Tagebuch

9. Juli 2026

Versäumnisse rächen sich. Es gibt Experten, die glauben sogar, sie rächen sich bitter. Ich für mein Teil ignoriere Longlist und Shortlist zum Buchpreis, seit es sie und ihn gibt. Denn diese Mittel, dem großen Feuilleton eigene Suche nach Büchern zu ersparen, die unbedingt besprochen werden müssen, damit die Besucher von Verni- und Finissagen etwas zu bereden haben mit Sektkelch in der Hand, gelten allein dem Roman. Der ganze Rest an Literatur ist außerhalb des Blickfeldes. Und so kommt es, dass jemand, der schon mehrfach in Longlist und Shortlist auftauchte, plötzlich und unerwartet nach diversen weniger bekannten nun den renommiertesten aller Preise zugesprochen bekommt. Den Georg-Büchner-Preis. Aus Darmstadt, richtig. Die Preisträgerin heißt Christine Wunnicke, Jahrgang 1966, hat also die allererste Jugend auch schon hinter sich. Johannes Jansen, ebenfalls Jahrgang 1966, schien mir, Jahrgang 1953, einst ein junger Schnösel. Ich werde also alt.

8. Juli 2026

Vom DDR-Jahrgang 1926 ist heute Hans-Jürgen Zierke an der Reihe mit seinem 100. Geburtstag. Ich weiß nichts von ihm, las nie etwas von ihm und daran wird sich wohl bis zu meinem 100. Geburtstag nicht viel ändern. Mit Gottfried Benn, der gestern 70 Jahre tot war, habe ich mehr vor. Zum Einstieg liegt Franz Fühmanns Benn-Büchlein in Griffweite. Heute erst einmal Albrecht Goes mit seiner 1952er „Rede auf Hermann Hesse“ und das kürzeste Feuilleton, das Lothar Kusche je schrieb: Es trägt die Überschrift „Neue Hotels“, folgt im Buch auf „Alte Hotels“ und lautet: „Neue Hotels gibt es in England nicht.“ Das Buch heißt übrigens „Quer durch England in anderthalb Stunden“ und enthält neben dem kürzesten Feuilleton auch schöne Sätze über Charles Dickens und seine Hotel-Aufenthalte. Mein am Sonntag bestellter Wein aus Langenlois ist heute schon da und verstaut im Regal. Schöne Aussichten auf schöne Weine aus dem Kamptal, sage einer was dagegen.

7. Juli 2026

Man fährt über Mansfeld, wenn man kommt, man fährt über Mansfeld auf dem Heimweg. Für mich bringt Mansfeld zwölf neue Biersorten, darunter „Mansfäller Schachtbier Hell“, in Chemnitz für eine Vertriebsfirma in Goslar gebraut. Vorher aber der Gang in den Hofladen des Hotels: man kann nicht Stangerode verlassen, ohne eine Bison-Salami erworben zu haben. Sie sieht gut aus, sie riecht gut und sie wird schmecken, wir haben sie schon getestet. Eine Frau kaufte ein Straußenei, das man nicht versuchen sollte zu kochen. Gebraten geht es, wenn man mit einem Bohrer der Schale ein Loch verpasst hat. Ein Straußenei entspricht etwa 26 bis 28 Hühnereiern, sagt die Expertise, man sollte also genügend Gäste haben für ein zünftiges Rührei am Morgen. Zu Hause geht es nach nur zwei Tagen Pause schnell wieder den gewohnten Gang. Ich beginne als letztes Stück von ihm Harald Gerlachs „Vergewaltigung“. Morgen wieder Rückkehr in die Hörspiel-Schleife nach Plan.

6. Juli 2026

Yellowstone im Landkreis Mansfeld-Südharz? Ich bin nicht der Tourismus-Manager der Gegend, aber es gibt dort die größte Bison-Herde Deutschlands und man kann sie sehen, wenn man eine halsbrecherische Fahrt mit einem Unimog über Stock und Stein absolviert hat. Die Bisons zeigen kein gesteigertes Interesse an den Neugierigen, ihr Interesse gilt dem Gras am Boden. Nur ganz weit hinten trainiert ein sehr junges Kalb, schnell genug zu sein, einem Geparden zu entkommen. Es gibt glücklicherweise kaum Geparden im Harz, so dass das Kälbchen nebenher auch gleich pure Lebensfreude trainiert. Ich hatte keine Ahnung, dass es überhaupt Bison-Herden in Deutschland gibt, nun habe ich sogar schon eine Bison-Kraftbrühe und einen Bison-Burger gegessen. Denn die Tiere werden nach vier bis fünf Lebensjahren gegessen. Sie werden geschossen und nicht wie die armen Schweine behandelt, die lange quieken müssen, ehe sie der Tod ereilt. In Stangerode nicht.

5. Juli 2026

Väter und Mütter sind gut beraten, wenn sie Empfehlungen ihrer Söhne und Töchter ernst nehmen. Deshalb reisen wir heute nach Stangerode, wo das mit dem hübschen Namen „Kleine Auszeit“ versehen ist. Der Harz geriet spät in unser Reise-Blickfeld, im Lese-Blickfeld steht er seit Heine und Goethe mit einer gewissen Ausdauer. Doch können wir immerhin auf einen Brocken-Besuch zurückblicken ohne Regen, Sturm und Nebel oder allem zusammen. Wir waren auf der Roßtrappe. Wir haben mausetoten Wald gesehen. Der dritte Gedichtband von Johannes Bobrowski hat mir den Mann nicht näher gebracht als die beiden vorigen, der vierte steckt nun in der Reisetasche und dann muss es gut sein. Er war offenbar derjenige, der hermetische Lyrik in der DDR salonfähig gemacht hat. Es gibt wohl Leute, die Gedichte gern mit einem Stapel Nachschlagewerke und drei Biografien des Dichters neben sich lesen. Angeblich. Ich gehöre nicht zu dieser erlesenen Kleingruppe, leider.

4. Juli 2026

Der Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar veröffentlichte 1987 ein Buch mit dem Titel „Was ist ein Amerikaner? Zeugnisse aus dem Zeitalter der amerikanischen Revolution“. Das Buch erschien in der „Bibliothek des 18. Jahrhunderts“, die ein vorbildliches Unternehmen war. Was natürlich nicht bedeutet, dass irgendetwas gut war in der damaligen Diktatur. Drin im Buch ist jene Unabhängigkeitserklärung, die am 4. Juli 1776 in Philadelphia unterzeichnet wurde. Drin im Buch sind auch Texte von Thomas Jefferson, der als geistiger Vater dieser Erklärung gilt. Benjamin Franklin ist ebenfalls vertreten, dazu Washington Irving. In meinem Amerikaner-Regal steht der Band ganz oben links, nach rechts folgen Irving, Franklin und dann schon James Fenimore Cooper mit ihren eigenen Bänden. Zu Ende gebracht „Hermann Hesse und Theodor Heuss“. In dessen Skizzen zu Dichtern und Dichtung mit dem Titel „Vor der Bücherwand“ ich gelegentlich gern lese.

3. Juli 2026

Alle haben es gefordert; er sagte, er laufe nicht davon. Verantwortung übernehmen ist aber nicht Davonlaufen. Nun wollen fast alle Klopp und Klopp scheint es auch zu wollen. Am besten wäre besserer Fußball. Endlich wieder besserer Fußball. Vielleicht schafft das Klopp, falls man ihn lässt. Heute „Die Straße“ über den Unglücksdichter Johann Christian Günther. Auf seiner Spur war ich schon mal, finde einen Klebezettel in meiner einbändigen Ausgabe und ein halb gelesenes Vorwort. Ich frische mein älteres Wissen bei Ernst Osterkamp auf. Sehr angenehme Lektüre. Streame eine Veranstaltung aus dem Brecht-Haus in Berlin. Helmut Mehnert und Annett Gröschner reden über Heinz Knobloch. Einst sammelte ich Gröschner-Kolumnen, einspaltige, aus dem Freitag, bevor er „derfreitag“ wurde mit Augstein-Verwestlichung. Ein Knobloch-Experte bin ich mittlerweile selbst, ohne das jemals angestrebt zu haben. Mehnert aber bleibt der Ur-Experte, der leider nicht schreibt.

2. Juli 2026

Der 149. Geburtstag von Hermann Hesse ist zugleich der 202. Geburtstag von Klopstock. Das war der, den alle loben, aber niemand liest. Früher wäre zu sagen gewesen: bei Hesse ist es umgekehrt. Er, den alle lesen, aber niemand lobt. Ich bin mir nicht mehr sicher. Dafür heute in Hohenfelden mit dem Beobachten von Saunamützen befasst. Es gibt herrliche Exemplare auf vielen Köpfen, gehäkelt sogar oder aus Wollfilz mit der Anmutung eines Pilotenhelms aus uralten Zeiten. Am 2. Juli 2002 veröffentlichte die Zeitung, für die ich damals noch schrieb, einen Artikel mit dem Titel „Geliebt und unverstanden“. Das war der 125. Geburtstag. Hesse-Erinnerungen aus dem Jahr 1976 an die Berliner Chausseestraße. Die Erinnerungsorte dort sind verschwunden. „Folgen der Lust“ von Harald Gerlach beendet. Darin die böseste Attacke auf Eva Strittmatter, die mir in gedruckter Form bisher unter die Augen kam. 1990 ging das schon, zumal es formal nur einen Dichter Rattengift traf.

1. Juli 2026

Eine Stunde vor meinem alltäglichen Weckton, den ich nach dem letzten Update fürs Handy nicht mehr ohne Aufwand einfach wegwischen kann, meldet sich Regen auf meinem Blech-Fensterbrett. Das ist ungewöhnlich, meist kommt es aus anderer Richtung, wenn es von oben kommt. Und es kommen etwas Frische und Zugluft in die Wohnung. Ich beende zwei Komödien, die ich parallel las, weil die eine auf der anderen fußt. „Ulysses von Ithakien“ heißt die eine, „Held Ulysses“ die andere. Die eine von Ludvig Holberg, die spätere von Harald Gerlach. Was einst lustig gewesen sein mag, ist es heute nicht mehr, Gerlachs Wendung ins mehr Gegenwärtige hat sich überlebt. Aber ich bin jetzt endlich auch mit all meinen Gerlach-Gedichtbänden fertig, nur zwei hatte ich komplett gelesen vorher. In unserem sechsten Stock scheint es neue Mieter zu geben, sie holten sich vom Balkon einen ersten Überblick. Einer mit weit ausholenden Gesten beschrieb wohl das Panorama.

15. November 2025

Fast täglich unser neugieriger Blick zu Aldi. Der Umbau hat sich lange hingezogen, die Filiale ist nun auf der gesamten unteren Etage zu finden: kein Friseur mehr, kein Blumenladen, kein Asia-Laden, der Friseur hatte sich am längsten gehalten, eine weitere Ladenfläche stand schon ewig leer. Erinnerung an den Aufreger vor 30 Jahren: Aldi kommt nach Ilmenau. Niemand wollte es glauben, doch es stimmte. Aldi kam. In den ersten Jahren war es lustig: traf man einen Bekannten dort, dann gab der sofort eine Erklärung ab, dass er eigentlich nie zu Aldi gehe, nur eben heute zufällig. Später war man stolzer Aldi-Kunde, weil es dort superpreiswerte Computer gab. Man entdeckte, dass dort bisweilen sehr gute Weine zu haben waren. Für mich war Aldi jahrelang mein Teeladen. Drei Sorten in Weißblech. Es gab sie nur einmal im Jahr, ich hamsterte Vorrat für die nächsten zwölf Monate. Am Morgen standen einst die Ersten Schlange, um innen sofort zu den Angebotsregalen zu stürzen.

14. November 2025

Verrückte Erfahrung: Ich lese „Bienchens Verwandte“ und lege mir einen kritischen Beitrag von Siegfried Hähnel dazu auf den Arbeitstisch. Ich trage meine gefüllte Kiste zum Altpapier, der Container wird freitags geleert und ist deshalb für kurze Zeit tatsächlich leer. Auf dem Rückweg geht mir ein Satz durch den Kopf: „Interessanter als das, was der Autor zum Hörspiel von Rentzsch schreibt, ist das, was er nicht schreibt.“ Da kenne ich noch keine Zeile. Dann lese ich die sechs Seiten und mein Satz stimmt auf den Punkt. Was mir neu, aufregend und bewegend erscheint an diesem Hörspiel, erwähnt der Kritiker mit keinem Wort. Siegfried Hähnel ist natürlich nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Berliner Stasi-General, den die Suchmaschinen ausspucken in ganzen Trefferreihen. Preisfrage: Braucht man, um DDR vorherzusehen, besondere Fähigkeiten? Am Abend Weinverkostung. Wir sind inzwischen zu Stammgästen geworden, werden es bleiben.

13. November 2025

Das ist der Anzahl-Tag. Im Kalender sind gegen jede Vergesslichkeit die Termine vermerkt, wann welche Anzahlungen für kommende Reisen zu leisten sind, heute drei für 2026. Dazu ein Rest für dieses Jahr Silvester und ein paar andere kleine Rechnungen. Robert Louis Stevenson wurde am 13. November 1850 in Edinburgh geboren, Schotte also. Er starb auf Samoa. Und war nicht nur wegen der „Schatzinsel“ in jungen und jüngsten Jahren einer meiner absoluten Lieblinge. Um an seine Bücher zu gelangen, muss ich hohe Stapel von Zeitungsausschnitten und anderen Büchern beiseite schieben. Da stehen sie allesamt: „Der weite Horizont“, „Das rätselvolle Leben“, „Der Junker von Ballantrae“, „Die verkehrte Kiste“, „Der Selbstmörderklub“ aus der Reihe „Die Bücherkiepe“, „Reise durch die Südsee“. Natürlich auch „Dr. Jekyll und Mr. Hide“ dahinter in zweiter Reihe. Am 3. Dezember ist sein Todestag, kein runder, er hat gerade noch seinen 44. Geburtstag erlebt: 1894.


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