Tagebuch

24. August 2026

Sendepause, der Nachträge folgen.

23. August 2026

Über DDR-Schriftsteller, die in den Westen gingen, gibt es längst Lexika und auch sonst ist viel über sie geschrieben worden. Über West-Schriftsteller, die in die DDR gingen, gibt es nichts dieser Art. Es waren nicht nur welche, die dem KPD-Verbot entweichen wollten. Westlinke wurden gern gefragt, warum sie nicht in die DDR gingen, wenn sie wieder einmal mitten in aller Freiheit etwas sagten, was der Freiheit nicht gefiel. Die meisten blieben, denn so dolle wollten sie es dann doch nicht gleich treiben. Einige aber gingen. Die prominentesten Kommer hießen Peter Hacks und Adolf Endler. Wir ahnen, wessen Fans Eltern waren, die ihren Sohn 1930 Adolf nannten. Nur acht Grad heute morgen, als ich den ersten Blick auf das Thermometer richtete. Ich warf ihn nicht, meinen Blick. Noch einmal schlafen, heißt die Devise. Mein/Unser Katzendienst (mit kurzen Unterbrechungen) ist vorerst beendet und wird vom Dienst am eigenen Wohl fast nahtlos abgelöst. 

22. August 2026

Sport ist es keiner, dennoch notiere ich: Uraltrekord eingestellt. Im fernen Jahr 1980, als Berlin noch seine Geisterbahnhöfe hatte unter der Erde, an die ich gerade wieder erinnert werde, las ich 100 (in Worten hundert) dramatische Texte, sehr viele Hörspiele dabei, wenige Fernsehspiele, einige Sachen für die Bühne. Damals begann ich mit „Bis dass der Tod euch scheidet“ von Günther Rücker am 21. Februar und endete mit „Der Nachlass“ von Gerhard Rentzsch am 29. Dezember. Tiefe DDR also in jeder Hinsicht. In diesem Jahr Auftakt mit „Stille Post“ von Lia Pirskawetz, die 100 fällt an „Die Geisterbahn“ von Werner Gawande. So etwas würde heute kein Mensch mehr schreiben, damals war es kritisch und im gewünschten Sinne vorwärtsweisend. Heute auch wieder eine Portion Christa Reinig, mein zweiter Teil zu ihr wird von eins bis drei Leserinnen dringlich erwartet. Ich lerne, wie man bestenfalls ein Gespräch, aber keinesfalls ein Interview führen darf.

21. August 2026

Schon am Nachmittag gestern alles wieder befahrbar. Und ich im Verteiler des SPIEGEL. Dirk Kurbjuweit, Chefredakteur, teilt in einem Offizialtext mit, wie die Redaktion das sah mit dem Staatsfeind Nummer 1. Nebbich. Alles andere als dies wenig sagende Statement war kaum zu erwarten. Lustig, wie dieser Teufel SPIEGEL-Titel signierte und sich freute wie Bolle. Schloss einen Text ab, der am 2. September im Netz stehen wird, begleitet von einem zweiten, den ich in meinem Archiv leider nur undatiert fand, aber aus der Zeitung ausgeschnitten. Für ALTE SACHEN geht das. Vor 25 Jahren sahen wir Rye mit dem Haus, in dem Henry James seine alten Tage erlebte, vor 20 Jahren erreichte mich eine Mail, die einen mir gut bekannten Chefredakteur von sämtlichen guten und allen anderen Geistern sowie vom Geist selbst verlassen präsentierte. Das gehört zu meinem Spezialarchiv für den Nachlass. Nebenher lese ich Sport-Gedichte, seltsame Stücke dabei.

20. August 2026

Einen starken Baum hat es auch diesmal entwurzelt unterhalb des Spielplatzes Kopernikusstraße. Alles schon abgesperrt mit rotweißem Band, als ich den Neugierigen mit Handy spiele. Abbiegen in die Abbé-Straße geht vorerst nicht. Von Lothar Kusche weiß Wikipedia, dass er vor allem in der DDR bekannt wurde. Jetzt liegt er auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin, welcher früher zu Ost-Berlin gehörte. Am 20. August 2016 starb er, ich las zuletzt seine beiden Bändchen „Das bombastische Windei und andere Feuilletons“ und „Quer durch England in anderthalb Stunden“ mit den wirklich feinen Illustrationen von Elisabeth Shaw. Da die eine geborene Britin war, kann sie nicht als Beispiel dafür dienen, dass in der zweiten deutschen Diktatur doch nicht alles schlecht war. Wie hätten denn unsere Importe durch pure Einfuhr schlecht werden sollen? Wir hatten Australier, Österreicher, Jugoslawen, Chilenen und sogar echte Spanierinnen und Spanier. Alle nicht schlecht.

19. August 2026

Dass Walther Victor am 19. August 1971 gestorben ist, steht fest. Weniger sicher ist, dass Federico Garcia Lorca am 19. August 1936 erschossen und alsogleich am Straßenrand verscharrt wurde. Es könnte auch schon oder noch der 18. August gewesen sein. Zum 50. Todestag 1986 hatte ich einen kleinen Beitrag in FREIES WORT. 2015 sah ich in Weimar ein Gastspiel des Nationaltheaters Mannheim mit „Bernarda Albas Haus“ und wünschte mir mehr Gastspiele. Mein Wunsch ist nicht erfüllt worden, Ausnahmen gab es freilich: selten genug. Ich erinnere mich dunkel, dass es einst einen öffentlich-rechtlichen Theater-Kanal gab. Ob seine Abschaffung den Theatern bessere Zahlen brachte, weiß ich nicht. Zum Abend die heftige Probe Unwetter, Hagel gegen die Scheiben, heftiger Regen, aber nicht sehr lange anhaltend. Immerhin: der Balkon ist vorläufig nicht zu betreten, bis der Teppich wieder trocken ist. Zweite Staffel „The Agency“ zu Ende gesehen, ruft nach Fortsetzung.

18. August 2026

Natürlich ist das Erstaunen Heuchelei pur: Ach, ein Vierteljahrhundert ist es schon wieder her, dass wir mit eigenem Auto und Fähre von Calais nach Dover fuhren, um auf schon vertrauter Strecke bis Ramsgate zu gelangen. Reihenweise Kreisel, alle übersichtlich und verständlich, der Linksverkehr für die Fahrerin keinerlei Problem, ich fuhr nur bis Calais und dann wieder ab Calais. Lange geübte Arbeitsteilung. Seit 25 Jahren nicht mehr in England gewesen, für London ist das noch weitere acht Jahre her. Von Wales, Schottland und Irland nicht zu reden. Damals war Benzin an der Autobahn-Tankstelle Köln-Frechen volle neun Pfennige billiger als in Ilmenau, es kostete, man will es kaum glauben, 1,93 Mark. Wir bezogen Zimmer 22 wie schon im März 2001. Auch die Betten mussten wir erst zusammenrücken wie im März. Nach zwei Tagen Pause wieder Katzendienst, Rückweg im Regen. Wann hatten wir den zuletzt? Es kühlt sich draußen merklich ab, innen sitzt die Wärme fest.

17. August 2026

Es steckt noch der Kasselzettel drin, Datum 25. Juli 1980. Welches das zweite Buch war, das ich an diesem Tag kaufte, weiß ich nicht mehr, es kostete 30 Pfennige weniger. 7,50 Mark der DDR legte ich hin für „Der neue Standpunkt. Zur Kunst des Expressionismus“, ein Band der von mir lange gesammelten Gustav Kiepenheuer Bücherei, noch nicht nummeriert. Es gibt auch irgendwo eine ältere Ausgabe. Oder gab. Kann sein, dass sie in ein Antiquariat umsiedelte. Später erwarb ich von Reclam Leipzig „Theodor Däubler“, um den geht es nämlich, von Thomas Rietzschel. Es zeigt die Jahreszahl 1988 (RUB 1262), wurde aber in SINN UND FORM, Heft 1 von 1989, als demnächst erscheinend angezeigt. Däublers 150. Geburtstag ist heute, in Triest wurde er geboren, gestorben ist er 1934. Rietzschels „Collage einer Biographie“ irritiert mich bis heute, ich neige zur Ansicht, dass Collage und Biographie getrennte Wege gehen sollten. Der Lesbarkeit wegen, sage ich altmodisch.

16. August 2026

Wohin ich meinen ersten und einzigen Leserbrief an das einstige Zentralorgan Neues Deutschland verlegt habe, weiß ich bis heute nicht. Natürlich hatte ich ihn ausgeschnitten, natürlich hatte ich in meinem eidetischen Gedächtnis den Ort auf der Zeitungsseite im Kopf, nur gefunden weder das Original noch eine Kopie bis heute. Mein Irrtum: Der Artikel, in dem ich auftauchte am 21. Oktober 1970 auf Seite 4, war keiner von Klaus Dieter Schönewerk, sondern einer von Horst Knietzsch. Der war damals der Mann für den Film in der Redaktion. Unten auf der Seite volle sieben Spalten Erik Neutsch, oben ich unter der Überschrift „ND-Leser Partner der Künstler“. Es ging um den DEFA-Film „Netzwerk“, an den ich heute natürlich nicht mehr die geringste Erinnerung habe. Die Suche im Volltext führte auch zu meinen beiden einzigen Buchkritiken für das „Zentralorgan“. Ich graste nach Werner Lindemann, nach Heinz Knobloch und fand einen mir unbekannten Günter Kunert.

15. August 2026

Unsere 179 islamistischen Gefährder (oder sind es 411) können aufatmen. Sie wollen nur da und dort einen Zugbegleiter anstechen oder eine Frau im Sozialamt, manchmal reicht ihnen auch eine Gewerkschaftsdemonstration zum Hineinrasen mit Leihwagen. Gegen den gefährlichsten Mann Deutschlands ist das alles nichts. Er heißt Ulrich Siegmund und will Ministerpräsident werden. Das ist gemeinhin das Streben aller Spitzenkandidaten, aber meist ungefährlich. Der SPIEGEL, der noch immer von seinem Ruf lebt, ein Nachrichtenmagazin gewesen zu sein, knallt das Monster auf die Titelseite (ich stehle diesen Filmtitel von anno dunnemals mit einem gewissen Stölzchen). Nun hoffen alle neuen Klassenkämpfer, dass der alte Effekt, von dem Biermann im 20. Jahrhundert sang: „Das macht mich populäär!“, nicht mehr greift. Das wäre ja auch noch schöner: Wahlkampfhilfe aus Hamburg elbaufwärts. Außerdem wäre Hans Lorbeer heute 125 Jahre alt, klappte leider nicht.

14. August 2026

Man könnte meinen, der 14. August sei kein guter Tag für Schriftsteller der DDR gewesen. Zuerst erwischte es Brecht, das war 1956, unsereiner hatte seinen dritten Geburtstag hinter sich und noch allerhand DDR vor sich. Gestern erst las ich von denen, die alles wissen, weil sie nie hier lebten, dass es Linke und AfD sind, die alles verklären. Vielleicht wäre es ja doch gar nicht so fürchterlich, wenn der eine oder die andere ins Dickliche Tendierende ihr Amt verlieren und eine Neuanstellung finden würden in der Freundschaftsgesellschaft Südbaden-Insel Nauru. Kaum Schaden anzurichten dort. Dann erwischte es Werner Bräunig, den vorher schon die DDR-Literaturpolitik erwischt hatte, es war 1976, unsereiner jung verheiratet. Schließlich Hermann Kant vor zehn im Alter von 90 Jahren. Da war die DDR längst der Ort des Grauens in allen Gedenkreden. Die alte Bundesrepublik hatte sich den Raum Dresden zum Vorbild genommen und war das Tal der Ahnungslosen geworden.

13. August 2026

Als Herbert George Wells am 13. August 1946 in London starb, dachte weder dort noch in Moskau oder Berlin jemand an den Bau der Mauer. Vor allem in Berlin aber dachten sehr viele an den Bau sehr vieler Mauern, denn von solchen waren in vielen Vierteln sehr viel mehr völlig kaputt als ganz. Der Begriff Brandmauer hatte eine andere Bedeutung. Das waren Mauern, die erst gebrannt hatten und dann umfielen. Meine Nachbarin in der Mulackstraße 25 schaute noch 1980 munter aus einem Fenster in der Brandmauer zur Gormannstraße, wo gar kein Fenster hätte sein dürfen, weil es eben eine Brandmauer war. Das wäre 2026 einen pfiffigen Kommentar wert. Unsere Markise zeigt heute ein paar kleine Brandschäden, Löcher und schwarze Stellen im Stoff. Ich war offenbar zwar schnell, aber nicht schnell genug. Dafür bin ich mit vier dünnen Büchern von Werner Lindemann zum Ende gekommen. Ready to Rumble, sage ich mir. Morgen erst einmal Todestage gleich im Dreierpack.


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