Zsigmond Móricz: Himmelsvogel

Wer heute gesprächsweise auf seine Ungarn-Urlaube zu sprechen kommt, trifft nicht selten auf eine sehr besondere Art von Verständnis: Woandershin durftet Ihr ja auch nicht fahren! Richtig, die Auswahl, die uns unser Sozialismus in den Farben der DDR ließ, war nicht üppig und was erlaubt war und zugänglich, regelte sich dann zu allem auch noch verblüffend marktwirtschaftlich: Manche Reisen waren teurer als andere Reisen und auch in der DDR gab es von Altersarmut Bedrohte, die Mindestrentner, die von Parteitag zu Parteitag bestenfalls mit einem politbürokratischen Almosen im niedrigsten zweistelligen Bereich abgespeist wurden. Denen waren selbst billige Reise zu teuer. Nach Ungarn konnte man sogar privat fahren, sich privat Quartiere besorgen, vor allem aber fuhr man nicht, weil Sex dort besonders billig war. Man hatte Freunde dort. Richtige Freunde, alte, selbst wenn sie jung waren, Freunde, die man nicht nur so nannte, um sich einen hohen Beliebtheitsgrad zuzusprechen, das gab es nämlich auch schon vor Erfindung des elektronischen Follower-Wesens, sondern echte Freunde, die zu sehen man sich lange und ausgiebig freute, bis es wieder so weit war. In meiner Familie reichte das bis 1958 zurück und hielt teilweise bis deutlich über 1989 hinaus.

Schaue ich jetzt zurück, fällt mir vielleicht mehr als damals auf, dass etliche Straßen, in denen wir wohnten, Straßen, die wir besuchten oder durchwanderten, Namen von Schriftstellern trugen, dass Gespräche mit Freundinnen Gedichte betrafen und Literatur allgemein. Die Brody Sandor ut habe ich sofort wieder vor Augen, um einen hier nie bekannt gewordenen Namen zu nennen. Ein gelbes Geschenk aus dem Corvina-Verlag hieß „Mischi und das Kollegium“, den Autor Zsigmond Móricz musste uns niemand vorstellen, zu Hause stand seit Jahren „Der Mann mit den Hahnenfedern“, später kam die „Siebenbürgen“-Trilogie hinzu, weitere Bände wanderten in meine Regale. Vera Thies schrieb 1978: „Zsigmond Móricz wird heute von der marxistischen Literaturwissenschaft als der größte kritische Realist der ungarischen Literatur gewürdigt.“ Diese Art Würdigungen klingen jetzt wie Leerformeln, obwohl sie, nüchtern betrachtet, nicht weniger sagen als: Móricz ist einer wie Fontane oder einer wie Thomas Mann in seinem Sprachgebiet. Von dieser besonderen Substanz wimmelt es auch in unserer Literatur nicht eben heftig und der Unterschied liegt vor allem in unserem Blick darauf: es drängt sich kaum vermeidlich das landeskundlich-historische Lesen vor.

„Himmelsvogel“ ist ein Wort mit exotischer Anhaftung für uns, denn Vogel und Himmel gehören scheinbar so selbstverständlich zusammen wie Erde und Ferkel. Der am 2. Juli 1879 geborene Móricz bezieht das Bild auf seine junge Heldin Panni, die mit dem alten und reichen Bauern Komáromi verheiratet ist. Sie versucht, sich in ihr Schicksal zu finden, das sie selbst in voller Bewusstheit wählte. Zwei Vögel spielen im Text eine Rolle, die unterschiedlicher kaum sein können: der Habicht und die Lerche. Vor ihrer Flucht aus der Armut, aus dem Dasein einer ewig chancenlosen Magd, liebte Panni einen jungen Mann namens Miska, der mit Antritt seines Dienstes beim Militär aus ihrem Leben erst einmal verschwand. Die Geschichte hebt an, als Miska zurück ins Dorf kommt, was, wäre es nach Panni gegangen, nie hätte geschehen dürfen. Ein Hauptproblem der Erzählung scheint darin zu liegen, dass der vermeintliche Aufstieg der Magd und Tochter armer Eltern von kaum jemandem akzeptiert wird, es wird ein gnadenloser Kampf nicht nur zwischen Reich und Arm, sondern vor allem auch unter den Armen gezeigt. Die Familie des Großbauern will die Eingeheiratete nicht annehmen, vor allem die Schwägerin platzt vor Bosheit und Aggression.

Pannis Vater hat seit Jahren keine Steuern mehr bezahlt, sein Schwiegervater kommt nun dafür auf. Das löst Neid aus, Missgunst, die Dorfarmut rächt sich an ihrem Ex-Mitglied, in dem sie sich weigert, in ihre Dienste zu treten: Panni findet keine Hausangestellten, keine Mägde. Zugleich sehen ihre Eltern, vor allem der Vater, sich nun selbst in der Oberschicht des Dorfes angesiedelt, was de facto natürlich falsch ist. Herrschsüchtig gibt sich Bauer Komáromi gegenüber der Familie und auch seiner jungen Frau und seine Erfahrung in der erzählten Geschichte ist das erwachende und sich sofort schlagfertig und angriffslustig artikulierende Selbstbewusstsein von Panni. Die hat ihm, wie sie nun das halbe Dorf mithören lässt, als er um sie warb im Wissen um die Abwesenheit des Mannes, den sie eigentlich liebte, sehr klaren Wein eingeschenkt. Sie will nun, als ihr Miska wieder da ist, den sie dennoch am liebsten nie wieder gesehen hätte, ihren kirchlichen Schwur nicht förmlich brechen. Sie weist Miskas Ansinnen, sie möge so eben einfach seine Geliebte werden, mit keinesfalls nur gespielter Empörung zurück. Am Ende steigt sie dennoch über die Hecke und landet in seinen starken Armen. Zsigmond Móricz hält den Schluss offen, gibt die Richtung aber vor.

„Der Alte fuhr sie böse an, jedoch ohne die Absicht, sie zu beleidigen. Mit einem schlechten Witz, in der Weise, wie ein armer Mensch dem andern seinen Trumpf doppelt heimzahlt.“ Solche Sätze sind es, die mir solche Geschichten zusätzlich wertvoll machen. Ist es tatsächlich so, sind diese schlechten Witze ein Privileg armer Leute? Was ist dann mit dem Satz des Großbauern: „Das Pferd muss geschont werden – es ist ja kein Mensch, den man schinden kann.“ Der natürlich auch nur ein schlechter Witz sein kann. Unter der Annahme, dass der erste Satz stimmt, wird man sanft auf die Aussage gelenkt, dass eben der Großbauer auch ein armer Mensch ist, arm aber nicht in der profan materiellen Art. Man darf so etwas Kunst nennen. Von Pannis Mutter heißt es: „Sie sah, dass ihre Tochter bei sehr schlechter Laune war. Da schwieg sie lieber, furchtsam und vorsichtig neben ihr stehend, um die Großbäuerin nur nicht zu kränken.“ Das wird nicht kommentiert, es bleibt dem Leser, tief erschrocken zu sehen, mit welcher unfassbaren Selbstverständlichkeit eine arme Mutter den Aufstieg ihrer Tochter sieht und beachtet. Dass fast erwachsene ungarische Kinder ihre Eltern mit „Sie“ ansprechen, habe ich noch in den siebziger Jahren verwundert wahrgenommen: Tradition.

„Die Mannsleute haben es nicht gern, wenn die Frau traurig ist. Sie wollen, dass ein Frauenzimmer ein weiches Herz hat. Was immer geschieht, was ihr auch einfällt, ganz egal, sie soll fröhlich sein wie ein Vogel“, sagt auch die Mutter, die zu diesem Zeitpunkt sechzig Jahre alt ist und als sehr alte Frau gezeichnet wird, sich auch selbst so sieht. Immer wieder machen solche Details in älteren Geschichten gleich welcher Literatur klar, wie ungeheuer sich unsere Alterswahrnehmung verändert hat, aber eben auf der Basis der tatsächlichen Änderung der Alterserscheinung. Auch hier schon der Vogel, noch nicht spezifiziert auf Himmel und Erde. Erst später sind Himmelsvögel von Erdvögeln geschieden, wobei der Begriff Erdvögel nicht benutzt wird, wohl aber Hahn und Henne erscheine: gemeinsam auf dem Mist. Als Warnung an mich selbst zitiere ich Dezső Kosztolányi aus dem Jahr 1932: „Über Literatur sollte man am besten nicht sprechen. Klug lässt sich darüber nur schweigen.“ Kosztolányi (29. März 1885 – 3. November 1936), dessen Novellen-Band „Der Kuss“ (Aufbau 1981) derzeit aus mir unbekannten Gründen für mehr als hundert Euro gehandelt wird, hat sich an seine eigene Maßgabe zum Glück nicht gehalten. Er sprach zum Beispiel über Móricz‘ „Barbaren“.

Er formulierte seine Begeisterung: „Wenn man sie immer aufs neue liest, packt einen Erregung, weil man sich den künstlerischen Hochgenuss, der sich von Mal zu Mal steigert, nicht erklären kann.“ Wer, hat man natürlich sofort zu fragen, wer aber liest selbst eine Geschichte von nur 22 Seiten immer aufs neue? Immerhin, der Kritiker Kosztolányi hat etwas sehr Wichtiges sehr schlicht in gültige Worte gefasst: „Sie ist nur, was sie ist. Sie verfolgt keinen Zweck. Sie selbst ist der Zweck, Selbstzweck. Die altüberlieferte kindliche Freude des Berichtens entspringt dem verlangen, etwas mitzuteilen, was andere noch nicht wissen. Das befriedigt den Erzähler völlig und auch den Leser, der sich zugleich mit ihm identifiziert, ihn zu beobachten beginnt, Leben sieht, fremde Leben, die ihn mehr interessieren als das eigene.“ Der Leser, wie gelassen ist diese große Wahrheit ausgesprochen, interessiert sich für fremde Leben mehr als für das eigene, er genießt es zu erfahren, bei welcher Gelegenheit einer lachte wie später nie wieder in seinem Leben. Wer Móricz auch nur ein bisschen kennt, weiß, was ich andeute: „Sieben Kreuzer“, die erste und berühmteste aller seiner Erzählungen, berichtet von genau dieser Gelegenheit. Eine Mutter lacht, bis sie Blut husten muss.

Über die „Sieben Kreuzer“ schrieb ebenfalls Dezső Kosztolányi, nur schon 1927: „Ich empfand es als den Auftritt eines großen Dichters, der zwischen alltäglichen Dingen das Volksmärchen des 20. Jahrhunderts, ein graues Feenmärchen, schreibt.“ Móricz selbst erinnerte sich 1923 in seiner Laudatio auf den berühmten „Nyugat“-Redakteur Ernő Osvát, wie der die „Sieben Kreuzer“ las: „Wie nach einer großen Befriedigung atmete er erschöpft auf, als er zum Ende gekommen war. Er blickte mich an; ernst und durchdringen …“. Das war der Beginn jener Laufbahn, die Móricz zum ungarischen Klassiker machte, unabhängig davon, dass nach seinem Tod am 4. September 1942 seinem Sarg kaum einer folgte, vor allem kein Vertreter der offiziellen Literatur, denn in Ungarn herrschten Horthy und bald gar die Pfeilkreuzler unter Ferenc Szálasi allein. Wie heute in Ungarn sein Nachleben aussieht, kann ich mangels guter Information nicht sagen. Als ich „Himmelsvogel“ 1979 zuerst las, notierte ich mir auch dies: „Ach, was wisst ihr, wie sich so ein armer Soldat auf dem harten Strohsack bei dem Gedanken freut – na, bald wird sich mein trauriger Kopf an dem weichen Busen meiner Geliebten ausruhen können.“ Im Kopf mein etwas weicheres NVA-Kissen.

Eine weitere genauer Beobachtung des Dichters halte ich hier fest: „Panni erwiderte darauf mit unschuldigem Lächeln, mit dem nur junge Menschen das Gift versüßen können“. Nie würden Wissenschaftler dergleichen sehen, wage ich zu behaupten, denn welcher moderne Geldgeber unter parlamentarischer Aufsicht würde Mittel bereitstellen, das unschuldige Lächeln jungen Menschen zu erforschen, die Böses im Schilde führen. Vielleicht hätten langjährige Gerichtsberichterstatter eine Chance, in die Nähe solcher Wahrheiten zu geraten. Den Schlüssel zur vielleicht doch nicht ganz zweckfreien Geschichte will ich natürlich nicht geheim halten: „Zu einem Hahn gehört ein Huhn, kein Habicht. Warum haben Sie einen Habicht genommen? Er ist ein reiner Vogel – ein Himmelsvogel. Nicht einen solchen braucht der Hahn, sondern eine Henne, mit der er auf dem Misthaufen lebt und sich gut verträgt.“ Der Großbauer ist der Hahn, Panni aber ein reiner Vogel, ein Habicht, eine Lerche, die nach oben steigt und tiriliert. Der letzte Satz lautet: „Hinter ihnen verklang die ausgelassene Musik, und überall zwitscherten die vielen kleinen Himmelsvögel.“ Es klebt kein blindes Hoffen hinten an, eines aber, das groß genug ist, seinen Dichter sehr zu mögen.


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