Tagebuch
11. September 2026
Kleine Zwischenfreuden: Die Google-Suche „Christa Reinig 100“ hat mich auf dem dritten Platz. Kleiner Ärger: Das Amtsblatt des Ilm-Kreises wird so spät ausgeliefert, dass die Hälfte der angekündigten Termine vorbei ist. Zum Ausgleich gibt es mit einem Monat Verspätung den Nachruf auf Helmut Hüttner, den Arnstädter Alt-Bürgermeister. Er gehörte zum Jahrgang 1940, der in der DDR-Literatur mein spezieller Forschungsgegenstand war bis Ende 1989. Unvergessen mein erster Besuch in seinem dunklen Amtszimmer im Rathaus Arnstadt. Ich wurde ihm von einem Kollegen als der neue Journalist aus Ilmenau vorgestellt. Er war nie der Mann zum Duzen, anders als der Alt-Bürgermeister von Ilmenau, dessen Mann für die Kultur in Ilmenau ich wahrscheinlich auch dann nicht geworden wäre, wenn meine Stimmenzahl gereicht hätte. Kultur gehört im Zweifel zu den Dingen, die die CDU an Koalitionspartner oder andere Abstimm-Partner abgibt. Kein Trauergrund.
10. September 2026
Gestern ein furchteinflößender Brief der Genossenschaft an alle Mieter der Hausnummern 2 – 5. Es ist eine so genannte energetische Sanierung vorgesehen. Wir werden am 26. September erfahren, was genau geplant ist. Absehbar ist vor allem für mein Arbeitszimmer reiner und absoluter Horror, der Rest der Wohnung wird wohl schwer bis mittelschwer in Mitleidenschaft gezogen werden. Zur Vertreter-Versammlung war davon noch kein Wort zu hören. Mein neuer Zugang zum Munzinger-Archiv funktioniert. Das ist mehr als hilfreich, wenn es um Sekundärliteratur geht, aber natürlich haben auch die Essays fast immer eigenen Wert. Leider gibt es den Artikelservice nicht mehr, den ich früher bisweilen nutzte.Vielleicht wäre die Nutzungsgebühr inzwischen so hoch, dass niemand mehr danach fragen würde. Während der grüne Wunsch nach 5 Mark pro Liter Benzin sich erfüllte, still, ohne grünen Jubel, ohne dass irgendwelche Abgeordneten an Zapfsäulen laut weinen würden.
9. September 2026
Noch zweimal schlafen, dann dürfen wir alle uns fragen, wo wir waren, als. Ich war in meiner Redaktion, wartete auf die Anzeigenbelegung per Fax. Fragte nach und wurde angeplärrt vom Chef vom Dienst: Ihr wisst wohl gar nicht, was los ist? Nein, wussten wir nicht, weil wir arbeiteten und nicht auf den Redaktionsfernseher starrten, den wir gar nicht hatten. Heute vor 80 Jahren starb Mynona, der eigentlich Salomo Friedländer hieß und allerlei schöne Sachen geschrieben hatte zuvor. Gesammelt in Büchern mit solchen Titeln: „Das Nachthemd am Wegweiser“, „Der verliebte Leichnam“ oder „Rosa die schöne Schutzmannsfrau“. Soweit mein eigener Bestand. In der DDR war Helga Bemmann für ihn zuständig, wir sollten froh sein, dass wir sie hatten. Unsere Freunde aus der Interpretierwirtschaft tun sich schwer mit dem AfD-Sieg in Sachsen-Anhalt, ein ehemaliger Sowjetbürger erzählte gar, in Erfurt wolle die AfD ein KZ auf dem Flugplatz errichten. Warnend.
8. September 2026
Nachdem aus nahe liegenden Gründen gestern Paul Zech seinen 80. Todestag nicht feierte, tobt heute der Festbär vielleicht bei Helmut Böttiger, von dem ich Bücher in niedriger einstelliger Zahl besitze. Also wünsche ich ihm alles Erdenkliche. Ich weiß, wie es ist, wenn man 70 wird. Ich weiß auch, wie es ist, mit sieben Frauen den wunderbaren Film „Vaterland“ zu sehen, in dem Thomas Mann wahrheitswidrig während seiner Reise nach Frankfurt am Main und Weimar vom Selbstmord seines Sohnes Klaus in Cannes hört und trotzdem Goethe-Reden hält. Ein polnischer Regisseur hat gezeigt, wie man auch Film machen kann. Mit Darstellern höchsten Ranges selbst in sehr kleinen Nebenrollen. Und mit einer Sandra Hüller, vor der man in die Knie gehen müsste, würde nicht das linke der beiden zur Verfügung stehenden Dienstverweigerung androhen. Alexander Cammann; „In nur einer Szene verwandelt Zischler unser Bild dieses Schriftstellers.“ Ja, grandios, diese Szene.
7. September 2026
Mir fällt die DDR ein. Die hatte ein wunderbares Modell entwickelt zur Zusammenarbeit aller zur Wahl antretenden Parteien. Alle standen auf einer Liste. Wer einrückt, stand vorher fest, wer nicht einrückt, stand auch vorher fest, egal wie viele Stimmen er auf sich vereinte. Ich zum Beispiel wurde 1989 für den Kulturbund mit dem besten Ergebnis in Wahlkreis II sofort zum Nachfolge-Kandidaten ernannt und als ich dann nachrückte, war das diese schlimme, schlimme Wahl, die der DDR den wohlverdienten Todesstoß versetzte. Manche erinnern sich. Man muss die Einheitsfront gegen die AfD nicht gleich wieder Nationale Front nennen. Da würden sich sofort Geduldete aller Herkunftsländer, Religionen und Geschlechter wieder diskriminiert fühlen, was, wie wir alle genau wissen, niemandem zuzumuten ist, außer Ossis natürlich. Ansonsten stapelte ich heute nicht hoch, sondern um, trug in den Keller, aus dem Keller, von rechts nach links und hinten. Ordnung eben.
6. September 2026
Mehr als 50 Prozent der Wähler haben nicht die AfD gewählt. Daran erfreuen sich die Parteien, die von mehr als 80 oder, in drei Fällen, von mehr als 90 Prozent nicht gewählt wurden. Es ist also ein Regierungsauftrag an diese Verlierer ergangen, sich zusammen zu tun und sich gegenseitig dabei nichts zu schenken. Insbesondere die SPD ist voller Freude, weil sie die 5-Prozent-Hürde meisterte, was gar nicht einfach war. Unsereiner genoss den Sonntag in Sohnstedt zwischen Nackten. Ich lernte, dass Nancy Nancy ist. Hallo kann jeder sagen. Ein sehr junges Aufguss-Mädchen versuchte in Kombination mit Slibowitz, uns eine Vorstellung von Hölle zu vermitteln. Ihre Mutter sprach mit mir, als ich schon die Flucht nach draußen ergriffen hatte, über das Leben. Das Leben von Müttern mit ihren Töchtern ist bisweilen nicht einfach, was ich als Vater einer Tochter nur teilweise mit verständnisvollem Nicken begleiten konnte. Drinnen das Stöhnen und Keuchen. Ich atmete durch.
5. September 2026
Früher, also vor 25 Jahren noch, trug ich meine Farbfilme zu Foto Richter und wenn sie entwickelt waren, holte ich sie wieder ab. Am 5. September 2001 waren es die Bilder aus Blankenberge an der belgischen Nordsee, ich war recht zufrieden und verstaute alle gleich in ein Album inklusive aller Beschriftungsstreifen. Am 5. September 2006 wohnte ich einer Gerichtsverhandlung bei, in der eine blauäugige Richterin, die dazu blond war, das Prinzip „im Zweifel zu Gunsten des Angeklagten“ umkehrte und alles zu Ungunsten des Angeklagten auslegte. Sie war der ihr Selbstgefühl kräftig hebenden Überzeugung, sie müsse Zeichen setzen. Die höhere Instanz in Erfurt bestätigte ihr Urteil, womit meine Grundsympathien für höhere Instanzen des Rechtsstaates ein wenig ins Umherwanken gerieten. Nach all den herrlichen Waldbränden des Jahres ein Artikel in der Berliner Zeitung, nie seit Aufzeichnungsbeginn habe weniger Waldfläche im Jahr gebrannt. Die Quelle: Satellitenbilder.
4. September 2026
Gestern kursorischer Überblick über meine zirka 80 geschriebenen Seiten zu Martin Walser. Mit der Blickrichtung 2027. Wenn das letzte Quartal 2026 heranrückt, liegt es nahe, in die ebenfalls nahe Zukunft zu schauen. Was nichts gegen die Vergangenheit bedeutet. Ich lese, beim Blättern neugierig geworden, in „Die Diktatur der Geschwindigkeit“ von Peter Schneider. Das war der, der immer gerufen wurde, war ein Zeitzeuge von 68 gefragt. Also wurde er ständig gerufen, denn 1944, 1968 und 1977, westdeutsche Jahre als Arbeitgeber einer Dauer-Erinnerungskultur, verloren nie wirklich an medialem Interesse. Schneider also schrieb 1998 diesen schönen Satz: „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich jemals die Gegenwart eines Panzers als Wohltat empfinden könnte.“ Lange, lange vor Anton Hofreiter, den nur seine langen Haare davon abhielten, sich eine Panzerhaube über die Rübe zu stülpen. Ich sah im NATO-Hauptquartier Russen in Uniform, 90er Jahre. War das Illusion?
3. September 2026
Wenn mir schon niemand widerspricht, muss ich es eben selbst tun. Ich habe Herbert Friedrich zum einzigen noch lebenden Angehörigen des deutschsprachigen Literaturjahrgangs 1926 ernannt. Das stimmt nicht. Auch Dagmar Nick, geboren am 30. Mai 1926 in Breslau, lebt noch. Sie hat vor allem über Griechenland und Israel geschrieben, es gab aber auch einen Band mit drei Hörspielen von ihr, den es aktuell nirgends gibt. Ich stieß auf sie, weil sie in einer Anthologie mit der ebenfalls 1926 geborenen Elisabeth Borchers Christa Reinig gewissermaßen einrahmt. Die ist mit sechs Gedichten vertreten, obwohl sie gar nicht vertreten sein dürfte. Nun ja. Es gibt Menschen, denen auffällt, dass in unserem schönen Rechtsstaat, den manche auch zu gern Linksstaat nennen, mit zweierlei Maß gemessen wird. Quod licet jovi, non licet bovi, lernte ich in der Lateinnachhilfe meiner Mutter. Es gibt gute Attentate, von Ukrainern verübt und eben die bösen. Nordstream prima, Leipzig: würg!!
2. September 2026
Heute ist Annerose Kirchners 75. Geburtstag. Ein alter und ein neuer Text von mir sind zu lesen. Ich meinerseits lese in einem Beitrag, dessen Bezahlschranke ich nicht überhopsen kann, sie habe für die Ostthüringer Zeitung 4000 Kritiken geschrieben. Das würde bedeuten, sie hätte über mehr als zehn Jahre an jedem Kalendertag einschließlich sämtlicher Sonn- und Feiertage je eine Kritik im Blatt gehabt, selbst in Blättern, die gar nicht erschienen sind oder in anderen mehr als eine Kritik. Es müsste dafür einen Sonderfonds an Honorar gegeben haben. Kurzum, Korrektoren, die es nicht mehr gibt, haben mindestens eine Null übersehen. Lege ich meine Honorare aus der nämlichen Zeitungsgruppe zugrunde, dann würde Annerose jetzt bald der Reichensteuer unterliegen. Mein bisschen Glückwunsch hat sie gelesen. Der Mohr hätte seine Schuldigkeit getan, wenn es ihn noch geben dürfte. Soweit er nicht durch einen mir unbekannten afrikanischen Philosophen ersetzt ist.
1. September 2026
Lange bevor moderne Mythen gewoben wurden um Menschen, die im Alter von 27 Jahren starben, starb Ludwig Christoph Heinrich Hölty in diesem Alter, der Hainbund-Dichter. Das war am 1. September 1776. Da begann der immer noch junge Goethe eben, den jungen Goethe in sich zu vergessen. Arzttermin für neue Tabletten, erstmals seit langem sind nicht alle in unserer Apotheke verfügbar, ich muss morgen mit Abholschein noch einmal antreten. Das tapfere kleine Deutschland zeigt den bösen Russen, wo der Sanktionshammer hängt, nachts sendet das Fernsehen passend dazu „Rocky 4“, wo Dolph Lungren sich von Sylvester Stallone ordentlich vor die Russenbirne hauen lässt vor den Augen der Sowjetprominenz mit und ohne Uniform. Ahnungslose amerikanische Serienfilmer zeigen in „FBI“ böse Ukrainer, die mit netten Ukrainerinnen Menschinnenhandel treiben und über so was von Leichen gehen dabei. Böse Ukrainer, was soll das denn, bitte, sein?
31. August 2026
Was schon zu packen ging, wurde gestern gepackt, auch die Getränkerechnung nebst Kurtaxe ist beglichen. Zum Frühstück ist jeder Tisch besetzt, an dem wir je saßen. Wir laufen zum Parkhaus, statt erst das Auto vors Hotel zu holen. Alle leeren Flaschen entsorgt, drei Kronen Pfand auch ohne Etikett. Das Ilmenauer Kaufland bringt das technisch nicht fertig, in Marienbad klappt es. Kurz vor 13 Uhr sind wir zu Hause. Staufreie Fahrt, die tschechischen Tankstellen stehen nicht unter Druck aus der Straße von Hormus oder leiten den Druck unter die Erde ab. Wenig Post. Heute ist der 150. Geburtstag von Emil Faktor, auf den ich mich leidlich vorbereitet habe, nur die Zeit zum Schreiben fehlte schließlich. Vielleicht hole ich das nach. Morgen wäre auch schon der 250. Todestag von Hölty fällig. Auch in den habe ich mich mehr als eingelesen vorm Urlaub. Es geht einfach nicht alles. Unter den Mails eine lange, die Götz R. Richter betrifft, für die ich mir Zeit nehmen muss.