Tagebuch
28. September 2026
Das neue Parkhaus am Bahnhof ist erst wenige Tage in Dienst und schon haben schlaue Menschen mit Migrationshintergrund herausgefunden, wie man die Betreiber womöglich auf einfachste Weise betrügen kann. Wir hatten eben unsere Besichtigung von oben nach unten beendet, Fotomotive, an die man früher nicht gekommen wäre, genutzt und warfen noch einen abschließenden Blick in die untere Etage mit den Fahrradboxen, als ein dunkles Fahrzeug mit Rudolstädter Kennzeichen erst das Verkehrszeichen von der Straße her missachtete, dann in die Ausfahrt einfuhr und eine Etage weiter oben parkte. Ein Mann, eine Frau, zwei größere Kinder stiegen aus. Der Mann telefonierte auf Deutsch, aber mit starkem Akzent. Dann gingen alle zu Fuß Richtung Einfahrt. Erfassen die Kameras auch Kennzeichen von hinten? Was hätte André Breton dazu gesagt, der vor 60 Jahren in Paris starb? Sein Insel-Buch 1065, Titel „Nadja“, ist das einzige von ihm in meinen Beständen.
27. September 2026
Über die Dialektik des Fahrstuhls im DDR-Plattenbau hat vermutlich noch niemand promoviert. Der Preis dafür, dass die Alten, die Lahmen und alle anderen natürlich auch vom Keller bis unters Dach fahren können, ist: wenn es jemandem wirklich schlecht geht, muss die Feuerwehr geholt werden, weil niemals zwei Träger und ein Notfall in die Kabine passen und durchs Treppenhaus mit Trage geht auch nicht. Die Kosten eines Noteinsatzes explodieren so. Vier Fahrzeuge heute, um einen Nachbarn, den ich morgens noch grüßte, zu holen. Gaffer auf allen Balkonen, manche sah ich noch nie, solange ich schon hier wohne. Das Klassentreffen gestern so gut und angenehm wie lange keins. Meine Rede gefiel allen, die sie hörten. Ich gestehe: mir gefiel sie auch. Gruppenfotos kamen nach Mitternacht noch zwei, vielleicht folgen weitere nach. Wir einigten uns für die Zukunft auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus, unsere Klasse allein will es jährlich versuchen, fast so wie früher.
26. September 2026
Wenn schon, denn schon: „Die linke Wand“ gelesen, auch Zweitlektüre nach 1980. Plötzlich sieht es aus, als käme ich doch noch dahin, wo ich hinwollte in diesem Monat. Und dann setzte ich mich an meine Tastatur und nach einer dreiviertel Stunde ist meine Rede fertig. Kurz sollte sie sein, kurz ist sie geworden. Der Termin heute ist fast auf den Tag 15 Jahre nach meiner Rede zu 40 Jahren Abitur. Der Gedanke an das nächste runde Jubiläum ist einigermaßen gruselig. Die Druck-Schrift vergrößere ich auf 18 Punkt, das liest sich besser. Ich gönne mir eine Rotwein-Bestellung im Weinviertel. Immer wenn ich den Online-Shop aufrufe, sehe ich die Verkäuferin, die ich kenne, seit wir 2022 bei ihr vorfuhren von Wolkersdorf aus. Ich werde natürlich zu Fuß zum „Wiesengrund“ laufen, schwerer wird allenfalls der steile Rückweg. Aber vielleicht findet sich jemand, der mich bis oben mitnimmt. Beim letzten Mal klappte es, da waren wir so wenig, dass wir an Aufhören dachten.
25. September 2026
„Der Dreizehnte“ beendet, eine aberwitzige Szenenfolge rund um den 13. August 1961. Man muss dergleichen gelesen haben, um glauben zu können, dass es das wirklich gab. Danach auch zu Ende gekommen mit „Die achte Trübsal“, 1980 in meinem ersten großen Hörspiel-Lesejahr schon einmal gelesen und natürlich vollkommen vergessen. „Amerikas Dichter“ von Julius Bab wird mich noch bis Ende des Monats begleiten, er erinnert mich nach längerer Eloesser-Pause wieder einmal an mein Langzeitprojekt. Bab war im Vorstand des Jüdischen Kulturbundes unmittelbarer Vorgesetzter von Eloesser im Bereich für die Vortragstätigkeit. Er schaffte es noch ins Exil und überlebte es. Seine „Kritischen Betrachtungen“ unter der Überschrift „Über den Tag hinaus“ (1960) waren mein erstes Buch von ihm. Eine Berliner Gedenktafel gibt es für ihn in der Bundesallee. Morgen muss ich zum Klassentreffen eine Rede halten, noch ist nichts geschrieben, aber es braut sich was zusammen.
24. September 2026
„Scarlett, kommst du jetzt!“ ruft es energisch und es ist nicht Gatte Rhett Butler, dessen Stimme ich vernehme. Es ist die der Kindergärtnerin, die kurz zuvor noch gefordert hatte: „So, Kinder, wir kommen jetzt alle her.“ Sie kommen oder sie kommen nicht. Man kennt das von folgsamen Hunden aus der Sammelbox für abgedroschene Sprüche. Ich lese in einem Buch den schönen Satz „In Berlin ist alles möglich, was in Bonn noch unmöglich ist.“ Das klappt inzwischen auch ohne Bonn ganz prächtig. Unten heult der Hund sein Abwesenheitsheulen. Gäbe es Wölfe am Lindenberg, würden sie von Neid geschüttelt. Neid aber gehört nicht zu den sieben Todsünden unter Wölfen. Auch mit der Wolfsmoral ist es unter ihnen nicht weit her. Eher verkörpern sie das Prinzip des proletarischen Klassenkampfes: Gemeinsam sind wir stark. Am Papiercontainer hat jemand blaue Turnschuhe abgestellt, während die Kartons mit Kinderbüchern hinterm Glascontainer nun verschwunden sind.
23. September 2026
Es hat gebrannt in der Kopernikusstraße. Unser Gafferinstinkt ist nicht stark genug ausgeprägt, um hinzurennen, aber es gibt genügend Nachbarn, die hinterher die Details kennen. Haustiere wurden gerettet, Matratzen aus dem Fenster geworfen. Wir malen uns die Opfer in der Wohnung darunter aus, wenn das Löschwasser von der Decke tropft. Die britische Autorin Deborah-Viëtor-Engländer erlebt heute ihren 80. Geburtstag. Wir hatten weiland einen netten Mailwechsel miteinander, weil sie etwas von mir gelesen hatte, was ihr gefiel. Es lebe das weltweite Netz, welches dergleichen ermöglicht. Ich besitze ein herkömmlich gedrucktes Buch von ihr, welches sich aus Platzgründen hinter den Büchern des Mannes verstecken muss, über den sie so gewinnbringend geschrieben hat: Alfred Kerr. So geht das eben. Sie war auch einmal Vorsitzende der Arnold-Zweig-Gesellschaft, was bei einem Uralt-Fan von Zweig natürlich sämtliche Türen und Fenster einrennt, die es gibt.
22. September 2026
In vielen Köpfen vereinfacht die Gleichsetzung von Antisemitismus und Anti-Israelismus die bedingten Abwehrreflexe. Einigen hilft es gar, ihre seltsame Hufeisentheorie am Köcheln zu halten. Wer über Jahrzehnte gesehen hat, um welche Hälse das Palästinensertuch geschlungen war in West und Ost und Postost, weiß halbwegs Bescheid, aber eben nur halbwegs. Natürlich rechtfertigt ein Völkermord nicht den nächsten, nicht einmal ein einfacher Mord den nächsten. Wenn alle von ihren Palmen klettern, wird es unten eng, aber die Gesinnung geht auf dem Weg nach unten in aller Regel nicht verloren. Womit ich zu Johann Peter Hebel übergehe. Der starb heute vor 200 Jahren und war phasenweise unfassbar berühmt, nicht obwohl er für breite Kreise schrieb, was gute Intellektuelle hassen, sondern weil. Ich muss zugeben, ein bissel sehr einfach ist es manchmal, was er hinterließ. Aber er brachte es in meinem Geburtsstaat in die „Bibliothek deutscher Klassiker“, auf sein Wohl.
21. September 2026
Einer wäre heute 100 Jahre alt, wenn er nicht im ebenfalls hohen Alter von 92 Jahren gestorben wäre. Sein jüngerer Bruder Armin lebt noch und nahm kürzlich bei sichtbar guter Gesundheit die „Goldene Henne“ für sein Lebenswerk entgegen. Iris Berben sprach die Laudatio. Im Dezember steht sein 96. Geburtstag an. Das Geheimnis ist also keins: die Rede ist von Hagen Müller-Stahl, auf dessen Namen ich jetzt wieder stieß, weil er an der Berliner Volksbühne „Die Feststellung“ von Helmut Baierl inszenierte: 1958. Wenig später war er Hausregisseur der Schaubühne am Halleschen Ufer für etliche Jahre. Wird das Maxim-Gorki-Theater das einzige postmigrantische Theater Berlins bleiben? Nach dem wundersamen Wahlergebnis, dass 74 bis 100 Prozent aller Wähler den Parteien ihre Stimme nicht gaben und trotzdem nur Sieger unterwegs sind? Die finale Staffel von „Babylon Berlin“, acht Teile, kennen wir nun auch. Es wollte einfach nie klappen mit dem Hitler-Sprengen.
20. September 2026
Rettungshubschrauber am Morgen. Noch müssen nicht die Wahlverlierer auf die Kliniken verteilt werden. Es ist unsere Nachbarin, die stark unterkühlt aufgefunden wurde. Helle Aufregung im Haus, jeder weiß was, niemand Genaueres. Intensivstation auf alle Fälle. Besuch am Nachmittag zu Kaffee und Kuchen. Perlen des deutschsprachigen Nachrichten-Journalismus am Abend. Jessy Wellmer erkundigt sich beim Schweriner Wahlsieger, warum sein Ergebnis nicht so gut ist wie das seines Kollegen in Sachsen-Anhalt, ob er vielleicht der falsche Kandidat gewesen sei? Wir wissen aus vergleichender Demokratie-Geschichte, dass Wahlsieger wahlweise die falschen Kandidaten sind. Dafür leiten inzwischen Jung-Bürgerinnen aus einem Ergebnis von 25,5 Prozent einen klaren Regierungsauftrag ab und alle fragen sich vor allem, warum sich der Kanzler schon 18 Uhr meldete, nicht wie üblich der Generalsekretär. Er kennt sich eben einfach nicht aus, dieser Noch-Kanzler.
19. September 2026
Du sollst keine Suche beginnen, deren Ende du nicht absehen kannst, dies ist das vierzehnte Gebot für Besitzer überfüllter Arbeitszimmer. Ich habe die Suche dennoch begonnen bis nahe an den Kreislauf-Zusammenbruch. Das Buch, nach dem ich fahndete, lag übrigens an einer Stelle, wo es hin gehörte, wenn es nicht dort lag, wo es früher immer lag quer auf anderen. Meine Anthologien mit DDR-Autoren sind nun streng chronologisch aufgestellt, selbst vordem verstreute Lyrik hat jetzt Reihenfolge. Immer neu beim Blättern Überraschungen: die hat einst auch Gedichte geschrieben, der rühmte einst den Genossen Wilhelm Pieck? Vorzeitig beende ich für diesen Monat die 10.000- Schritte-Reihe. Die AOK teilt mir dann zeitnahe mit, ich könne mich jetzt ausruhen. Am Abend bleiben Reststapel, die auf Sonntag warten. Julius Bab über Thomas Paine gelesen. Sein Buch über Friedrich Kayßler wartet in Griffweite. Ebenso sein „Leben und Tod des deutschen Judentums“.
18. September 2026
Unsere elfte Schweizreise führte uns am 16. September 2006 in die Region Goms im Kanton Wallis. Hinter Altdorf hatten wir eine falsche Spur erwischt und mussten unfreiwillig durch den endlos langen Seelisbergtunnel, am Ende 30 Kilometer mehr. Am 18. September der Ausflug nach Brig, wir wunderten uns damals noch, welche auch kleinen Summen in welchen auch kleinen Geschäften man mit Karte zahlen konnte. Heute erregt es unseren heftigen Unmut, wenn es heißt irgendwo: Keine Kartenzahlung möglich. Das gestern begonnene Lehrstück „Die Feststellung“ zu Ende gelesen. Immer noch der Jahrgang 1926. Ich sammle schon mögliche Schreibanlässe für 2027. Nach langer Pause erstmals wieder unsere große Teichrunde über die Nelson-Mandela-Brücke. Alle Bänke leer heute, weniger Wasser in den Teichen, aber immer noch genug. Überall Spuren der Sturmschäden an etlichen Bäumen, Stapel von Stämmen und Ästen, teils wohl Totholz-Deponien.
17. September 2026
Erstmals in der Weltgeschichte seit Hammurabi (Babylon) hat ein neuer Bundestrainer gleich zwei Nationalmannschaften auf einen Streich berufen. Da tritt der neue Großskandal in der Ukrainer glatt in den Hintergrund der Aufmerksamkeit. Außerdem ist Korruption dort ja nun wirklich nichts Neues, das Thema ist durch, die Moderatoren-Karteikarte kann nach unten gelegt werden. Kürzlich sah ich eine Sendung, in der es um den Jemen ging, einst hatte ich in Berlin einen Kommilitonen von dort, der gern seltsame Blätter kaute. Ich sah, wie saudischen Bomber Angriffe flogen und hörte die Sprecherstimme sagen, dass es nichts nützte. Es gab also schon einmal Menschen, die wussten, dass Bomben nicht helfen, nur zerstören. Nicht einmal die Deutschen erhoben sich gegen Hitler, als die Royal Airforce versuchte, die Wohngebiete in Schutt und Asche zu legen. Es gelang Briten nebst Amerikanern großenteils perfekt, dennoch musste Berlin erobert werden. Nur lernt niemand daraus.