Iwan Turgenjew: Die Provinzlerin

Allein die allgemeine und fast vollständige Ignoranz, mit der das dramatische Schaffen Turgenjews zeit- und systemübergreifend gestraft wird bis heute, ist Grund genug, einmal zu schauen, was der große Erzähler denn da in seinen jungen Jahren überhaupt zu Papier brachte. Immerhin zehn Komödien entstanden zwischen 1843 und 1850, darunter der Einakter „Die Provinzlerin“, der 1850 in wenigen Tagen niedergeschrieben wurde. Gegliedert ist das Werk in 25 Auftritte, einige davon sehr kurz, zwei davon sind reine Monologe. Turgenjew hat all seine Personen im Verzeichnis vor allem mit einer exakten Altersangabe versehen, die Bühne stellt das Wohnzimmer im Hause eines wenig bemittelten Beamten dar. Dessen Status es offenbar trotzdem verlangt, zwei Hausangestellte zu beschäftigen, die 50 Jahre alte Wassiljewna als Köchin und den 17 Jahre alten Apollon, der ein Verwandter der Köchin ist. Diese beiden sind auch zugleich die Älteste und der Jüngste auf der Bühne, sie agieren hauptsächlich schwankhaft, was der uralten Soziologie des Dramas entspricht, der zufolge schon in der Antike Diener und Sklaven, soweit sie denn überhaupt vorkamen, den komischen Part zu tragen hatten, Tragik blieb über Jahrhunderte den Oberschichten, idealerweise den gekrönten Häuptern, vorbehalten. Bei Turgenjew ist auch der Graf Ljubin sehr komisch.

Ich zitiere die knappe Inhaltsschilderung, die Klaus Dornacher gegeben hat: „Unzufrieden mit ihrem provinziellen Dasein als Ehefrau eines unbedeutenden ältlichem Beamten, möchte sie mit allen Mitteln nach Petersburg gelangen, um dort Anschluss an die höheren Kreise zu finden. Die Waffen, die sie einsetzt, um dieses Ziel zu erreichen und die Versetzung ihres Mannes zu bewerkstelligen, sind Koketterie, Schmeichelei und Lüge. Diese auf Karriere bedachte Frau wird indes keinesfalls nur negativ gezeichnet. Mit ihrer Zielstrebigkeit, ihrer Tatkraft und ihrem scharfen Verstand, der sich mit Charme und Humor verbindet, ist sie dem vertrottelten Grafen, der ihre Wünsche erfüllen soll, wie auch ihrem Ehemann weit überlegen.“ Dornacher (16. Mai 1929 – 25. Juni 1990) war der Turgenjew-Experte der DDR, deren förmliches Ende er nicht mehr erlebte. Er promovierte 1962 an der Pädagogischen Hochschule Potsdam mit einer Arbeit über „Die Rezeption I. S. Turgenjews in Deutschland 1845 – 1871“. Die von ihm herausgegebene zehnbändige Ausgabe mit Werken Turgenjews ist für mich immer noch konkurrenzlos vorbildlich, auch wenn sie nur vier der zehn Komödien enthält. Georg Hensel etwa in seinem Standard-Werk „Spielplan“ kennt nur „Ein Monat auf dem Lande“, was immer noch mehr ist als in „Russische Literatur im Überblick“.

Dieses Leipziger Reclam-Kompendium (RUB 109; 1974) ignoriert die Dramatik der frühen Jahre vollständig. Auch Klaus Dornacher selbst kommt in der anderen großen Überblicksdarstellung der DDR-Jahre, in „Geschichte der klassischen russischen Literatur“, Aufbau-Verlag 1973, mit ganzen 22 Zeilen von 22 Druckseiten aus. Ob er sich in seiner Habilitationsschrift „Die Evolution des deutschen Turgenjew-Bildes im 19. Jahrhundert“ (1980) auch selbst kritisierte, kann ich mangels Kenntnis der Arbeit nicht sagen. An seinen Herausgeber-Verdiensten würde das freilich nichts ändern. Ob seine Turgenjew-Biografie zu einem glücklichen Ende gekommen wäre unter den veränderten Bedingungen nach dem Ende der DDR, das mit der bis heute nachwirkenden fast vollständigen Vertreibung der Hochschullehrerschaft auf dem Wege der Evaluierung verbunden war, muss Spekulation bleiben, sein früher Tod verhinderte alles. Eine im Insel-Verlag Frankfurt am Main erschienene Biografie hat sich noch nicht einmal zu einem Inhaltsverzeichnis, geschweige denn zu einem Register aufschwingen können, Leser- und Nutzerfreundlichkeit sieht definitiv anders aus. In einem Punkt widerspreche ich Dornacher sofort: Darja Iwanowna wird nicht im Geringsten negativ gezeichnet, ihr Streben nach Petersburg hat mit einer Karriere kaum zu tun.

Der 48 Jahre alte angeblich so unbedeutende ältliche Beamte, der somit volle zwanzig Jahre älter ist als seine Frau und mit ihr keine Kinder hat, ist in der Provinz-Hierarchie immerhin so hoch eingeordnet, dass für die Gattin kein gesellschaftlicher Verkehr auf Augenhöhe möglich ist, was ein Bild der Strenge solcher Hierarchien abgibt, denn ein Verkehr mit niedriger angesiedelten Kreisen wäre keineswegs automatisch ausgeschlossen. Es gibt in der Literatur Fälle, wo Klagen gestaltet werden, dass Stammtische aufgefüllt werden müssen oder niedere Offiziersränge einbezogen, wenn Alternativen rar oder gar nicht vorhanden sind. Darja Iwanowna ist also von aller Kommunikation ausgeschlossen, weil sie selbst das System nicht in Frage stellt. Es gibt im Haus mit den beiden Bedienten außer dem Ehemann nur noch Mischa, einen 19 Jahre alten entfernten Verwandten, der Gesprächspartner, Vertrauter, Helfer, Bote, kurz eine Art gehobenes Faktotum darstellt, aber nicht als in die Hausherrin verliebt vorgeführt wird. Für heutige Leser ist es geradezu erschütternd und überhaupt nicht komisch, dass Turgenjew einer 28 Jahre alten Frau in den Mund legt, sie habe die Hälfte, ja mehr als die Hälfte ihres Lebens bereits hinter sich. Nur aus dieser Perspektive ist auch die Charakterisierung des Gatten Alexej Iwanowitsch Stupendjew als „ältlich“ halbwegs akzeptabel.

Was der dubiose Graf aus Petersburg genauer darstellt, ob er eine hohe oder überhaupt eine Position innehat, womit er sein Leben bestreitet, alles bleibt offen in diesen 25 Auftritten, nur eines nicht: er schminkt sich, er pudert sich, er färbt sich die Haare. Vor allem letzteres macht ihn in Darjas Augen fraglos lächerlich, selbst wenn Gatte Alexej sofort darauf verweist, er trage ja auch eine Perücke. Dennoch hat sie keine Hemmungen, ihn zu umschmeicheln, Neugier zu spielen auf die Zeugnisse seines Wirkens als Hobby-Komponist, der eine italienische Oper nachzuempfinden im Begriffe steht. Ein Duettino eilt er aus seinem Hotel zu holen, um es mit Darja gemeinsam an ihrem einfachen, aber immerhin nicht verstimmten Pianino zu spielen und zu singen. „Keine Miene hat er verzogen, als ich behauptete, er sei damals achtundzwanzig und nicht neununddreißig gewesen.“ Das hat Darja hellhörig natürlich sehr genau registriert. Und in ihrem langen Monolog bekennt sie vor sich selbst: „Ich muss lachen: Ich bereite mich vor wie ein General vor der Schlacht auf die Begegnung mit dem Feind“. Sie hat im Backfischalter auf dem Gut des Grafen gelebt, seine Mutter war damals ihre Wohltäterin. Ihr Kalkül: wenn der Graf sich schon nicht an sie erinnert, wie es den Anschein hat, dann will wenigstens sie so tun, als habe sie keine schöneren Erinnerungen als diese.

Vage aber eindeutige Andeutungen sind es, mit denen Darja den Grafen Ljubin herausfordert: „Man kann nicht mit Gewalt aus dem Gedächtnis streichen … was sie Vernunft zu vergessen rät. … Manche Wunden schmerzen, selbst wenn sie schon verheilt sind, bei jeder Berührung.“ So dumm, gar nicht zu merken, dass und wie mit ihm gespielt wird, ist der Graf, meine ich, dann aber doch nicht, ihm gefällt das Spiel, es schmeichelt ihm in bestimmter Weise sogar und er kann sich wichtig fühlen, was er womöglich gar nicht ist. Sein verfallendes Gut will er, sagt er, im kommenden Jahr abreißen lassen. Und es dauert nicht sehr lange, da hat Darja ihn so weit, dass er sich einbildet, spontan verliebt in sie zu sein, sie zu verehren, sie anzubeten, was man halt so sagt in Komödien. Als er sich auf Knien erklären will, ermuntert ihn Darja ausdrücklich und ermöglicht damit die komischste Szene des Spiel: der kniende Graf kommt, als er sich erklärt hat, von allein nicht wieder hoch. Herrlich. So viel Situationskomik gibt es freilich nur an dieser einen Stelle, alles andere ist eher tendenziell langweilig, wenn man nicht sehr genau auf die Feinheiten des Dialoges achtet. „Es ist immer angenehm, an seine Jugend erinnert zu werden, besonders wenn nichts in ihr vorgefallen ist, was Anlass zu einem Vorwurf sein könnte.“ Sagt Darja. Man ahnt, dass sie es so gar nicht meint.

„Mit diesem Stück bestätigt Turgenjew erneut die Feststellung Gogols, dass der traditionelle Liebeskonflikt als Sujetgrundlage für das russische Drama überholt sei, weil in der Zeit des aufkommenden Kapitalismus andere Konflikte die menschlichen Beziehungen bestimmten“. So steht es in Klaus Dornachers Nachwort zum Turgenjew-Band „Gedichte in Prosa. Komödien“. In meiner Studienzeit habe ich gelernt, dass noch Lenin ein halbes Jahrhundert später Aufwand treiben musste, den Kapitalismus in Russland in seinem Vorhandensein außerhalb weniger industrieller Zentren überhaupt nachzuweisen. Ich musste seine Landwirtschaftsstatistiken im Detail analysieren im ersten Semester an der Humboldt-Universität. Sollte Gogol tatsächlich dramatische Konflikte und frühen Kapitalismus in Russland in eine Korrelation gebracht haben? Nun ja, Turgenjew hat an der Universität historische Vorlesungen Gogols gehört. Seinem Einakter „Die Provinzlerin“, der 1884 unter dem Titel „Die Provinzialin“ in Deutschland Turgenjew erste Bühnenpräsenz verschafft haben soll, gab er auf alle Fälle eine nette Pointe. „…ich habe eine großartige Frau.“ Darf der Gatte sagen in Vorfreude auf Petersburg und auch Hausgast Mischa soll mitziehen. Ob man das alles heute noch spielen könnte oder gar sollte: die Werbetrommel dafür würde ich nicht rühren wollen.


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