Tagebuch

10. Oktober 2026

Wer noch ein bisschen Geschichtskenntnis unter dem stark ins Gerede gekommenen Dachbegriff Allgemeinwissen gespeichert hat, es können das eigentlich nur unbelehrbare DDR-Rentner sein, weiß, dass die KPD, kaum gegründet, sich an der Frage entzweite, ob man denn an Wahlen teilnehmen wolle. Es dauerte nicht viel mehr als ein Jahr, da waren Abspaltungen schon förmlich gegründet oder im Gründungsprozess begriffen. Ab da lief immer und überall, was Linke am besten können: sich untereinander vorwerfen, wessen Wahrheit nicht die allein Seligmachende ist. Jetzt zerfetzen sich die Pseudowahlsieger schon, weil einige sich aus Sicht der anderen unterworfen haben. Mein alter Humboldt-Uni-FDJ-Sekretär Arnold Schölzel wettert gegen alle und alles, vor allem natürlich gegen die Linken, die jetzt zu Sozialdemokraten werden. Vorwärts zu Pop-Up-Radwegen, Schule für alle (Doofen) ohne Noten und Leistungen: Zehn Jahre Zeit zum Abhängen.

9. Oktober 2026

Kleines Rechenexempel: Wenn ich in meiner Wohnung zirka 12.000 bis 14.000 Bücher beherberge und davon gehören 20 (in Worten: zwanzig) zur kanadischen Literatur, dann würden mir selbst sehr ungelernte Mathematiker zustimmen, es handele sich hier um eine vernachlässigbare Größe. Von den 20 kanadischen Büchern haben zehn Frauen verfasst, acht wiederum davon stammen von Alice Munro und Margaret Atwood, die beiden anderen von Catherine Parr Traill und Margaret Laurence. Anne Carson, die neue kanadische Nobelpreisträgerin, die auch die isländische Staatsbürgerschaft hat und so alt ist wie mein Schwager Wolfgang, befindet sich nicht in meinen Beständen. Ich las nie eine Zeile von ihr. Auch im sortierten Teil meines Archivs findet sich kein Blatt über sie. Womit ich zu leben habe. Draußen stürmt es heute Wetter-App-konform Stunde um Stunde, die Blätter fliegen in Höhe des vierten Stocks und wir wissen jetzt, wann unsre Wohnungen besichtigt werden sollen.

8. Oktober 2026

Linda Teuteberg, die mir immer als recht sympathisches Mädchen erschien, soll gesagt und oder geschrieben haben, es gebe ein Recht auf eigene Erinnerungen an den DDR-Alltag. Wer bitte hat sie zur Juristin werden lassen? Seit wann sind persönliche Erinnerungen Rechtsgegenstand? Ich darf also sagen, dass der Thüringer Kloß meiner Schwiegermutter nicht nach Diktatur des Proletariats schmeckte? Na, danke aber auch. Eine Zeitung, für die ich einst recht viel schrieb, gibt ihren Lesern Ratschläge, woran sie denken müssen, wenn ein Feiertag auf einen Sonnabend fällt. Vorher soll man einkaufen beispielsweise. Da wäre ich nicht drauf gekommen. Auch Katzenfutter und Hygiene-Artikel. Sonst stehe ich dumm da, wenn mein Kater seine Tage bekommt. Der gesamtdeutsche Verblödungsprozess ist weit fortgeschritten, wer vor ihm warnt, warnt hinter ihm. Wolfgang Heise wäre heute 101 Jahre alt. Ich erlebte einst eine einzige Vorlesung von ihm. Man entdeckt ihn wieder.

7. Oktober 2026

Zu Zeiten rief mich in unschöner Regelmäßigkeit ein Mensch an, um mir mitzuteilen, in meiner (ehemaligen) Redaktion werde am 7. Oktober noch mit Alkoholischem auf den „Tag der Republik“ angestoßen, was ihn sehr, mich kaum aufregte. Manche haben halt mit wenig Erfolg ihren Entwurf einer Master-Arbeit am Institut für angewandte Empörungstheorie eingereicht. Es mangele ihnen an Substanz, heißt es darüber aus gewöhnlich schlecht unterrichteten Kreisen. Noch immer darf ich sagen, dass ich mehr als die Hälfte meines Lebens in jener Republik verbringen musste: es mangelte mir an Alternativen. Es gab Wege, die ich unbeobachtet ging. Es gab Briefe, die ich erst fand, als ich meine Akten einsehen durfte. Werner Lindemann war, als die Republik ihren letzten Geburtstag mit Pomp am Palast der Republik und Knüppeln an der Gethsemané-Kirche feierte, 63 Jahre alt. Bis zum 9. Februar 1993 erlebte er dann noch die frühen Segnungen einer unfreundlichen Übernahme.

6. Oktober 2026

Ein Studierender ist einer, der studiert. Ein Student ist einer, der an einer höheren Bildungsanstalt immatrikuliert ist, egal, was er eben treibt. Wenn einer also vor einem öffentlichen Gebäude mit einem Plakat fuchtelt, studiert er nicht. Wenn er eine Professorin aus dem Hörsaal treiben will, weil sie für irgendetwas steht, wofür er/sie nicht steht, dann studiert er auch nicht, ist aber Student. So weit, so schlecht. Ich bin, ich weiß es ja, von vorgestern. Heute werfe ich alte Zeitungsausschnitte weg, die ich irgendwann einmal für wichtig hielt, einer darunter mit der Überschrift „Soll man Studenten zwingen, im Hörsaal zu sitzen?“ Nein, natürlich nicht, man könnte sie auch stehen lassen im Hörsaal. Dann wären sie Studierende, falls unten jemand steht, der eine PowerPoint-Präsentation vorliest: für alle Studierenden, die nicht selbst lesen können. Ich hätte solche Vorlesungen ignoriert, aber das war noch in Zeiten der Diktatur, als ich mir solche Freiheiten nahm. Fünf Jahre als Student.

5. Oktober 2026

„Ist das Zeitalter des Lesens vorbei?“ fragte Marie Schmidt in der Süddeutschen Zeitung am Freitag und auf der zweiten Seite des sehr langen Beitrags steht: „Ähnlich wie die Biodiversität schrumpft auch die Bibliodiversität: Wie beim Artensterben nimmt die Vielfalt ab, die Diversität der Sprachen und Textformen.“ Als ich heute naiv der Uni-Bibliothek Ilmenau eine größere Menge kompletter Jahrgänge einer Print-Fachzeitschrift als Geschenk anbot, wollten die nicht einmal wissen, um welche es sich handelt. Sie bauen ab, sie haben keinen Platz, sie bieten, wenn irgend möglich, nur Digitalisiertes an. Damit kann ich nicht dienen. Vorbei das Geschwätz vom Haptischen, mit dem die rettungslos Gestrigen immer noch verteidigen, was schon verloren ist, auch wenn es noch lebt. Ich ahne, wie es meiner Bibliothek ergehen wird, die zu einem sehr großen Teil mein Lebenswerk wäre, wenn sich für dergleichen irgendwer interessieren würde. Antiquaren fehlen Hände zum Abwinken.

4. Oktober 2026

Ausgedehnte Schrecksekunde: ich habe erstmals seit Jahren keine Buchmesse-Zeitungen bestellt. Muss sehen, was zu retten ist. Dabei war ich auf das Gastland Tschechien (und bin es immer noch) sehr neugierig, wohin ich auf meine alten Tage nun selbst gern fahre, im November zum zweiten Mal in diesem Jahr. Den Todestag des Dänen Jens Baggesen gestern hätte ich gern zum Anlass genommen, aber die Zeit reichte nicht. Vielleicht wird es dafür mit Runge und Goethe im nächsten Jahr, es ginge auch Runge ohne Goethe. Goethe ohne Runge geht immer. Ich lese mit größtem Vergnügen kasachische Märchen nebenbei, da gibt es dumme Wölfe, eine betrügerische Kröte, die zur Strafe in eine Schildkröte verwandelt wird. Die ARD lässt tatsächlich einen neuen Tatort gegen den Fußball konkurrieren: die Programmdirektoren sind auch nicht mehr das, was sie früher einmal waren. Trotz allem 13.400 Schritte heute mit Blick in Ecken, wo ich nie war in 47 Jahren Ilmenau.

3. Oktober 2026

Der Feiertag bringt das Zeitungswesen durcheinander: Alles, was heute käme, musste gestern schon da sein. Die Blätter wissen das natürlich und so war auch alles schon da gestern. Wir hatten Zeit, das Baugeschehen an der Ilm rund um die Fischerhütte zu begutachten und deshalb heute keinerlei Ziele. Ich beende „Gereimte Reden“ von Helmut Baierl, ein unfassbares Buch. Wie kommt einer auf die Idee, so etwas zu schreiben und dann auch noch drucken zu lassen? Im Militärverlag, der für seine Lyrik-Ferne gar nicht lange kritisiert werden muss, waren Gedichte selten: Walter Flegel und Uwe Berger gaben sich die Ehre, der eine als Max Retlaff, der andere schlicht als Uwe auch für das einschlägige Ministerium nebenberuflich tätig. Ich lege eine neue Datei für Philipp Otto Runge an, der zu denen gehört, die 2027 ihren 250. Geburtstag haben. Kleist ist dabei und ich hoffe, dass nicht schon wieder fünf neue Biographien in den Markt gedrückt werden wie 2011. Es reicht einfach.

2. Oktober 2026

Das Rillengläser-Problem ist gelöst: man stelle die Gläser auf den Kopf in heißes Wasser, in zwei Anläufen kommt der Deckel, ohne zu splittern, wenn man den Gummi vorsichtig bearbeitet. Ich beseitige überzählige Kartons und gewinne schon im ersten Anlauf viel Platz in meinem Keller. Stelle verborgene Zeitschriftjahrgänge sichtbar auf. Finde die kulturpolitische Wochenschrift „Aufbau“ von 1953, nur zwei Hefte fehlen, dafür ist die Beilage zum Tode von Stalin in Heft drei bestens erhalten. Eine Ausgabe enthält ein sehr sozialistisches Gedicht von Reiner Kunze, der natürlich nicht schon in der Wiege systemkritisch nuckelte. Ich ergänze meinen Kalender für 2027, sehe: heute feiert Helga Schütz ihren 89. Geburtstag. Einst begann sie mit „Vorgeschichten oder Schöne Gegend Probstein“, da war die Edition Neue Texte des Aufbau-Verlags noch jung und drin der Satz „Heinrich Mann hält Hedwig das Sägeblatt hin.“ Wegen solcher Sätze liest man letztlich.

1. Oktober 2026

Friedrich Michael, unser Ilmenauer Klassiker, hat nicht nur über Theater geschrieben, sondern auch für Theater. Ein Stück trägt sogar einen einschlägigen Titel: „Erziehung zum Theater“, es ist eine Komödie in vier Akten, die man sich, falls man vor Jahren alte UFA-Filme am Montag sah, mit denen das DDR-Fernsehen wenigstens einmal in der Woche Freude unter die Zuschauer brachte, ehe es unmittelbar anschließend Karl-Eduard von Schnitzler auf sie losließ, gut als eine eben solche Schmonzette denken könnte. Das mir auf einer heutigen Bühne vorstellen, geht deutlich über meine Phantasie. Zu läppisch ist alles, in Teilen auch unwiderruflich von vorgestern. Am 30. Oktober ist sein Geburtstag, am 22. Juni war sein 40. Todestag, kein Grund für irgendeine Schrecksekunde. Erst fünf Jahre tot ist Eberhard Panitz. Mir fällt stets nur Renate Blume ein, wenn ich seinen Namen höre, und das gleich vierteilig. Mein Interesse an ihm wollte niemals wirklich aufblühen. Bis heute.

30. September 2027

Die halbe Straße ist in Aufruhr. Alle, die gestern nicht kamen, haben immerhin den Brief im Kasten gefunden, den wir nach der Versammlung auch alle fanden. Der dort angekündigte Anhang war nicht im Umschlag, auf individuelle Begehungstermine müssen wir nun warten. Es wird eine kleine Entschädigung geben im Mai. Die Staatsbibliothek gedenkt mit drei Monaten Verspätung des 100. Geburtstages von Fred Rodrian. Ich tat das Meinige am 14. Juli, mein Text ist bisher in Höhe einer Lyrikauflage oder einer akademischen Sachbuchauflage aufgerufen worden, was ich akzeptabel nenne. „Amerikas Dichter“ von Julis Bab steht wieder im Regal. Wir sichten Kartons mit Nachlass-Beständen meiner Mutter: Wollsachen, Pullover, Jacken, Westen, wunderschöne Muster, diverse Farben. Wer will heute noch Wollsachen? Selbst das weltweite Netz bietet keinerlei verwertbare Ratschläge, wie man uralte Rillengläser ohne Lasche öffnet, ohne sie einfach fallen zu lassen.

29. September 2026

2027 wird das Jahr des bisher größten Wohn-Horrors in unserem Leben. Meine Genossenschaft hat beschlossen, unseren Block energetisch zu sanieren. Das bedeutet im Januar zuerst Demontage unserer kompletten Einbauküche mit Zwischenlagerung in der Wohnung. Dann Demontage zweier kompletter Leichtbauwände zum Rohrleitungsschacht, einmal Küche, einmal Speisezimmer, das baufunktional ja auch eine Küche wäre. Neue Steig-, neue Fall-Leitungen, neue Lüftung. Nach einer Pause, wenn die ersten Herzattacken auskuriert sein sollten, kommen alle Heizungen an die Reihe, aus einem Rohr werden zwei Rohre. Um Baufreiheit zu schaffen, muss unser maßgefertigtes Wohnzimmer teil-demontiert werden, etwa anderthalbtausend Bücher aus dem Arbeitszimmer verlieren ihren Stellplatz für den Arbeitsplatz der Sanierer. Wo auch immer ich sie und die Regale lagern könnte, ist kein Platz. Das killt den Mai. Fröhliche Mieterversammlung zu diesem Zweck.


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