Tagebuch

23. Januar 2024

Es lohnt sich, darüber nachzudenken, warum ausgerechnet Ratten und Würmer von gedankenlosen Bürgern und Bürgerinnen gern in Zusammenhang mit Lesen und Büchern gebracht werden: die Leseratte, der Bücherwurm. Bei William Somerset Maugham ist der Bücherwurm wenigstens einer, um den man sich, was seine Lektüre betrifft, keine Sorgen machen muss. „Ich wende mich nicht an den Bücherwurm. Der findet sich schon allein zurecht. Seine Neugier führt ihn auf viele einsame Pfade, und es bereitet ihm Genuss, halbvergessene Schätze zu entdecken.“ Ganz in diesem Sinne entdeckte ich vor vielen Jahren Emanuel von Bodman, dessen heutiger 150. Geburtstag mir zum Anlass wurde, etwas ausführlicher an ihn zu denken. Ihn unter die Schätze zu reihen, ist vielleicht übertrieben, aber was ein Schatz ist, entscheidet ja letztlich allein der, für den es ein Schatz ist. Das kann ein Kronkorken von der Insel Nauru sein oder eine Käthe-Kruse-Puppe von Oma Gertrud.

22. Januar 2024

Am 22. Januar 1974 grübelte ich über Schreibpläne, an die ich mich heute mühsam erinnern muss. Ich hatte zu tun mit den jungen Damen in der TH-Bibliothek, von denen mir eine jeweils über die anderen etwas erzählte, was ich gar nicht unbedingt wissen wollte. Sogar, wer vorsorglich die Pille nahm, wusste ich nun. Ich arbeitete mich voran in „Meinetwegen Schmetterlinge. Gespräche mit Schriftstellern“, geführt von Joachim Walther. Das Gespräch mit Günter Kunert hatte er am 4. Juli 1972, da war ich noch ein tapferer NVA-Soldat. Dreißig Jahre später, beginnend am 1. Januar 2004, las ich 27 Bücher von Kunert in unmittelbarer Folge, allein im Januar 16. Bis zum Jahresende kamen weitere 14 Titel hinzu, ich wurde Kunert-Experte. Lothar Trolle dagegen gehörte nie in mein Beuteschema, weshalb es mich auch nicht berührte, dass Frank Castorf, der Dekonstruktions-Guru, ihm einen Insider-Theatererfolg verschaffte. Trolle ist heute 80 Jahre alt und hoffentlich gesund.

21. Januar 2024

Mit dem heutigen Tag ist Lenin einhundert Jahre tot. Ich gebe zu, dass ich sehr viel von ihm gelesen habe. Direkt aus der vierzig-bändigen Ausgabe seinerzeit, die ich bis heute nicht dem Altpapier zu übergeben übers Herz brachte. Zum Beispiel beendete ich am 23. Januar 1976 „Materialismus und Empiriokritizismus“, nachdem ich am 19. Januar eine broschierte Einführung dazu gelesen hatte. Ich erholte mich von Lenin, indem ich anschließend „Ansichten eines Clowns“ und „Das Brot der frühen Jahre“ von Heinrich Böll las. Am 19. September 1976 brachte ich „Der linke Radikalismus, die Kinderkrankheit im Kommunismus“ zu Ende und hatte Freunde aus Dresden und Berlin, die nichts Schöneres kannten, als sich mit linkem Radikalismus zu befassen. Bis Ende 1976 ließ ich noch „Zwei Taktiken der Sozialdemokratie in der demokratischen Revolution“ und „Was sind die Volksfreunde und wie kämpfen sie gegen die Sozialdemokraten?“ folgen. Bereut habe ich das nie.

20. Januar 2024

Ein Karpfen von guten zwei Kilo kostet mittlerweile mehr als einst meine zwölfbändige Goethe-Ausgabe aus der „Bibliothek deutscher Klassiker“. Fortschritt würde ich das nicht nennen. Aber die Fischer verkaufen ihre Fänge zu ihren Preisen, die Milchbauern für ihre Milch nie erzielen, obwohl selten Fischer mit Netzen und Käschern vorm Brandenburger Tor demonstrieren. Bisweilen geraten den Karpfen-Fischern Hechte ins Netz, die auch zu ihren Preisen verkauft werden an Menschen, die eine vage Vorstellung davon haben, was so ein Hecht für einen Wert hat. Der Preiskampf zwischen großen Einzelhandels-Unternehmen und großen Lebensmittelproduzenten führt, um keine Namen zu nennen, zur Abwesenheit von Waren in den Regalen. Leere Regale, die weder auf Corona noch auf sozialistische Planwirtschaft zurückgeführt werden können, fördern dennoch Systemzweifel. Man kann nur hoffen, dass die AfD das nicht zum Thema macht. Was sagt „Correktiv“ denn dazu?

19. Januar 2024

August Heinrich Hoffmann, der sich auf elegante Weise selbst adelte, indem er sich Hoffmann von Fallersleben nannte, war, ohne dass er es ahnte, ein Pechvogel. „Von der historischen Rolle des Proletariats wusste er nichts, obwohl sein Leben sich bis in das Jahr 1874 erstreckte.“ So ein real-sozialistisches Bildungsbuch der DDR, von dem ich eine Auflage aus dem Jahr 1977 besitze. Es gab, wissen wir rückblickend, ganze Völkerschaften, Heerscharen, Legionen, jedenfalls Massen aller Art, deren Leben sich erstreckte, ohne dass sie je von der Rolle des Proletariats erfuhren und wenn sie etwas hörten, erwies es sich auf längere Strecken als blanker Blödsinn. Hoffmann von Fallersleben schrieb „Maikäfer flieg“ und „Ein Männlein steht im Walde“, Kinderlieder, von denen sämtliche Strophen gesungen werden dürfen. „Deutsche Frauen, deutsche Treue, / Deutscher Wein und deutscher Sang“ darf nicht mehr gesungen werden. Heute vor 150 Jahren starb der Sänger.

18. Januar 2024

Tatsächlich hat es anständig geschneit. Das Unwetter, von Tief Gertrud verursacht, hat uns dennoch nicht erwischt, meine Mutter hätte sich im Grabe umgedreht, wofür ihr guter Name herhalten muss. Vor 25 Jahren versuchte ich, von meinem Bungalow 250 im Landal Green Park Aelderholt aus den Tierpark in Emmen zu finden. Es misslang mir. Damals kostete der Liter Benzin vor der Grenze zu den Niederlanden noch zwischen 1,49 und 1,52: Mark. Gut, dass ich solche Dinge aufgeschrieben habe, die Nachwelt würde es kaum glauben. Der Preis hat sich also alles in allem fast verdreifacht seither. Die unnötigen Fahrkilometer allerdings, die mir ohne Navi damals fast jede unerwartete Umleitung eintrug, die würde ich heute nicht mehr fahren. Dass meine letzten Übernachtungen in Holland jetzt schon fast 15 Jahre zurückliegen, ist eine schwer verdauliche Tatsache. Die Zeit rast, sagt das Phrasenschwein, im Alter schneller und schneller. Ich verlange keinerlei Richtigstellung.

17. Januar 2024

„Was tun?“ fragte 1902 Lenin, dessen 100. Todestag immer näher rutscht, was selbst völlig Lenin-ferne Medien in milde Unruhe versetzt. Ich gehöre zu denen, die das Buch als Student komplett zu Ende lasen, Wikipedia kennt heute noch nicht einmal die Ausgabe innerhalb der 40 braunen Bände, sich damit auf dem üblichen West-Niveau haltend, das zwar sonst jeden Furz nur aus einer, falls vorhanden, Historisch-Kritischen Gesamtausgabe zitiert, hier aber mit albernen Editionen arbeitet. Die Frage „Was tun?“ bewegt mich heute keineswegs als Frage an die Avantgarde des Proletariats, sondern als Frage an die nicht vorhandenen Fachkräfte innerhalb desselben. Fachkräftemangel, das Faktum, mit dem manche auf sittenwidrige Weise die Frage unkontrollierter Zuwanderung koppeln, hat uns eben knapp neben das Herz getroffen. Unser Autohaus schließt, es hat zu wenig Fachkräfte, das geforderte Niveau zu halten. Also wird es Kunden verlieren. Uns erst einmal noch nicht gleich.

16. Januar 2024

Es ist fast 60 Jahre her, dass ich das Buch „Grau-Eule“ von Michail Prischwin in mein ganz frisches Lese-Register eintrug. Es hat dort die Nummer 132, ich war elf Jahre alt, als ich es las. Verblieben ist aus den alten Beständen das Heftchen „Tiergeschichten“ aus dem längst verflossenen Volk und Wissen Verlag, ein antiquarisch erworbenes Buch „Die Flöte Pans“ mit Erzählungen und Skizzen. Die Tiergeschichten kosteten 1949 30 Pfennige und erschienen in der sagenhaften Erstauflage von 100.000 Exemplaren. In Konstantin Paustowskis „Begegnungen mit Dichtern“ findet sich auch Prischwin auf 18 Druckseiten. Was bei ihm fehlt an Angaben und Fakten, bringt Ilma Rakusa in ihren Streifzügen durch die russische Literatur mit dem Titel „Von Ketzern und Klassikern“. Sie fragt schlicht „Wer war Michail Prischwin?“ Das Buch „Grau-Eule“ ist ihr offenbar entgangen. Als es 1954 in der DDR erschien, lebte Prischwin schon nicht mehr: er starb am 16. Januar in Moskau.

15. Januar 2024

Die Druckversion des Wikipedia-Artikels für Ruth Berlau kommt auf 20 Blatt Länge, auf 50 Bearbeiter, wobei der Kollege Fueras für 82 Prozent aller Zeichen verantwortlich ist. Ruth Berlau, was natürlich sehr ungerecht ist, verdankt ihre Bekanntheit ihrem Verhältnis zu Brecht, dem Liebes- wie dem Arbeitsverhältnis, was von Brechts Seite her gesehen unter die Normalfälle gehörte. In meinen sehr überschaubaren Beständen an dänischer Literatur steht auch „Jedes Tier kann es“, Erzählungen von Ruth Berlau, die eine Dänin war, auch wenn sie schließlich und endlich vor 50 Jahren in Ost-Berlin starb. Einer aus der großen Schar der Brecht-Biografen, Klaus Völker, hat ein Nachwort geschrieben, das so endet: „Als ihr Krankenlager in der Charité in der Nacht vom 15. zum 16. Januar 1974 in Flammen aufging, kam die Feuerwehr zu spät.“ Trine Dyrholm, Berlau-Darstellerin im zweiteiligen Brecht-Film (2019), war an jenem Mittwoch noch keine zwei Jahre alt.

14. Januar 2024

Sagen wir so: Es gehört in die Reihe mich bewegender Bilder, wenn ich sehe, wie ein neuer König in einem Land, das ich mag und mehrfach besucht habe, von der alten Königin, seiner Mutter, auf den Stuhl gebeten werden muss, weil er sich nicht gleich und sofort darauf setzt. Draußen jubeln Dänen in sechsstelliger Zahl und schwenken ihre Fähnchen. Frederik X., mit (Wieviel?-)Tagebart, macht einen guten Eindruck und küsst dann auch noch seine Gattin. Herrje, warum haben wir eigentlich keine Königin für 52 Jahre oder länger? Ja, klar, die Novemberrevolution, unser Kaiser ging nach Doorn, wo ich auch schon sein Andenken beschnüffelte. Gut, ein Kaiser mit Pickelhaube ist keine Elisabeth, keine Margrethe, keine Beatrix, keine Juliana. Eine Königin könnte sich im Bellevue in Ruhe und auf Dauer einrichten, während diese Bundespräsidenten ständig wechseln und ständig Reden halten müssen, die ihnen andere schreiben. Im nächsten Leben werde ich Monarchist.

13. Januar 2024

Morgenlektüre Emanuel von Bodman, Gedichte. Sein Wohnhaus in Gottlieben am Bodensee ist das Literaturhaus des Kantons Thurgau. Ich schaute noch gestern nach Ferienwohnungen, mit neuer Schweizlust. Von Steckborn aus kommt man auf dem kurzen Weg nach Kreuzlingen durch das kleine Gottlieben, auf der deutschen Seeseite liegt Gaienhofen mit dem ersten eigenen Haus von Hermann Hesse. Der wie bei Ludwig Finckh auch bei Bodman deren Begeisterung für den Krieg nicht verwinden konnte. Vorarbeiten zu Alfons Paquet. Meine dreibändige Werkausgabe kommt nun doch noch zu Ehren. Am 13. Januar 1999 beging ich ein Sammlerjubiläum. Ich trank meine 2500. Biersorte, ein hefetrübes Hausbräu der Brauerei Zwanzger aus Uehlfeld, direkt in der Gaststätte des Hauses als eines von vier neuen Sorten gekauft. Gasthof und Brauerei gibt es noch, man kann dort sogar übernachten. Heute kann ich die genaue Zahl meiner Sorten nur schätzen, Arbeit wartet.

12. Januar 2024

Mit heutigem Freitag sind sämtliche Weihnachtsdekorationen wieder in Kisten, Kästen und Kartons verpackt und verschwunden. Der Platz des Baumes ist vorübergehend leer, der runde Tisch, auf dem er stand, muss nun in meinem Arbeitszimmer wieder nur Lastenträger sein. Mich plagen seit Tagen Atembeschwerden, nach einer Schrecksekunde am späten Nachmittag, wo ich Notarztgedanken aufkommen ließ, langsame Besserung und der tröstliche Beschluss, an eine krasse Wirkung meiner Pollenallergie zu glauben. Baumhasel steht direkt unter meinem Fenster, ich müsste die Stadt um Fällung bitten. Bis spät Furcht, ins Bett zu gehen. Wenn mir irgendetwas schrecklich vor Augen steht, dann das Ersticken. Ein Kollege an der Hochschule schilderte mir vor Jahren detailreich das Sterben seines Vaters, der mit seinen Fingernägeln den Putz von der Wand kratzte, bis er tot war. In der gelben Post Thomas Manns „Briefe an Richard Schaukal“, Band 27 der Thomas-Mann-Studien.


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