Armin Stolper: Der Zeitfaktor

Wir wollen nicht übertreiben: zum Totlachen ist es nicht, lustig aber schon. In einer natürlich fiktiven DDR-Schule anno 1970 reicht der Platz für die Schulspeisung bequem aus, weil das Essen so schlecht ist, dass etliche Kinder nicht in der Schule essen. Dann wird das Essen besser: es ergibt sich ein Platzproblem. Die Schule benötigt einen größeren Speiseraum. Und falls kein Geld da ist, weil der Ort auch einen neuen Kindergarten braucht, wäre zu überlegen, ob nicht der unausgelastete Speiseraum des Betriebs für Landtechnik wenigstens eine Übergangslösung bieten könnte. In einer keineswegs fiktiven Schule in Berlin, sagen wir: Charlottenburg, finden alle Kinder, deren Eltern das Schulessen bezahlen plus die, die es nicht bezahlen müssen, weil sie zu den Armen dieser Welt, dieser deutschen Welt, wohlbemerkt, gehören, Platz, ihr Essen einzunehmen, das keineswegs die komplette Begeisterung der Essenden auslöst, aber immerhin sättigt. Dann schlägt Rot-Grün brutal zu: Das Schulessen wird kostenlos. Die Wohlhabenden sparen Geld, die Armen müssen ohnehin nicht bezahlen und der Rest schickt seine Kinder, weil es nichts kostet, jetzt auch hin. Das Ergebnis: der Platz reicht nicht mehr, das Essen oft auch nicht, Kinder gehen öfter hungrig nach Hause.

Der am 23. März 1934 in Breslau geborenen Dramaturg und Dramatiker Armin Stolper, der lieber fremde Stoffe und Vorlagen für die Bühne herrichtete, als eigene Stücke frei erfand, hat 1970, als das so genannte Entwickelte Gesellschaftliche System des Sozialismus, Abkürzung EGSS, noch in Blüte stand, jedenfalls in den real existierenden Zeitungen der DDR, eine dreigeteilte Szene zu Papier gebracht mit dem Titel „Der Zeitfaktor“. Es war nicht als Antwort auf Heideggers „Sein und Zeit“ gedacht, trat auch nicht all den westdeutschen Abhandlungen über das Zeitproblem bei Hinze, Kunze und Kafka respektive Marcel Proust munter in den Weg, es war eine Szene zu tatsächlicher Aufführung auf einer Bühne gedacht. „Die Szene „Der Zeitfaktor“ wurde als eine von mehreren Arbeiten zu „Anregung für Lehrende und Lernende“ geschrieben, die 1970 in Zusammenarbeit zwischen dem Ministerium für Volksbildung, dem Deutschen Fernsehfunk und dem Landestheater Halle entstanden.“ Heute fällt jeder in gespielte Ohnmacht, der das liest, Empörung entringt sich ihm/ihr, wenn er/sie/es es sich auf der geistigen Zunge zergehen lässt, wo es in seine sehr einfach strukturierten Bestandteile zerfällt. In Zeiten von Themennot wäre es eine nette Forschungsaufgabe.

Thema: In wie vielen Bühnentexten der DDR werden neben Lenin auch Margot Honecker und Günter Mittag zitiert? Wir lassen die Vermutung beiseite, dass die Namen selbst Menschen mit dem Abitur nach 13 Jahren nicht mehr allzu viel sagen. Obwohl Armin Stolper rein theoretisch im Schauspielunterricht ja eine Rolle gespielt haben könnte. Übrigens werden Margot Honecker und Günter Mittag (das war der Mann mit den zwei Holzbeinen im Politbüro der SED, der auf den Holzwegen der sozialistischen Wirtschaftspolitik dem Zusammenbruch 1989 schwungvoll entgegen schritt) gar nicht zitiert. Die beiden Personen der Szene, Paul, der Bürgermeister, und Rudi, der Schuldirektor, führen sie im Munde. Viel mehr ist über sie als Personen nicht zu sagen. Profil haben sie keines, Persönlichkeit folgerichtig auch nicht. Und da sie in keinerlei Beziehungen zu Dritten, gleich welchen Geschlechts, stehen, sind sie das, was bisweilen Sprachrohr genannt wird, sie sondern also Meinungen ab, die die des Autors sind, der sie im günstigen Falle zur Diskussion stellen möchte. 1970, für alle, die es nicht sofort wissen, verwirklichte die DDR das Programm des VII. Parteitages der SED auf dem Weg zum VIII. Parteitag der SED: von Ulbricht und Honecker.

Ich hatte das Glück oder Pech, Zutreffendes unterstreichen, exakt zwischen 1967, dem VII. Parteitag, und 1971, dem VIII. Parteitag, die Goetheschule in Ilmenau zu besuchen. Meine Antworten zum Erwerb des Abzeichens für gutes Wissen in Silber und Gold unterschieden sich wie zwei Parteiprogramme voneinander, denen zwei Generalsekretäre ihren Stempel aufdrückten, der eine der Königsmörder des anderen. Gattin Margot, blautonigen Haares später, war verbindendes Glied zwischen den Epochen, vom 5. bis 7. Mai 1970 verantwortete sie den VII. Pädagogischen Kongress der Deutschen Demokratischen Republik, der mir noch zum Schulstoff wurde. Mittendrin also Stolper mit „Der Zeitfaktor“. „Wenn zwei Schwierigkeiten aufeinander stoßen, wird ihre Lösung nicht unmöglich, sondern unumgänglich.“ Sagt Rudi. Wenn Paul es gesagt hätte, hätte das nichts geändert, denn es ging nicht um Paul oder Rudi. Rudi sagt auch: „Dann frage ich dich als Genossen: Bist du ein Jammerlappen oder ein Revolutionär?“ Zwischen diesen Polen, meine ich fast 53 Jahre nach dem VIII. Parteitag der SED, gab es Ungleichverteilung: die Jammerlappen, alle auf einer Seite einer Wippe sitzend, hätten die Revolutionäre ganz locker ans Firmament gekickt.

Reichlich zwei Jahre nach dem VIII. Parteitag hieb mir zu Leipzig eine Parteisekretärin tröstend auf die Schulter: „Werden Sie ein Kämpfer!“ lautete ihr Trostwort. Rudi bei Stolper: „Nichts ist so praktisch wie eine gute Theorie.“ Dieser Satz fußt auf der optimistischen Annahme, die Theorie des Sozialismus sei eine gute. Knapp zwanzig Jahre bevor diese Theorie am Prüfstein aller Theorie, das war ihr leichtsinnig verkündeter eigener Grundsatz, der Praxis, jammervoll scheiterte. Rudi, der Schulleiter, der von Paul, dem Bürgermeister, dazu gedrängt wird, Vorsitzender der Nationalen Front zu werden, ausgleichend durfte er als Sekretär für das Parteilehrjahr aufhören, sagt zu Paul, den er zum Leiter der Zirkel für junge Sozialisten machen will: „Als Zirkelleiter kriegst du einen Kontakt zur Jugend, von dem du als Bürgermeister doch nur träumen kannst.“ Paul und Rudi agieren in einer DDR, wie sie nie existierte. Sie reden als angeblich 40 Jahre miteinander befreundete Männer, wie nie im Leben zwei Männer dieser Konstellation miteinander geredet haben würden im wirklichen Leben. Paul, der tapfere Paul, gibt Rudi, dem Möchtegern-Schlitzohr, nicht Recht, als dieser ihm eine schaumvergoldete Brücke ohne Haltbarkeitsdatum bauen möchte.

„Einen Menschen“, sagt Rudi, „der dir mit einer neuen Funktion droht, kann keiner als seinen Freund betrachten, nicht mal ein Genosse.“ Für alle, die es nicht mehr ganz genau wissen: in der DDR waren Pädagogen Haupt- und Daueropfer aller Funktionsdrohungen. Sie saßen in allen Gremien von der Nationalen Front bis zum Deutschen Turn- und Sportbund (DTSB), sie sorgten sich um den Wehrunterricht, als er endlich eingeführt wurde, sie mussten zwangsweise die Lehrerzeitung lesen, wofür sie sich rächten, indem sie jeden 30-Pfennig-Fahrschein in der jeweiligen Abteilung Volksbildung des jeweiligen Rates des Kreises abrechneten als Fahrtkosten. Und sie sorgten dafür, das sie die 30 Prozent steuerfreien Betrag in ihrem Einkommen keinesfalls für Weiterbildung einsetzten, wie es die Ober-Margot eigentlich gedacht hatte. Die so genannte Wende in der DDR bestand dann unter anderem darin, dass Schriftsteller wie Armin Stolper in Verlierer verwandelt wurden und Lehrer in einem Tempo, das oft den Olympianormen entsprach, alle ihre Funktionen verließen und am liebsten nie wieder eine übernahmen. Die Bereitschaft, eine wie auch immer geartete Verantwortung zu übernehmen, implodierte wie ihr Nährboden, die DDR.

Nach 1990 schossen als Ersatz für die renommierten Verlage, die sich von ihren nunmehr das Geschäft schädigenden Alt-Autoren verabschiedeten, diverse Kleinverlage aus dem Boden, in denen auch Armin Stolper eine neue Heimat fand. Zwischen 1997 und 2017 verlegte der GNN-Verlag Schkeuditz, wenn ich richtig zählte, elf Titel, davor und teilweise parallel der Spotless-Verlag von 1995 bis 2007 sechs Titel. Stolpers Buchausstoß war also nach 1990 fast noch fließbandartiger als vor 1990. Das Problem dabei: die Produktion der Kleinverlage blieb neben der Marktmacht der Großen, zu schweigen von den Riesen, unsichtbar. Ich weiß aus eigener Erfahrung: eine einzige Anzeige in einer großen überregionalen Tageszeitung fräße das Jahresbudget eines Kleinverlages, es gibt sie also nicht. Entsprechend die Einnahmen, falls die Kleinverlage nicht gleich Geld von den Autoren wollen, statt ihnen welches zu zahlen. Viele DDR-Jahre hatte Stolper als fest angestellter Dramaturg ein sicheres Einkommen, wie klein auch immer es war, und plötzlich war alles nur noch umsatzabhängig. Die Gruppe der schreibenden Wendeverlierer darf als exemplarisch gesehen werden. Ihre Neigung zu Ostalgie, zur Verklärung der schlechten alten DDR ist erfahrungsbedingt.

Am 9. September 1990, die DDR war in den letzten Monat ihrer Existenz getreten, ließ Armin Stolper gegenüber dem „Sonntag“, noch Wochenschrift des Kulturbundes der DDR, heute als „Freitag“ längst Fraßopfer von Jakob Augstein, seiner ganzen Frustration freien Lauf. Männern, die mir vorher beim „Sonntag“ nie aufgefallen waren, gab er zu Protokoll, wie der Verlag, bei dem er seit 1977 fest im Programm war, es war der Rostocker Hinstorff Verlag, ihn schnöde des Hauses verwiesen hatte. Ich kenne das vom Mitteldeutschen Verlag, der meine drei kleinen bescheidenen Projekte, vorvereinbart mit Hinnerk Einhorn, wie tote Fliegen vom Tisch wischte. Das war eben so damals. Daraus die Folgerung zu ziehen, wie es Stolper offenbar getan hatte, die beiden Interviewer jedenfalls behaupten es, „dass die Beschneidungen durch die Zensur in der DDR ein Kinderspiel gegenüber den jetzigen Behinderungen gewesen seien“, ist erklärlich, deshalb aber nicht klüger. Selbst Christel Berger, nebenberuflich als IMS Helene für das Ministerium für Staatssicherheit tätig, so lange es dieses gab, ärgerte sich für „Neues Deutschland“ noch 2007, „wie unkritisch und voller Entschuldigungen er DDR-Zustände und Erfahrungen bedenkt.“ Das sagt viel und manchen alles.

Mein Archiv enthält aus der Zeit nach 1990 zu Armin Stolper nur Beiträge aus dem ehemaligen Zentralorgan „Neues Deutschland“. Es schrieben neben Christel Berger noch Friedrich Albrecht (25. Oktober 1930 – 16. August 2020), Eberhard Panitz (16. April 1932 – 1. Oktober 2021), und Hans-Dieter Schütt (geboren 16. August 1948), letzterer unter eigenem Namen und unter seinem Pseudonym Jan Helbig. In der Tat war „Neues Deutschland“ oft das einzige Blatt, das an diesen oder jenen Namen aus DDR-Zeiten erinnerte, auch Bücher aus jenen (meist linken) Kleinverlagen besprechen ließ, die sonst mit vornehmer Ignoranz behandelt wurden. Für die Zeit vor 1990 enthält das Archiv auch mich, denn ich besprach für „Die Tribüne“ das Stolper-Buch „Unterwegs mit einem Entertainer“, neu nachlesbar bei mir unter ALTE SACHEN vom 20. Januar 2021. Diese Kritik ist nun 35 Jahre alt. Ich hätte ihr wenig hinzuzufügen. „Es lebe die Vogelscheuche!“ war Schütts Nachruf auf Stolper am 7. Januar 2021 im ND überschrieben und es ist vielsagend, dass der Autor sich mehr als kräftig bei sich selbst bediente. „Neu gewonnene Freiheit?“ hieß der sechzehn Jahre ältere Artikel, bezogen auf „Siebzigjährig – Dramaturg auf Lebenszeit“ (GNN Schkeuditz).

In „Der Zeitfaktor“ sagt Schuldirektor Rudi zu Bürgermeister Paul: „Begreif doch Paul, wir müssen nicht alles Mögliche tun, sondern das eine Notwendige. Wir müssen uns Zeit nehmen, um Zeit zu haben.“ 1973 nahm ich mir die Zeit, Stolpers „Klara und der Gänserich“ zu lesen. Es war vier Jahre nach „Der fahrend Schüler im Paradeis“ von Hans Sachs, noch in meiner Schulzeit, der erste Bühnentext wieder, den ich las, am nächsten Tag ließ ich „Nacht mit Kompromissen“ folgen von Rainer Kerndl. Beides half mir letztlich nicht beim Versuch, Theaterwissenschaften zu studieren. Ein besserer Mensch bin ich dadurch auch nicht geworden. Immerhin: Die „Lausitzer Trilogie“, von „Klara und der Gänserich“ eröffnet, landete ebenso in meinem Bücherbestand wie manch anderes Stolper-Werk. Mein Exemplar „Stücke“ (Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin 1974) fiel erst später in meine Hände. Es trägt die Widmung „Lieber André! Mit herzlichen Grüßen und in Dankbarkeit für Kritik und Hilfe an den Stolper-Stücken Dein Armin Nov. 74“ Empfänger war vermutlich André Müller sen., der Shakespeare-Experte und Hack-Interviewer (8. März 1925 – 21. Januar 2021). Bleibt Paul: „... der Mann mit Haaren auf der Brust ist tapfer seiner Pflicht bewusst.“ Und die seltsame Duplizität der Schulphänomene, die für Stolper 1970 noch keine sein konnte.


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