Arthur Eloesser: Wilhelm Heinse
Meine Nähe zu Wilhelm Heinse war lange Zeit eine ausschließlich geographische. Ich fuhr an Schultagen, also sechsmal in der Woche, durch Langewiesen. Mit dem Zug. Einmal auf dem Weg zur Goetheschule, einmal heimwärts. Bisweilen, dann auch mit dem Bus, zusätzlich Fahrten mit Ziel Langewiesen. Dort nämlich gab es die „Ehrenburg“, die es zwar heute immer noch gibt, aber längst in anderer Funktion. Man hört dort keine Live-Musik mehr, man tanzt nicht mehr. Die Träger unmännlich langer Haare von damals und die Trägerinnen sehr kurzer Velourleder-Röcke haben das Rentenalter erreicht und reden von früher. Nur wer sich in der Berliner Kultur-Brauerei neugierig eine Ausstellung anschaut, kann dort gelegentlich ein Plakat sehen mit dieser Botschaft: The No.1 of Rock Music. Ehrenburg Langewiesen. Bei Ilmenau. Nur Freitags 20 Uhr. Darunter noch: Erste professionelle Rock-Disco Thüringens, Platz für 500 Rockfans, Konsequenter Metal-Sound vom Feinsten usw. Da kostete der Eintritt schon 5 DM und das Bier 2 DM. Der junge Heinse hätte, darf man vermuten, mehr als nur einen kurzen Blick hinein gewagt. Aber er war ja schon längst tot. 1973 erwarb ich, Freund der preiswerten Reclam-Bücher aus Leipzig, für 2,50 Mark „Ardinghello und die glückseligen Inseln“, 443 Seiten stark, davon 62 Seiten Anmerkungen, 35 Seiten Nachwort.
Man darf das noch heute eine gediegene, eine solide Ausgabe nennen. Nicht auszudenken, wenn die DDR kein Unrechtsstaat gewesen wäre, nicht die zweite deutsche Diktatur (mit Krippenzwang), was da womöglich noch angestanden hätte. Mehr als geblättert habe ich nie in diesem Buch, ich hatte immer andere Leseleidenschaften von Arnold Zweig bis Heinrich Böll, von Maxim Gorki bis Joseph Roth. Und irgendwann auch Lesepflichten. Stellte aber fünfzehn Jahre später immerhin noch „Die Hitze des Einfalls“ aus dem Eulenspiegel Verlag daneben, Aphorismen. Mit solchen hatte es auch ein Insel-Buch gegeben, das jedoch bis heute in meiner Sammlung fehlt. Warum auch immer. Dann knackte es im Gebälk der Geschichte, die von der falschen Seite lustig bemalte Mauer fiel. Alle wollten Konsalik lesen in der DDR, „Praline“ und das „Neue Wochenend“, niemand wollte DDR-Literatur lesen. Im Westen sowieso nicht und im nunmehrigen Osten erst recht nicht: nie mehr 2. Liga, schreien Fußball-Fans in einer ähnlichen Situation. Obwohl der Abstieg im Drehbuch steht. Immer. Mich aber ereilte die so genannte zweite Chance und kaum begann ich, sie zu nutzen, kam Wilhelm Heinse zu mir. Nicht er selbst natürlich. Aber sein Freundeskreis. Der hatte sich in seinem Geburtsort gebildet, betrieb phasenweise sogar eine eigene Website, die verloren gegangen scheint.
Und heute, wo der Todestag von Arthur Eloesser ist, kein runder, will ich ihn nutzen, mit Blick auf den morgigen Geburtstag von Wilhelm Heinse, ebenfalls nicht sonderlich rund, die Gedanken des einen über den anderen bekannter zu machen, als sie es bisher sind. Begleitend habe ich mein Archiv durchblättert, die dort versammelten Zeitungsausschnitte sind fast ausschließlich den beiden in Langewiesen und Umgebung erscheinenden Lokalblättern entnommen. Und ich staune immer noch, wie eifrig der Freundeskreis jeden Geburtstag, jeden Todestag Heinses nutzte für Vorträge, für Gedenkminuten am Gedenkstein, es gab sogar Reiseangebote der Volkshochschule. Fast alles ist mit dem Namen Martin Strauch verknüpft, der nicht nur deshalb genannt sei, weil ich ihn sehr gut kenne. Nach Langewiesen gelangte eine, die dritte, las ich, Kopie jener Heinse-Büste, die man in der Walhalla nahe Regensburg besichtigen kann, ich sah sie dort. Obwohl ich nicht Heinses wegen da war. Sondern mit meinen Eltern für einen Kurzurlaub in Wörth an der Donau. Das früheste mir bekannte Vorkommen des Namens Heinse bei Eloesser besteht aus einem einzigen Satz: „Klinger tobt sich gleich Heinse in der bequemeren Form des Romans aus, in Maler Müllers „Genoveva“ ertönen die ersten Vorklänge romantischer Mystik.“ Das klingt nach Sturm und Drang. Oder nicht?
Eloesser ging es da nicht um Formen, die bequemer als andere sind, was zu erweisen wäre, ihm ging es um das bürgerliche Drama des 18. und 19. Jahrhunderts. Sein einschlägiges Buch von 1898 hat mich längst mehrfach beschäftigt, ich muss das hier nicht wiederholen. Heinse aber hat sich in der Form des Romans tatsächlich ausgetobt, auch wenn man von seinen Romanen nur drei wirklich halbwegs ruhigen Gewissens als Romane bezeichnen kann. 2006 publizierte Andreas Platthaus, der morgen mit Heinse gemeinsam Geburtstag hat, eine lange Besprechung zu den „Aufzeichnungen“ Heinses und behauptete: „... selten hat man etwas Faszinierenderes lesen können.“ Für alle Nicht-Insider sei angemerkt: Platthaus redet von zwei Bänden mit insgesamt 2800 Druckseiten, die vervollständigt wurden durch drei weitere Bände mit Kommentaren und Verstreutem mit insgesamt noch einmal mehr als 3800 Druckseiten. Ich gehe pessimistisch davon aus, dass niemand, in Worten: niemand, je nachgeprüft hat, ob die Euphorie des morgen 60-jährigen berechtigt war. Die schönsten Superlative sind immer die, die keiner nachprüfen kann. Ein früherer Heinse-Experte behauptete sinngemäß, man könne ohne Kenntnis der zehnbändigen Heinse-Ausgabe (in dreizehn Büchern), veranstaltet von Carl Schüddekopf und Albert Leitzmann, nicht über Heinse schreiben.
Reiner Irrtum: Man kann immer über Heinse schreiben. Die Frage ist nur, was dabei herauskommt. Einen habe ich selbst zitiert, als ich über seine „Dornburger Blätter“ schrieb: Hanns Cibulka, bei mir nachzulesen in „Bücher, Bücher“ vom 20. Juni 2014. Arthur Eloesser wandte sich erst 1924 wieder Heinse zu (falls mir nichts vorher entgangen ist). Er schrieb für die „Literarische Umschau“, Beilage der Vossischen Zeitung, über Memoiren, Briefe und Tagebücher aus der Romantik und dem Biedermeier. Das war 1924 mitten in den Jahren seiner Freiberuflichkeit, in denen er seiner alten Redaktion trotzdem regelmäßig Beiträge lieferte, ehe er 1928 wieder in Festanstellung ging. „Von Wielands Grazienphilosophie und Gleims schnörkeliger Anakreontik ging Wilhelm Heinse aus, dessen Roman „Ardinghello und die glücklichen Inseln“ P. A. Marbach neu herausgegeben hat. (J. W. Mörlins Berlin). Der spätere Rousseau-Jünger und Bruder Werthers, der dann in Rom sitzen blieb, ist wohl der erste deutsche oder europäische Schriftsteller, der aus Ueberlieferung und Anschauung den Kulturkreis des Mittelmeers erkannt hat. Als Kenner der Renaissance ein Vorläufer von Stendhal, Jacob Burckhardt, Nietzsche und ein Dichter, den wir in diesem seinem Hauptwerk trotz vielen schweifenden Abhandlungen immer noch in Blut und Nerven erfühlen.“ Mehr nicht.
Der Heinse-Herausgeber war Paul Alfred Merbach (14. September 1880 – 15. August 1951), nicht Marbach, wie bei Eloesser irrtümlich geschrieben. Die Ausgabe, die Eloesser erwähnt, ist von 1924 und hatte 357 Seiten Umfang. Von Merbach erschien 1934 das Buch „Die Hanse im deutschen dichterischen Schrifttum“ = Pfingstblätter des Hansischen Geschichtsvereins, Blatt XXIV, 1934. Er war auch Schriftleiter von „Die Vierte Wand“, Organ der Deutschen Theater-Ausstellung Magdeburg. Und es gibt das Buch „Deutscher Wille im Entscheidungsjahr 1933. Unserem Führer Adolf Hitler zum Geburtstage in Dankbarkeit und Liebe“, Herausgeber war neben Merbach ein Otto Franke. Das nur der Vollständigkeit halber. Die maßgebenden Äußerungen Eloessers über Wilhelm Heinse finden sich erwartungsgemäß in seiner zweibändigen Literaturgeschichte. Sie beginnen mit dem Satz in Band I: „Gleim hat nicht nur den Jüngling Klopstock gefördert, er hat Ramler, Geßner, Kleist zum Dichten gebracht. Er hat als alter Mann ihre wilderen Nachfahren Bürger und Heinse gestützt und unterstützt, er hat Goethe, aber auch die Karschin … mit demselben immergrünen Enthusiasmus begrüßt.“ Johann Wilhelm Ludwig Gleim (2. April 1719 – 18. Februar 1803) ist nicht nur sehr alt geworden, arg weiß wären ohne ihn weite Flächen der deutschen Literatur-Landkarte.
Und wäre er nur ein Briefpartner gewesen. Es hieße Eulen aus Athen nach Halberstadt tragen, das noch doppelt zu unterstreichen. Dann der erste Verweis auf das zwiespältige Verhältnis Goethes zu dem drei Jahre Älteren: „Lichtenberg verhielt sich gegen das Genietreiben wie Goethe selbst, da er aus Italien mit dem geläuterten Tasso, mit der antikisierten Iphigenie zurückkam und das klassizistische Reformwerk durch Schillers Jugenddramen, durch Heinses „Ardinghello“ barbarisch gefährdet fand.“ In Zusammenhang mit Georg Forster bringt Eloesser Heinse so: „Der Beobachter und Künstler stand sehr glücklich zwischen den Rationalisten, die die Nutzbarkeit der Dinge einschätzten, und den Vorromantikern wie Heinse, der die Landschaft schon mit der mitgebrachten Stimmung einfärbte, sie in zurückgeträumte Zeiten dekorativ einsetzte.“ Allen, denen dann doch dreizehnbändige Werkausgaben oder 6500 Seiten Aufzeichnungen zu viel wären, sei ein handliches Taschenbuch empfohlen: „Tagebuch einer Reise nach Italien“, 2002 erschienen, ein Jahr, bevor ich meinen bis heute einzigen Beitrag zu Heinse mit Dachzeile, Titel und Unterzeile erscheinen ließ, er gehört in die „Alten Sachen“. „Für Johann Jakob Wilhelm Heinse wurde Italien das entscheidende Erlebnis, das immer nur eine Erfüllung von Vorausgedachtem, Vorausgewünschtem sein kann.“
Eloesser mag es selbst bildkräftig: „Heinse kam noch von Wieland her. Sein Ursprung liegt auch noch in der Anakreontik; er steigerte die von der Vernunft gestattete und gemäßigte Sinnlichkeit bis zu einem üppigen Sensualismus, stieß über Maler Müller weit vorausdringend, mitten in die Romantik hinein, indem er den Künstlerroman erfand, die Literatur mit der Malerei befreundete, den Gebrauch der Palette einführte. Wie er die Malerei konturlos wünschte, betrieb er auch die Schriftstellerei; er schrieb wie mit zurückgestreiftem Ärmel und hätte sich auch gern das Hemd ausgezogen.“ Später sind Wieland-Einflüsse auf Heinse klein geredet worden, man muss diesen Debatten nicht in jede Wendeschleife folgen, von den Sackgassen gar nicht zureden. Einer der Sätze des Kritikers klingt mir, als wäre er auf Eva Strittmatter gemünzt, was natürlich Unsinn ist: „Mit dem Eigenleben der Landschaften wurde auch der europäische Süden als Heilfaktor gegen den Rationalismus entdeckt.“ Schon deswegen, weil niemand freiwillig Jugoslawien zum europäischen Süden zählt, da halten immer Italien und Griechenland die Pole Position. Nur fuhr man als DDR-Lyrikerin eben nicht dorthin: schon Jugoslawien war ein Superprivileg. Finden wir nicht alle in Italien phantastisch, was uns zu Hause zu Wutausbrüchen treiben würde? Eloesser kannte sich aus.
„Heinse suchte das Elementare im Leibe, das Dämonische im Blute, stachelte seine irrationale Auflehnung zur Emanzipation des Fleisches. So riefen ihn noch die Jungdeutschen mit Gutzkow als Zeitgenossen zurück, nachdem die Romantiker sich auf ihn berufen hatten, auf seine Tendenz, durch die Literatur aufs Leben zurückzuwirken, den in Normen allzu fest gewordenen Boden des Geistes aufzuwühlen, und umzugraben, was er auch noch oben befördern mochte, Frucht oder Unkraut, Tierkadaver oder menschliche Relikte. Heinse war eine sensationelle Figur von stürmischer Wirkung, wieviel Wind er auch absichtlich machte. Seine zeitgenössische Bedeutung, willig oder unwillig anerkannt, war die eines aufregenden Irregulären, der vor der Front lag, und auch die verdächtige eines Überläufers, eine Persönlichkeit, der man viel, der man allzu viel zutraute.“ Erst danach geht der Kritiker auf die Biographie Heinses ein, ist einer der wenigen, die nicht gleich anmerken, dass Langewiesen bei Ilmenau liegt, wofür beide Orte ja wenig können. Und er hat ein falsches Geburtsjahr: den 15. Februar richtig, statt 1746 aber 1749. Näher an Goethe heran, könnte man müßig spekulieren. Er „er war ein Pfarrerssohn, also ein armer Teufel.“ Bei Cibulka, siehe oben, ist der Pfarrer in Langewiesen der, der weiß, wo Heinses Geburtshaus steht.
„Seine Ahnen hatten, wie er sagt, ihre rechtmäßigen Ansprüche auf das Gute dieses Planeten nicht behauptet; er meldete sie wieder an, schlängelte sich ziemlich skrupellos zwischen mehreren Protektionen nach einer Stelle, nach einem Ämtchen. Wieland wurde in Erfurt auf den begabten und ihm ergebenen Studenten aufmerksam, Gleim wurde wie immer zur Hilfe herbeigezogen und mit soviel Komplimenten und Liebeserklärungen bezahlt, wie nur seine arglose Selbstschätzung sie vertrug. Heinse schrieb Sinngedichte zu Ehren des alten Halberstädters … kompromittierte sich durch eine rohe, später bedauerte Übersetzung des Petronius, schuf dann beträchtliche Aufregung durch den Roman „Laidion oder die Eleusinischen Geheimnisse“, der 1774 hinter dem Rücken von Wieland und Gleim anonym erschien. Goethe war entzückt, um so mehr, da er Wieland gerade mit seinen Göttern und Helden in die Pfanne gehauen hatte.“ Der Feind meines Feindes ist mein Freund, dachte offenbar auch der junge Goethe kurzzeitig, wobei weder Wieland noch Heinse je seine Feinde waren. In seiner „Campagne in Frankreich“ erinnert sich Goethe des Treffens in Düsseldorf: „Heinse, mit zur Familie gehörig, verstand Scherze jeder Art zu erwidern; es gab Abende, wo man nicht aus dem Lachen kam.“ 1789 hätte Goethe das kaum noch so gesehen.
Den ersten Roman Heinses charakterisiert Eloesser knapp so: „Die Bekenntnisse der Lais sind nach dem Roman in einem italienischen Kloster gefunden worden; ihre hetärische Freimütigkeit macht die Erziehung von Wielands Agathon durch Aspasia zu einem Töchterpensionat. … Der Verfasser wurde von den Stürmern und Drängern als Parteigänger ihres Heerhaufens aufgenommen. Genie hat Heinse die Menge, schreibt Goethes Freud Merck, eine Bestie in einem Schäker, wenn er nur nicht alles so angrinsen wollte!“ Den „Ardinghello“ dann so: „Heinse tobt sich in seinem Künstler aus, der nicht nur malt, sondern auch handelt, der den Dolch so gut wie den Pinsel führt, und dem auch die Frauen nicht widerstehen. Ein anderer Benvenuto Cellini, wenn man an ihn glauben kann. Ardinghello bewährt sich in Entführungen und Verführungen, in Kämpfen mit Seeräubern, in all den Abenteuern und schönen Verbrechen, die der italienische Schauplatz zur Zeit der Renaissance willig liefert.“ Und einordnend: „Es war der erste Künstlerroman, romantisches Muster für Tieck und Wackenroder, eine Anregung noch für Novalis, allerdings ohne Nazarenertum, ohne Andacht zum christlichen Mittelalter, vielmehr ein Bekenntnis zur Renaissance als dem wiedergeborenen Heidentum mit seinem Anspruch auf unverkümmerten Weltbesitz und Weltgenuss.“ Bleibt das?
„Am Ardinghello ist am lebendigsten der Kunstenthusiast geblieben, der den Zauber der Farbe kennt und beschwört; er schwärmt für Tizian und Veronese, die Winckelmanns Klassizismus durch ihren Fleischton beleidigten. Schönheit ist die freieste Wohnung der Seele, wirft er ihm entgegen. Kunst und Liebe paaren sich in einem erotischen Bacchanal. Liebe und Geist ist eins unter vielen Namen, nur dass man Überfluss von Geist Liebe nennt. Der Satz könnte als Motto vor der „Lucinde“ stehen; Friedrich Schlegel hat ebenso angestrengt und ebenso unsinnlich für die Sinnlichkeit geschwärmt.“ Und weiter: „Ardinghello der Renaissanceheld schreibt kennerische Kunstbriefe, die die Iris und jede fortgeschrittene Zeitschrift zieren würden, aber der Liebhaber befriedigt sich auf dem Papier, wenn er zum entzückendsten Ziel seiner entflammten Begierden zu gelangen behauptet, und der Tatenmensch, dem der Dolch so locker sitzt, macht sich höchst unwahrscheinlich, wie seine wirr berichteten Erlebnisse fast unsichtbar verschweben.“ Dieser Roman erregte Aufsehen in der deutschen Gelehrtenrepublik, weniger im breiten Publikum, aus dem Zeugnisse selten sind. Intellektuelle Euphorie gilt uns immer als Euphorie an sich. Goethe aber hatte „das Land der Griechen mit der Seele gesucht und mit den Augen Winckelmanns gefunden“.
Den dritten Roman Heinses, „Hildegard von Hohenthal“, sah Arthur Eloesser so: „Wieder ein Künstlerroman; dem Maler Ardinghello folgte der Musiker Lockmann, der nicht mehr den Dolch seines Renaissancebruders führt, sonst aber die Verwandtschaft durch die kennerische Passion für seine Kunst und auch für die Frauen beweist. Lockmann doziert nicht nur über die Wesenheit der alten Meister … er unterrichtet auch in der Technik des Gesangs, in der richtigen Atmung und dem natürlichen Gebrauch des Kehlkopfes. Wenn er Händels Messias mit feinster Einfühlung analysiert, so bereitet sich E. T. A. Hoffmanns Meisterschaft in der Phantasie über Mozarts Don Juan vor. Auch eine Charakteristik der Tanzkunst und der nationalen Tänze bestätigt wieder den Kenner, der zwischen den Künsten Verbindungen schafft und das gemeinsame Zentrum erfühlt.“ Erschlafft sieht der Kritiker Heinses Darstellungskraft, „die Ereignisse kommen noch weniger angekündigt als im Ardinghello“. Eloesser erkennt Anleihen bei Sophie Laroche und Caroline von Wolzogen, der Schwägerin Schillers. Und steht nicht zurück, von künstlerischer Impotenz zu schreiben. Dass solche Deutungen später, aus Nachlass-Kenntnis, glatt verworfen wurden, ist hier nicht zu erörtern, weil es immer eine andere Sicht ist, Unveröffentlichtem nachträglich gleiches Recht einzuräumen.
„Der Dichter Heinse konnte das Leben nicht unmittelbar gestalten, er hatte keine Zeugungskraft und blieb sein Rhapsode in einer wütenden Umarmung; Heinse war ein Schriftsteller von Wert, wenn er sich von Eindrücken der Kunst, Musik und Malerei inspirieren ließ; sie erwärmten sein Lebensgefühl, erregten seine Produktivität. Ihre Sprache schien ihm gemeinsam, und er verstand die Dämonie aller Kunst, ihren Ursprung aus dem Blut, das er sausen hörte, aus dem Pulsschlag des Lebens, der den Rhythmus gab. Heinse gehört zu den Kraftgenies, die gegen den kahlen Geistesbegriff, wie Jean Paul sagt, eine neue Nacht herbeiführten, die gegen ihn das Elementarische der unteren Kräfte rebellisch machten.“ „... ihn erhitzte eine Wunschvorstellung, für die er selbst nicht das Maß hatte. Die Form suchte er im Süden, in der Antike, die ihm mehr zu einem Stimulans als zu Besitz und Heimat wurde. Als der Ardinghello eine Seele bekam, hieß er Hyperion.“ Den aber schrieb Friedrich Hölderlin. „Heinse war der südliche Ausläufer des Genietums, er suchte in der antiken Kultur eine zweite Natur, aber er nahm nichts Elementarisches mit und kehrte als Artist zurück, wie er trotz aller überbietenden Wildheit den Wielandschen Ursprüngen seines Wesens verhaftet blieb.“ Von „Zügellosigkeit des Genies“ bei Heinse sprach Goethe. Er kannte sich aus.