Tagebuch

21. Juli 2026

Wenn überm Eingang des Schwimmbads Hammergrund eine 13 zu sehen ist, heißt das: es sind bis eben genau 13 Besucher gekommen. Wir treiben die Zahl mit Schwung auf 17, werden freundlich von der Frau begrüßt, die in Zeiten des Ansturms im Kassenhäuschen sitzt, ich habe bei ihr früher manches Brötchen gekauft, bis mir Corona den wöchentlichen Gang zum Bäcker abgewöhnte. Es war einfach nicht lustig, bei Wind und Wetter in einer 200 Meter langen Schlange zu stehen und innen von drei Verkäuferinnen allein bedient zu werden, bis der nächste eintreten durfte. In Berlin würden Familienkarten zum Ilmenauer Preis in Hitzetagen zum Zusammenbruch des Systems führen. Besonders dicke Jungen hatten heute das Bad fast für sich, es waren nur zwei da, dünnere Berliner waren ohne Bademantel aufgeschmissen. Der Imbiss-Anbieter ließ mangels Kundschaft den Rollladen unten, wir verspeisten Mitgebrachtes. Zwischendurch fielen einige Einzeltropfen.

20. Juli 2026

Wer während eines ganzen Turniers nur ein einsames Tor kassiert, wird Weltmeister. Wir hatten zum Kassieren unserer Tore eigens einen Rücktritt vom Rücktritt inszeniert. Jeder, wie er kann. Sehr oft haben leibhaftige Könige nicht reihenweise junge Männer zu umarmen, die nicht mehr ganz frisch riechen. Sehr oft stellt sich auch kein orangefarbener Präsident mit aufs Siegerfoto, das aber das lässt heute leicht löschen aus dem Foto. Selbst ich habe schon einen dicken Knaben in Garmisch-Partenkirchen ersatzlos mit dem Objektradierer ins Diesseits befördert, in Frankfurt am Main latschte mir eine Frau vor die Linse und jetzt ist sie auf dem Pflaster nicht mehr zu erkennen, nicht mal ihr Umriss. So verstieß ich nicht gegen ihr Persönlichkeitsrecht. Werner Ilberg hat heute seinen 130. Geburtstag. Sein „Die Fahne der Witwe Grasbach“ stand  im Bücherschrank meiner Eltern, sein „Unser Heine“ steht in meiner recht ansehnlichen Heine-Sammlung. Ilberg starb 1978.

19. Juli 2026

Zehn Tore in einem Halbfinale und das beruhigende Gefühl, es war die optimale Variante für alle, die Organversagen hätten befürchten müssen, wenn ein deutscher Trainer die drei Löwen zum Titel nach sechzig Jahren geführt hätte. So führte er sie zur Bronzemedaille, das Leben geht weiter und die seltsame Lehre heißt: ohne Kane und Bellingham schießen die Mutterland-Fußballer mehr Tore als mit den beiden. Auch die Abwesenheit des Torwartes kann hilfreich sein, unser Torwart half als Neuer ja auch nicht wirklich, eigentlich hätte er sich Alter nennen müssen. Zur Belohnung muss Julian nun pausieren, bis der nächste Job ruft. Ausflug nach Sonneberg ins Spielzeugmuseum, das uns überrascht durch eine Präsentation für Alt und Jung. Wir hatten Wiedererkennungseffekte und die lieben Enkel mussten erleben, dass unter AfD-Herrschaft die Döner weniger als die Hälfte des Berliner Preises kosten. Heimwärts noch Goldisthal, oberes Becken, der Aussichtspunkt zu Fuß.

18. Juli 2026

„Tod eines deutschen Clowns“ heißt das am 15. März 1987 urgesendete Hörspiel von Holger Jackisch, in dem Ekkehard Schall den Paul Scheerbart sprach. Ich las es mit knapp 40 Jahren Verspätung. Meine große Scheerbart-Phase liegt ein wenig zurück, damals versorgte ich mich auch mit den Ausgaben der Edition „Frühe Texte der Moderne“, die in Scheerbart einen ihrer Klassiker feierte. Am 8. Januar 2013 stellte ich meine Sicht auf „Der Aufgang zur Sonne. Hausmärchen“ ins Netz. Eintreffen der Enkel zu ihrer Oma-Opa-Woche. Diesmal drohen ausgerechnet kühlere Tage die Fahrt zum Hammergrund-Bad zu gefährden. Uns wird etwas einfallen, falls es wirklich zu kalt sein sollte. Die beiden letzten Spiele der WM stellen Anforderungen an die Kondition. Was 23 Uhr  beginnt, geht mindestens bis weit nach Mitternacht. Heute wird es England gegen Frankreich geben. Wer hält durch bis zum Ende, wer rückt zur Halbzeit ins Bett? Sämtliche Trinkpausen eingerechnet.

17. Juli 2026

Null zu Null ist ein auch in dieser Höhe verdientes Ergebnis und Argentinien könnte die erste Nation sein, die ihren Weltmeister-Titel verteidigt. Irrtum, Tagesschau. 1938 hat Italien den 34er Titel verteidigt und 1962 Brasilien den 58er. Argentinien könnte also auf Platz 3 der Verteidiger einlaufen. Recherche im Nachrichtenjournalismus wird allgemein überschätzt. Ich will an Brigitte Rost denken, die heute 90 Jahre alt wäre, wenn sie noch leben würde. Sie war einmal ein Weilchen im Zirkel schreibender Arbeiter des Glaswerks, den ich gegen ein erfreuliches Honorar leiten durfte. Dann brachte der Verlag meines Freundes Escher 2001 ihr Buch „Augen-Blicke“ heraus und ich lernte, das es unmöglich ist, das Buch einer guten Bekannten halbwegs neutral zu besprechen. Der gute alte Reich-Ranicki kritisierte nie Siegfried Lenz, sie waren befreundet. Heute gibt es ganze regionale Literatur-Magazine, die fast nur dem gegenseitigen Lob der beteiligten Autoren dienen.

16. Juli 2026

Arno Frank, taz-Schwurbler vom Jahrgang 1971, sieht auf Fotos nicht nur aus, als hätte er weniger Humor als ein Tüpfelhyäne mit Gazellenknochen zwischen den Zähnen, er hat tatsächlich keinen. Er wütet eine Seite im SPIEGEL voll gegen Dieter Nuhr. Ist schon ein paar Tage her, das macht es nicht besser, ich sehe es eben erst, weil ich dieses Nachrichten-Magazin oft etwas liegen lasse. Das hat den Vorteil, dass ich nicht auf die Idee kommen kann, einen Leserbrief zu schreiben, denn in Hamburg werden nur Leserbriefe zur vorigen Ausgabe genommen und immer am liebsten lobende. Nicht einmal der Hassprediger Maxim Biller, den sich die ebenfalls Hamburger ZEIT hält, macht mich noch wütend genug. Ich bin nur rat- und fassungslos. Was lässt Gott der Herr (wahlweise gern auch: Gott die Frau, für taz-ler) statt Hirn in manchen Köpfen arbeiten. Es gab mal einen, der sagte: Konservativ sein heißt, an der Spitze des Fortschritts marschieren. War Scheiße, das Marschieren.

15. Juli 2026

Nur weil ich ein Hörspiel von Lothar Günther (Jahrgang 1947) gelesen habe, muss das nicht bedeuten, dass die Suchmaschine aller Suchmaschinen oder gar die KI ihn kennen. Sie hauen mir Lothar-Günther Buchheim um die Ohren, den sattsam verfilmten „Boot“-Mann mit Augenklappe. Wahlweise gibt es noch einen promovierten Lothar Günther vom Jahrgang 1932. Will ich aber nicht. Dann doch lieber den Hagel von gestern. Den konnte ich fotografieren und seine schlimmen Wirkungen sehen in Pennewitz. Alle Früchte vom Baum, fast alle Blätter, alle Blüten von den Stielen, die Hälfte aller Körner aus dem schon gelben Getreide, gleich Saatgut fürs kommende Jahr. Jetzt Maus sein auf dem Feld! Frankreich raus am eigenen Nationalfeiertag. Das werden wir nie schaffen, es sei denn, Infantino verabredet mit seinem orangefarbenen Kumpel mal eine WM im Frühherbst, wenn überall die Saison angelaufen ist. Amtsenthebung für Trump? Geht gar nicht.

14. Juli 2026

Manchmal geht es so: ich blättere in einem Buch, stoße auf einen Namen, der mir sehr vertraut ist, denke: frag die KI, du bist nicht Ministerpräsident. Alle Reden, die du in deinem Lebens als Ghostwriter geschrieben hast, hast du direkt in die Schreibmaschine getippt. Jetzt sagt mir die KI, dass Isa Speder seit den 60er Jahren in der Berliner Zeitung tätig war. Deshalb sprach sie 1969 auch mit Fred Rodrian, dessen 100. Geburtstag wir heute unauffällig begehen. Aber: direkt unter den Antworten der KI stehe in meiner Suchmaschine gleich ich, denn bei mir ist der Name Isa Speder schon vorgekommen. Mein Text hieß „Als Irmtraut Morgner starb“, ich stellte ihn am 7. Mai 2020 ins Netz. Und davor gab es „Walter Werner 90“, acht Jahre älter, auch da findet sich Isa Speder. Dann hat vermutlich Maxim Biller angerufen und die Nennung meines Namens wegen akuter DDR-Nostalgie verbieten lassen. Jetzt sucht mich die Maschine vergeblich, diese arme Maschine.

13. Juli 2026

Drei Viertel aller deutschen Kommunen haben keinen Hitzeschutzplan. Abendnachrichten aus der kapitalistischen Planwirtschaft, in der Beratungsfirmen und Institutionen darauf warten, endlich für Jahre mit Planarbeit versorgt zu werden. Der Hitzeschutz selbst ist vorerst nur Zielprojekt. Unsere medialen Ukraine-Freunde freuen sich diebisch, wenn unser ewiger Präsident ohne Krawatte es schafft, Öltanker im Asowschen Meer zu beschießen. Öl im Meer ist nur schlecht, wenn es unsere Meere sind, die Ostsee zum Beispiel, in der sich die Kegelrobben vermehren und das Seegras leidet. Fremde Meere, scheiß der Hund drauf. Russen-Meere! Unser Fahrstuhl verweigert seine Dienste und der Anruf am Morgen hat bis zum Abend keine Wirkung erzielt. Wie schwer können Getränke sein und Koffer. Trost: in öffentlich-rechtlichen Fernsehkrimis müssen Kommissare sehr viel öfter auf- und abwärts keuchen und die fliehenden Täterinnen sind ohnehin immer sehr viel schneller.

12. Juli 2026

Vier Bände Lyrik von Johannes Bobrowski stehen wieder im Regal, der Nachlass-Titel „Im Windgesträuch“ brachte keine wirklich neuen Einsichten. Eher das Gefühl zu verstehen, dass diese Gedichte nicht in die vorigen drei Bände aufgenommen wurden. Es wäre zu viel gesagt, die Lektüre sei Strafexpedition gewesen, eine Vergnügungsfahrt war es aber auch nicht. Wer sich eine eigene Sprache erschafft, was selten genug in der Lyrik-Geschichte passiert, der muss auch damit leben, dass diese Sprache nicht verstanden wird. Eher wird sie von begeisterten anderen Lyrikern über- oder aufgenommen. Hätte ich meinen Bobrowski-Kompakt-Kurs vor meinem Harald-Gerlach-Gang absolviert, hätte ich mehr Verständnis gehabt für vieles, was mir immer fremder wurde. Nun, da ich mehrfach las, dass Ingeborg Bachmann, berühmte Lyrikerin, keine Gedichte las, möglichst keine Gedichte, bin ich weniger verunsichert, als ich es sein sollte. Ich lese jetzt erst Annerose Kirchner.

11. Juli 2026

„Quer durch England in anderthalb Stunden“ zu Ende gelesen, Zweitlektüre nach Jahrzehnten. Das Nachwort bedauert, dass Lothar Kusche nur drei Wochen in England sein durfte. Immerhin reichte es, ein kleines Büchlein vollzuschreiben. Nachwort-Autor F. H., es könnte Franz Hammer gewesen sein, Felicitas Hummer war es vermutlich nicht, war ein Schelm. Drei Wochen England 1960! Wir haben es nie weiter als auf vier Wochen Ungarn gebracht. Und ich habe trotzdem nie das Bedürfnis verspürt, ein Buch über Ungarn zu schreiben. Es hätte vermutlich auch niemanden interessiert, denn alle waren früher in Ungarn und niemand in England, nicht einmal Englisch-Lehrer, denen es gut getan hätte. Alexander Nikolajewitsch Afanassjew hat heute seinen 200. Geburtstag nach dem julianischen Kalender, nach dem anderen hat er noch zwölf Tage Zeit, aber wen interessiert das: er war ein Russe und so etwas wie die Brüder Grimm in einer Person für das Reich des bösen Putin.

10. Juli 2026

Vom Zahnarzt nach Hause ist es ein schöner langer Spaziergang, vorausgesetzt, der Zahnarzt hat nicht mit einer Betäubungsspritze eine partielle Gesichtslähmung herbeigeführt, bei der man sich die Unterlippe mit einer Klammer an der Nase befestigen muss, damit sie nicht auf den Adamsapfel herunterbaumelt und allerlei Flüssigkeit von ihr träuft. Nein, es gibt alternativ ein Gel, welches auch betäubt, aber nicht so endlos lang anhaltend. Also: es tut dann fast gar nicht weh, und ich wandere unangefochten an einem leibhaftigen Aufsichtsratsmitglied vorbei, welches glaubt, ich hätte mich verlaufen, was ich dementiere. In gewissen Abständen fragt mich das Aufsichtsratsmitglied, warum ich denn kein Tagebuch mehr schreibe und ich gebe diverse Antworten. Jetzt, wo ich es wieder tue, verrate ich nichts. Man muss auch Geheimnisse behalten können. „Das bombastische Windei und andere Feuilletons“ zu Ende gelesen. Wer weiß eigentlich noch, was ein Windei früher mal war?


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