentlich Albert Heinrich Rausch hieß, geboren eben im hessischen Friedberg. Wir werden Mail-Kontakt halten.
27. Juli 2026
Langsam wäre für den Vorgang eine DIN-Norm fällig: Erst das Verbrechen, dann die Betroffenheit, Fassungslosigkeit, der Blumenhaufen und die Kerzen in ihren roten Behältern. Die übliche Frage: Hätte es verhindert werden können? Die übliche Antwort: Nein. Es werden erste Konsequenzen gefordert. Noch nie ist jemand zu den zweiten oder dritten Konsequenzen vorgestoßen. Die Frage, ab wann wusste Angela Merkel wovon, ist nicht mehr zu stellen. Der junge Mann mit seinem stets griffbereiten Pappschild: Warum? ist inzwischen erwachsen geworden. Jedenfalls sieht man ihn nicht mehr: nirgends. Für die Ukraine ist das wieder sehr schlecht. Man spricht nicht mehr von ihr. Und dann brennen auch noch Wälder. Können sich die Ereignisse nicht besser untereinander abstimmen. Immerhin sehen wir Korrespondenten, die wir vorher nie sahen. Am 27. Juli 1946 starb in Paris Gertrude Stein. Lebensgefährtin Alice Babette Toklas überlebte sie um mehr als 20 Jahre.
26. Juli 2026
Mein Geburtstagskalender erinnert an Ana Maria Matute, doch irrt er an dieser Stelle, denn die Spanierin war im vorigen Jahr an der Reihe mit ihrem 100. Geburtstag. Solche Fälle kommen vor und nicht in die Hauptnachrichten. Im Jubiläumsjahr von Hermann Kant versucht sich wieder einer einmal in der Übung „Ich will nicht Minister werden“, es wird allerdings kaum ein Roman über ihn daraus werden. Verkehrsminister ist ein Job wie Wirtschaftsminister in der freien Marktwirtschaft: man ist zuständig für Rahmenbedingungen, nicht etwa für Wirtschaft oder gar Verkehr. Eine Brücke ist in China gebaut und eingeweiht, wenn bei uns die zweite Planungsphase beginnt und Grüne langsam ihre Zuchten im Keller prüfen, wann genau sie nun entsprechende Frösche, Fledermäuse oder Schmetterlinge aus der Kiste lassen müssen, damit sie mit finalen Erfolgsaussichten das verzögern können. Und dann auch noch Abdul zum Christopher Street Day. Wieder kein Rechter.
25. Juli 2026
Wenn ich morgens versonnen, versonnen ist natürlich Quatsch, klingt aber stimmungsvoller, in meinen beiden Teegläsern rühre, denke ich regelmäßig an einen einfachen Schulversuch aus der Zeit vor unserer Zeit. Es ging um die gesättigte Lösung. Wenn man lange genug Zucker in Wasser schüttet und rührt, Tee ginge auch, dann kommt der Punkt, an dem sich der Zucker trotz heftigsten Rührens nicht mehr auflöst. Da mir sonst nie etwas aus Schülerzeiten plötzlich vor Augen steigt, muss das besonders einprägsam gewesen sein. Würde ich meinen vierten Roman schreiben, könnte ich lange darüber meditieren, warum eben dies und nichts anderes. So aber nehme ich diesen doch angenehm sonnigen Samstag als Tag, an dem die Rentenerhöhung im Briefkasten liegt. Bei der Wahl, ob ich mich über die vielen Abzüge ärgere oder über die Netto-Erhöhung freue, entscheide ich mich für oder. Ich musste nicht auf den nächsten Parteitag warten: der Mensch im Mittelpunkt.
24. Juli 2026
Nicht immer ist die Tagesschau so auf Offenbarungseid aus wie heute. Wie sehr hat die Regierung diesen Neustart verpatzt? Fragt der Moderator den Mann vom Hauptstadtstudio. Es geht um die noch nicht abgeschlossene Regierungsumbildung. Klar also von vornherein: Verpatzt. Die dazu passenden Stimmen aus der Opposition und der patzenden Regierungspartei selbst, einer aus der fast unerschöpflichen Riege der Beobachter. Ich erinnere mich an meine frühen Journalistenzeiten in Suhl: Wir brauchen eine parteilose Mutter von drei oder mehr Kindern, die die Maßnahmen von Partei und Regierung „vollinhaltlich“ unterstützt. Alle Kollegen hatten einen Vorrat solcher Mütter in ihrer Kartei. Nun war nur noch auszukegeln, wer seine besuchen durfte, ihr ihre vorformulierte Meinung zur Unterschrift vorzulegen. Friedrich Merz ist der unbeliebteste aller Kanzler. Wenn wir das vergessen, müssen wir ARD einschalten, die sagen uns das nach Bedarf und gegen Gebühr.
23. Juli 2026
Auf ausdrücklichen Enkel-Wunsch heute Fahrt nach Schmalkalden in die Nougat-Allee. Dort waren sie schon und es gefiel beiden so gut, dass ihnen ein erneuter Besuch erstrebenswert schien. Heute offenbar Rentnerinnen-Tag in der Nougat-Welt, Heerscharen von Rollator-Fahrerinnen besetzten die Fotopunkte und die Nasch-Stellen. Auch als wir an Tisch 1 unsere Pizzen vertilgten, marschierten große Gruppen an ihre vorbestellten Kaffeetische, am Tresen reihenweise Kuchenteller für sie. Auf dem Rückweg kurzer Halt an einem Getränkemarkt, der mit elf Biere eintrug, die ich verdächtige, noch nicht in meiner Sammlung vertreten zu sein. Der Leergut-Automat im Ilmenauer Kaufland verweigert neuerdings Flaschen ohne Etiketten, was er früher nie tat, was wiederum das Personal tapfer lügend verneint. Als müssten die Etiketten nicht ohnehin von ihren Flaschen entfernt werden für die nächste Befüllung. Andere Automaten anderer Märkte nehmen die Flaschen anstandslos.
22. Juli 2026
Da ich nicht der einzige Opa meiner Enkel bin, ist heute der andere an der Reihe, holt sie bei uns ab und bringt sie abends wieder. Weil es ihn gibt, brauchen wir mit ihnen keine Ausflüge nach Erfurt zu unternehmen, Erfurt ist sein Revier. Ich lese „Es lebten einst zwei Brüder“ von Günther Rücker und beende damit den dialog-Band „Höchste Zeit. Hörspiele“ aus dem Jahr 1989. Ob es vor dem letzten Band von 1991 noch einen gab, der 1990 erschienen sein müsste, weiß ich trotz intensiver Nachforschung bis jetzt nicht. Dieser Band wäre für die Dokumentation der Hörspiele des DDR-Rundfunks aus dem Jahr 1988 zuständig gewesen. Sie fehlen zur Vollständigkeit meiner Sammlung, die ich inzwischen auch systematisch las und lese. Gerade die Überblicke über Jahresproduktionen sind immer sehr aussagekräftig und bieten manche Überraschung. Ich könnte eine Statistik der am meisten eingesetzten Sprecher aufstellen oder eine Liste aller finnischen Hörspiele im DDR-Radio.
21. Juli 2026
Wenn überm Eingang des Schwimmbads Hammergrund eine 13 zu sehen ist, heißt das: es sind bis eben genau 13 Besucher gekommen. Wir treiben die Zahl mit Schwung auf 17, werden freundlich von der Frau begrüßt, die in Zeiten des Ansturms im Kassenhäuschen sitzt, ich habe bei ihr früher manches Brötchen gekauft, bis mir Corona den wöchentlichen Gang zum Bäcker abgewöhnte. Es war einfach nicht lustig, bei Wind und Wetter in einer 200 Meter langen Schlange zu stehen und innen von drei Verkäuferinnen allein bedient zu werden, bis der nächste eintreten durfte. In Berlin würden Familienkarten zum Ilmenauer Preis in Hitzetagen zum Zusammenbruch des Systems führen. Besonders dicke Jungen hatten heute das Bad fast für sich, es waren nur zwei da, dünnere Berliner wären ohne Bademantel aufgeschmissen. Der Imbiss-Anbieter ließ mangels Kundschaft den Rollladen unten, wir verspeisten Mitgebrachtes. Zwischendurch fielen einige Einzeltropfen.
20. Juli 2026
Wer während eines ganzen Turniers nur ein einsames Tor kassiert, wird Weltmeister. Wir hatten zum Kassieren unserer Tore eigens einen Rücktritt vom Rücktritt inszeniert. Jeder, wie er kann. Sehr oft haben leibhaftige Könige nicht reihenweise junge Männer zu umarmen, die nicht mehr ganz frisch riechen. Sehr oft stellt sich auch kein orangefarbener Präsident mit aufs Siegerfoto, das aber das lässt heute leicht löschen aus dem Foto. Selbst ich habe schon einen dicken Knaben in Garmisch-Partenkirchen ersatzlos mit dem Objektradierer ins Diesseits befördert, in Frankfurt am Main latschte mir eine Frau vor die Linse und jetzt ist sie auf dem Pflaster nicht mehr zu erkennen, nicht mal ihr Umriss. So verstieß ich nicht gegen ihr Persönlichkeitsrecht. Werner Ilberg hat heute seinen 130. Geburtstag. Sein „Die Fahne der Witwe Grasbach“ stand im Bücherschrank meiner Eltern, sein „Unser Heine“ steht in meiner recht ansehnlichen Heine-Sammlung. Ilberg starb 1978.
19. Juli 2026
Zehn Tore in einem Halbfinale und das beruhigende Gefühl, es war die optimale Variante für alle, die Organversagen hätten befürchten müssen, wenn ein deutscher Trainer die drei Löwen zum Titel nach sechzig Jahren geführt hätte. So führte er sie zur Bronzemedaille, das Leben geht weiter und die seltsame Lehre heißt: ohne Kane und Bellingham schießen die Mutterland-Fußballer mehr Tore als mit den beiden. Auch die Abwesenheit des Torwartes kann hilfreich sein, unser Torwart half als Neuer ja auch nicht wirklich, eigentlich hätte er sich Alter nennen müssen. Zur Belohnung muss Julian nun pausieren, bis der nächste Job ruft. Ausflug nach Sonneberg ins Spielzeugmuseum, das uns überrascht durch eine Präsentation für Alt und Jung. Wir hatten Wiedererkennungseffekte und die lieben Enkel mussten erleben, dass unter AfD-Herrschaft die Döner weniger als die Hälfte des Berliner Preises kosten. Heimwärts noch Goldisthal, oberes Becken, der Aussichtspunkt zu Fuß.
18. Juli 2026
„Tod eines deutschen Clowns“ heißt das am 15. März 1987 urgesendete Hörspiel von Holger Jackisch, in dem Ekkehard Schall den Paul Scheerbart sprach. Ich las es mit knapp 40 Jahren Verspätung. Meine große Scheerbart-Phase liegt ein wenig zurück, damals versorgte ich mich auch mit den Ausgaben der Edition „Frühe Texte der Moderne“, die in Scheerbart einen ihrer Klassiker feierte. Am 8. Januar 2013 stellte ich meine Sicht auf „Der Aufgang zur Sonne. Hausmärchen“ ins Netz. Eintreffen der Enkel zu ihrer Oma-Opa-Woche. Diesmal drohen ausgerechnet kühlere Tage die Fahrt zum Hammergrund-Bad zu gefährden. Uns wird etwas einfallen, falls es wirklich zu kalt sein sollte. Die beiden letzten Spiele der WM stellen Anforderungen an die Kondition. Was 23 Uhr beginnt, geht mindestens bis weit nach Mitternacht. Heute wird es England gegen Frankreich geben. Wer hält durch bis zum Ende, wer rückt zur Halbzeit ins Bett? Sämtliche Trinkpausen eingerechnet.
17. Juli 2026
Null zu Null ist ein auch in dieser Höhe verdientes Ergebnis und Argentinien könnte die erste Nation sein, die ihren Weltmeister-Titel verteidigt. Irrtum, Tagesschau. 1938 hat Italien den 34er Titel verteidigt und 1962 Brasilien den 58er. Argentinien könnte also auf Platz 3 der Verteidiger einlaufen. Recherche im Nachrichtenjournalismus wird allgemein überschätzt. Ich will an Brigitte Rost denken, die heute 90 Jahre alt wäre, wenn sie noch leben würde. Sie war einmal ein Weilchen im Zirkel schreibender Arbeiter des Glaswerks, den ich gegen ein erfreuliches Honorar leiten durfte. Dann brachte der Verlag meines Freundes Escher 2001 ihr Buch „Augen-Blicke“ heraus und ich lernte, das es unmöglich ist, das Buch einer guten Bekannten halbwegs neutral zu besprechen. Der gute alte Reich-Ranicki kritisierte nie Siegfried Lenz, sie waren befreundet. Heute gibt es ganze regionale Literatur-Magazine, die fast nur dem gegenseitigen Lob der beteiligten Autoren dienen.