Oliver Goldsmith: Glück (mit Goethe)

Ob er nun 1730 geboren ist oder doch schon 1728, ist für uns letztlich ohne Bedeutung. Wir wissen sicher, dass er am 4. April 1774 starb. Auch für damalige Verhältnisse ist er also nicht besonders alt geworden. Und wenn wir dem Wissen von Paul Wiegler vertrauen, dann hätte er nicht unbedingt so früh schon sterben müssen: „Er stirbt, weil er die Ärzte nicht zulassen und sich selber von einem Nervenfieber heilen will.“ Wiegler (15. September 1878 – 22. August 1949) nennt seine Quelle nicht und gibt auch dem Gedanken keinen Raum, dass hier nicht zwingend ein seltsamer Wahn in Aktion war. Denn Oliver Goldsmith, um den geht es, hat nicht nur einige Semester Medizin studiert, sondern in Italien angeblich sogar einen regulären Abschluss erreicht, der ihn zum Betrieb einer Praxis berechtigt hätte. Das galt, wir wissen es nur zu gut, auch für einen gewissen Schiller, der mit seinen Selbstmedikationen wie mit seinen Therapien für andere nicht eben in die Geschichte der praktischen Medizin eingegangen ist. Der alte Engländer Goldsmith aber, der gar keiner war, weil er, wie so viele berühmte alte Engländer, Ire war, blieb als ein Mann der Literaturgeschichte.

Nähern kann man sich ihm auf zwei Wegen. Den ersten nennen wir der Einfachheit halber den Weg der Anglistik, den zweiten dagegen mit Bedacht nicht den der Germanistik. Den nennen wir den deutschen Weg. Er klebt am Namen Goethes, was nie ganz schlecht ist, im vorliegenden Fall aber radikale Einseitigkeit mit sich führt. Und eine Nebenwirkung, die freilich für Goethe-Freunde zu anderen Symptomen führt als bei sonstigen Menschen. Der anglistische Weg befasst sich mit Oliver Goldsmith und dem, was er an Geschriebenem und Gedrucktem hinterlassen hat. Das ist eine sehr erstaunliche Menge, die für uns alle noch größer wäre, hätte er nicht in frühen Schaffensjahren in durchaus üblicher Weise anonym publiziert. Bei Goethe, um den nicht aus dem Auge zu verlieren, ist es bis heute reizvoll, ihm Texte zuzuschreiben, die bisher nicht eindeutig zu verorten waren. Wie emsig sich das Vereinigte Königreich und seine Philologen um Goldsmith-Zuschreibungen sorgen, vermag ich nicht zu sagen, vermute aber geringeren Eifer. Dass ausgerechnet „Forschungen über den gegenwärtigen Zustand der Literaturwissenschaften in Europa“ zum ersten eigenständigen Werk von Goldsmith wurden und 1759 auch einen Verleger fanden, nenne ich bemerkenswert wie den Umstand, dass das den Marschkolonnen auf dem deutschen Weg schlich verborgen blieb.

Nachdem Oliver Goldsmith fleißig und dennoch ohne damit zu einem auskömmlichen Leben zu gelangen, für die Grub Street gearbeitet hatte (unser aller Lieblings-Suchmaschine bietet nur Funde auf Englisch), die für die Londoner Presse so etwas war wie der Broadway für das New Yorker Theater, bot ihm ein Verleger Wilkie die Herausgeberschaft für eine eigene Zeitschrift an. Sie trug den Titel „The Bee“ und wurde kein Organ für Imker und ihre Verwandten ersten bis dritten Grades. Goldsmith veröffentlichte dort etwa den Essay „Glück“. „Schriftsteller aller Zeiten haben zeigen wollen, dass die Freude in uns ist und nicht in den Dingen, die uns unterhalten sollen. Ein fröhliches Herz wird alles von der heiteren Seite nehmen und Trübsal höchstens vom Hörensagen kennen.“ Goldsmith gibt sich, indem er drei Beispiele vorführt, gerade nicht als Schriftsteller, sondern als Mann des Lebens. Freilich ist Fall Eins ein anonymer Sklave, der frei erfunden sein kann, Fall Drei ein ganz sicher erfundener Mann namens Dick Wildgoose. Nur Fall Zwei ist historisch, der Fall des Herrn Jean-Francois Paul de Gondi, getauft 20. September 1613, gestorben 24. August 1679, der als Kardinal von Retz in Geschichte und Literaturgeschichte Eingang fand. „Alle Weisheit, die ein stolzer Sinn lehren kann, läuft darauf hinaus, dem Unglück standhaft oder trotzig zu begegnen.“

„Hauptsache, wir selbst sind glücklich, und nur ein Narr würde seine Zufriedenheit nach dem Urteil der Leute bemessen.“ Das klingt besser, als es ist, denn es atmet kräftige Autosuggestion und wir wissen aus eigenem wie fremdem Alltag, wie viele Menschen überwiegend oder gar ausschließlich ihre Zufriedenheit nach dem Urteil der Leute bemessen. Und wir wären idealisch empört, Glück in schlichterer Zufriedenheit erkennen zu sollen. Mit dem Glück befasste sich Goldsmith auch später noch. „Es ist unmöglich, ein philosophisches System des Glücks zu begründen, das für jede Lebenslage geeignet ist, da jedermann, der auf der Jagd nach dem Glück befindlich, einen anderen Weg einschlägt.“ So beginnt der im Buch „Der Weltbürger oder Briefe eines in London weilenden chinesischen Philosophen an seiner Freunde im fernen Osten“ als Nummer 44 erscheinende Brief. „Jedes Wesen scheint imstande, eine gewisse Menge Glück zu empfangen, die keine Institution vergrößern, kein Lebensumstand ändern kann und die völlig unabhängig vom Schicksal ist.“ Und gegen Ende: „Mit einem Wort, wahrhaftes Glück ist eine Sache der Gemütsbeschaffenheit und in seiner Qualität nicht zu vergrößern; … Die Philosophie kann zu unserem Glück nicht anders beitragen, als dass sie unser Unglück vermindert“. Was unterm Strich ja keinesfalls wenig wäre.

Der Philosoph Francis Bacon (22. Januar 1561 – 9. April 1626), der kein Ire war, aber zeitweise in den Verdacht gebracht wurde, die Werke Shakespeares geschrieben zu haben, war in seinen Essays dem Thema Glück auch schon auf der Spur. Zu seiner Zeit und aus seiner Feder (die damals noch tatsächlich eine war) ähnelten Essays eher gelehrten Zitat-Kompilationen, während Goldsmith in Richtung Feuilleton zielte, ohne es zu ahnen. Bacon also kam deutlich vor dem Glück (Nummer XL) auf das Unglück (Nummer V). „Die Tugend des Glückes ist Mäßigung, die Tugend des Unglückes ist Tapferkeit, welche in der Sittenlehre als die heldenhaftere Tugend gilt.“ Schrieb er dort und endete: „... im Glück offenbart sich nämlich am stärksten das Laster, aber im Unglück die Tugend.“ Dann jedoch, zum Glück: „Wenn also jemand genau und aufmerksam um sich schaut, so wird er das Glück finden; denn obgleich es blind ist, ist es doch nicht unsichtbar.“ Wir dürfen davon ausgehen, dass Goldsmith Bacon kannte und gelesen hat, natürlich auch den Seneca, den niemand übersehen durfte, der je zum Glück kam. Dessen „Briefe an Lucilius“, dessen „Vom glücklichen Leben“ waren einst Kanon, während heute allen Ernstes öffentlich erörtert wird, ob man nicht auch ohne Abitur, Studium und/oder Volontariat Journalist sein kann. Man kann. Es wird aber danach.

„Großstadt bei Nacht“ beschrieb Goldsmith, fragte sich: „Warum nur, warum ward ich als Mensch geboren und muss das Leid der Unglücklichen sehen, denen ich nicht beistehen kann! Arme, obdachlose Geschöpfe! Die Welt hält nur Tadel für euch bereit, aber keine Hilfe. … Dem Menschen, der Mitleid fühlt, aber nicht helfen kann, ist elender zumute als dem Armen, der um Beistand fleht.“ Darüber ließe sich streiten. Weniger über seine Perspektive lange vor der selbst ernannten „Letzten Generation“: „Der Tag wird kommen, da die vorübergehende Stille vielleicht ewig währt und die Stadt nebst allem, was in ihr lebt, vom Erdboden verschwindet, ohne eine Spur zurückzulassen.“ Das Klima wird dann Freudensprünge machen, nur sieht die niemand mehr, was dem Klima vermutlich kalt auf seiner Rückseite vorbeigehen wird. „Ein Schriftsteller, der hierzulande unumwunden zugäbe, dass er zum Broterwerb schriebe, könnte sein Manuskript ebensogut zu einem Bäcker bringen, um damit den Backofen zu heizen“. Brotarbeit gilt 250 Jahre später immer noch als niedrig, nur die verklärende Ideologie der Kreativität ist erfindungsreicher geworden, als wäre da nirgends der Markt, der Luftschlösser in Spekulationsbrote verwandelt.

Entnommen war dies dem Essay „Über den verbreiteten Hang zur Bewunderung der Schreibereien großer Herren“. Wie auch dies: „Was mich betrifft, so würde ich, wenn ich, wenn ich mir einen Hut kaufen wollte, nicht zu einem Strumpfwirker, sondern zu einem Hutmacher gehen, und wenn ich Schuhe brauchte, käme es mir nicht in den Sinn, dazu einen Schneider aufzusuchen.“ Am Ende seines kurzen Lebens war Oliver Goldsmith sogar noch Geschichtsprofessor wie der oben schon erwähnte Schiller. Er schrieb eine Geschichte Roms, eine Englands und eine Griechenlands. Auch für die Bühne schrieb er, Gedichte schrieb er und: er schrieb einen Roman, einen einsamen, einzigen Roman. Und der fiel, auf dem Umweg über Johann Gottfried Herder (25. August 1744 – 18. Dezember 1803) unser aller Goethe in die Hände. Das heißt, zunächst nicht in die Hände, sondern in die Ohren. Denn Herder, in Straßburg noch etwas wie ein junger Übervater für Goethe, las vor. Er hatte sich „The Vicar of Wakefield“ in der ersten deutschen Übersetzung besorgt von 1767, das Original war 1766 erschienen und nun las er vor. In „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ erinnert sich Goethe in verblüffender Ausführlichkeit des vorlesenden Herder.

Als er das tat, war Herder schon einige Jahre tot und auch seine werte Gattin, Maria Karoline, geborene Flachsland (28. Januar 1750 – 15. September 1809) lebte nicht mehr. Goethe musste keine Rücksichten mehr nehmen, in keiner Hinsicht, denn das Verhältnis der einstigen Freunde war in den Weimarer Jahren mehr und mehr abgekühlt. Nun konnte er sogar den Vorleser loben, freilich nicht in allerhöchsten Tönen, denn eine gewisse Monotonie, eine gewisse Unfähigkeit, unterschiedliche Figuren wenigstens tonal voneinander abzuheben, erwähnt er beiläufig. Nun aber beginnen die Schwierigkeiten. Denn wir haben den anglistischen Weg zu Oliver Goldsmith verlassen, wandeln auf dem deutschen. Er klebt, siehe oben, am Namen Goethes, was eine radikale Einseitigkeit mit sich führt. Ein krasses, vielleicht das krasseste Beispiel, liefert uns der Schweizer Germanist Fritz Strich (13. Dezember 1882 – 15. August 1963), in seinem Buch „Goethe und die Weltliteratur“ (Bern 1946). Dort gibt es das Kapitel „Die weckende Macht der englischen Literatur“ mit dieser Behauptung: „Goethe hätte das Idyll von Sesenheim nicht so erlebt, wie er es erlebt, wenn es ihm nicht wie der zur Wirklichkeit gewordene Roman von Goldsmith, ein lebendig gewordener Dichtertraum vorgekommen wäre.“ Das ist, so formuliert, ohne jede Einschränkung falsch.

Um nicht ein künstliches Geheimnis vorzuspiegeln, das gar keines ist: Diese Entdeckung ist keineswegs neu, im Gegenteil. Die bündigste Formulierung für das Problem finde ich bei Gero von Wilpert (13. März 1933 – 24. Dezember 2009), dem Verfasser des sattsam bekannten „Goethe-Lexikon“: „In der 1811 entstandenen Schilderung seines ersten Besuchs bei der Familie Brion in Sesenheim im Oktober 1770 … vergleicht G. deren Milieu und Personen mit dem Milieu und den Figuren des beliebten empfindsamen Romans The vicar of Wakefield (1766) des englischen Dichters O. Goldsmith und gibt ihr durch diese Widerspiegelung der Literatur in der Wirklichkeit eine erhöhte, idealtypische Bedeutung – ungeachtet der Tatsache, dass ihm der Roman bei der ersten Begegnung in Sesenheim noch gar nicht bekannt war. Herder wies ihn erst im November auf den Roman hin und las im Winter 1770/71 die deutsche Übersetzung (1767) vor. In Dichtung und Wahrheit gibt G. eine ausführliche Besprechung des Romans, der auch ohne die Parallele zum eigenen Erlebnis durch seine schlichte Naturnähe und Seelengröße zu den wesentlichen Leseerlebnissen und Einflüssen auf G.s gehört, den er zeitlebens hochschätzte und im April/Mai 1811 und 20./21. 12 1829 wiederholt las …“. Die zweite Lektüre von 1811 war also entscheidend.

Das Problem des Verhältnisses von Dichtung und Wahrheit in „Dichtung und Wahrheit“ bewegt die Goethe-Philologie schon lange. Wenn auch nicht so lange wie manch anderes. Denn insbesondere die Goethe-Biographik klebt teilweise bis in die jüngste Zeit an der Darstellung, die der alte Goethe seinem Leben gab, viele Jahre nachdem dieses Leben sich ereignet hatte. Bekannt ist, dass er selbst sehr früh seiner Jugend nur noch skeptisch bis kritisch gegenüber stand. Bekannt ist, dass er mehrfach Dokumente seines Lebens vernichtete, er nannte es in schrägem Mittelalter-Vergleich „Auto-Dafé“. Und wo er nicht selbst zündelte, tat es, wie im hier zur Debatte stehenden Fall, eine Schwester von Friederike Brion. Wir wissen, zugespitzt gesagt, von der Sesenheim-Episode in seinem Leben nichts, was er nicht selbst vierzig und mehr Jahre später im zehnten und „eilften“ Buch von „Dichtung und Wahrheit“ zu Papier brachte. Zufällig waren die genannten Bücher in der Abfolge gerade an der Reihe, als er die zweite Lektüre von „The vicar of Wakefield“ in Angriff nahm, der Leseeindruck also vollkommen frisch und musste nur noch mit Friederike in Verbindung gebracht werden. Dass Goethe den tatsächlichen Inhalt des Romans auf seine Zwecke bezogen kräftig reduzierte, kann jeder Leser leicht nachvollziehen, es gibt preiswerte Ausgaben des Romans.

Beim anerkannten Goethe-Experten Richard Friedenthal (9. Juni 1896 - 19. Oktober 1979) lesen wir: „Sesenheim ist nur ein Eckchen seiner Welt. Er vergisst es völlig, ein Menschenleben lang, von Friederike ist nie mehr die Rede .“ Und: „Ein Idyll soll geschildert werden, und dafür schien ihm der Roman des englischen Schriftstellers der richtige Auftakt; er hat auch den Vicar kaum mehr recht in Erinnerung, denn das rasch zusammengeschriebene Werklein war ja nun sehr viel mehr eine Betrugs- und Kriminalgeschichte als ein Idyll; das „verführte Pfarrerstöchterlein“ könnte der Roman eigentlich heißen.“ Bei Karl Otto Conrady (21. Februar 1926 - 1. Juli 2020) heißt es: „Späte Beschwörung einer glücklichen und spannungsreichen Jugendzeit, kann aber keineswegs als zuverlässig gelten. Geschickt wird dem Leser zwecks poetischer Einstimmung Oliver Goldsmiths Roman Der Landprediger von Wakefield nahegebracht, dann folgt die elsässische Idylle mit den beiden Liebenden in freundlicher Natur- und Menschenumgebung. Weitere Dokumente sind so gut wie nicht vorhanden.“ Astrid Seele meint in ihren Buch „Frauen um Goethe“: „Dabei hat er allerdings „Wahrheit“ lediglich auf einer höheren Ebene, nicht aber im historischen Detail angestrebt“. Das wäre ihm, kann man heute sagen, auch kaum gelungen: es fehlten ihm die Quellen.

Völlig verblüffend ist deshalb, wie Rüdiger Safranski in seiner übermäßig gelobten Biographie das Geschehen darstellt: „In „Dichtung und Wahrheit“ gesteht er, dass er die ganze Sesenheim-Episode nicht nur nach dem Muster des Romans „Der Pfarrer von Wakefield“ von Oliver Goldsmith dargestellt habe, sondern manche Situationen damals schon im Lichte dieses Romans gelebt hatte, den ungefähr zur selben Zeit Herder ihm und einigen Freunden so hinreißend vorlas. Als er Sesenheim und die Pfarrersfamilie kennen lernte, sei es ihm so vorgekommen, als würde er „aus dieser fingierten Welt in eine ähnliche wirkliche versetzt werden“. Die Pfarrersfamilie, ihr inniger Zusammenhalt und vor allem die Mutter und die Töchter kamen ihm ebenso aufrichtig, heiter, schlicht und klug vor wie im Roman.“ Von einem Geständnis ist bei Goethe nirgends die Rede. Doch Safranski abermals tapfer: „Er hat Goldsmiths „Dorfprediger von Wakefield“ gelesen und spielt jetzt den Roman nach. Aus Literatur wird Leben, ehe aus Leben wieder Literatur wird.“ Und nennt innerhalb weniger Zeilen zweimal den Roman mit einem anderen Titel. Wer war da Lektor?

Sabine Appel sei abschließend aus ihrem Buch „Im Feengarten. Goethe und die Frauen“ zitiert: „Sie ist voll von Literarisierungen und Halb-Wahrheiten, historischen Fakten, die Goethe im Lexikon nachgeschlagen hat und an die er sich selbst nicht mehr erinnern konnte, die er aber als einprägsame Kindheits- und Jugenderinnerungen darstellt. … Auch die Lebensbeschreibung Goethes ist ein Kunstwerk und keine faktisch-chronologische Bekenntnisschrift. Man weiß, das das Idyll von Sesenheim nach dem Vorbild des Romans von Oliver Goldsmith „The vicar of Wakefield“ komponiert und stilisiert wurde und dass die Stilisierung des Frankfurter Gretchens ein poetischer Kunstgriff ist“. Sesenheim und Friederike Brion waren also kein Sonderfall. Wir wissen, wie verführerisch die Periodisierung des frühen Goethe-Lebens anhand von Liebschaften war und bis heute ist. Später gab es nur noch Frau von Stein und Christiane, alte Kompositionsschemata, wie Goethe sie liebte, hätten da nicht mehr weit geholfen. Hilfreich dagegen ist ein Blick auf das, was Goethe tatsächlich schrieb. Es ist da nicht nur das immer wieder zitierte schwelgerische Lob des Landpfarrers als Typus und des Romans als eines des besten, die je geschrieben wurden. Es ist da auch ein verdächtig-verräterischer Zungenschlag am Ende der allgemeinen Pastoren-Charakteristik.

Da steht tatsächlich: „so hat man das Bild unseres trefflichen Wakefield so ziemlich beisammen.“ Ein Irrtum ist nicht möglich: vorher und nachher geht es um den Mann, Pfarrer und Vater, eben nicht um den Ort. Nur der aber heißt Wakefield, der Vikar selbst Primrose, und dieser Name fällt erst überaus spät bei Goethe. Dreimal ist Goldsmith in den Gesprächen mit Eckermann erwähnt: am 3. Dezember 1824, am 11. März 1828 und am 16. Dezember 1828. Am 9. Februar 1831 kam Eckermann noch einmal auf ihn zurück, ohne dabei aber Goethe zu zitieren. Am interessantesten ist dabei die Notiz vom 11. März 1828: „Wir haben in der Literatur Poeten, die für sehr produktiv gehalten werden, weil von ihnen ein Band Gedichte nach dem anderen erschienen ist. Nach meinem Begriffe aber sind diese Leute durchaus unproduktiv zu nennen, denn was sie machten, ist ohne Leben und Dauer. Goldsmith dagegen hat so wenige Gedichte gemacht, dass ihre Zahl nicht der Rede wert, allein dennoch muss ich ihn als Poeten für durchaus produktiv erklären, und zwar eben deswegen, weil das Wenige, was er machte, ein inwohnendes Leben hat, das sich zu erhalten weiß.“ Goethe erklärt sich damit selbst für produktiv, er hielt ebenfalls nicht viel von Gedichtsammlungen unter seinem Namen, zumindest, bis sie sich nicht mehr vermeiden ließen. In den Werkausgaben.

Das Prinzip, die Philosophie des Gelegenheitsgedichts, man mag es gern auch Poetik nennen, fundierte diese Sichtweise und Oliver Goldsmith durfte Goethe dafür als Gewährsmann dienen. „The deserted Village“ von ihm hat Goethe selbst übersetzt, aus dem Roman zudem den Stoff für sein Spiel „Erwin und Elmire“ gewonnen. Fritz Strich noch einmal: „... in diesem Gedicht hat Goldsmith nicht die immer noch lebendig gegenwärtige, wenn auch aufs Land zurückgezogene Natürlichkeit des Lebens gefeiert, sondern vielmehr einen elegisch sentimentalischen Klagegesang um das verlorene Paradies angestimmt, das von der vordringenden Zivilisation zerstört wurde, was sich bei Goethe mit dem Eindruck der Gessnerschen Radierungen verband“. Mehr von Goldsmith hat der Schweizer zweifellos gar nicht zur Kenntnis genommen, darin seinem verehrten Goethe treulich folgend. Der lobte seinen Goldsmith noch einmal kräftig gegenüber seinem Berliner Freund Carl Friedrich Zelter (11. Dezember 1758 – 15. Mai 1832). Der hatte Goethe in seinem Brief vom 27. Oktober 1829 ganz offenbar erst animiert zu einer späten dritten Lektüre des Romans von 1766. Am 20. und 21. Dezember 1829 las ihn Goethe, am 25. Dezember 1829 erklärte er sich Zelter.

„Warum ich aber diesen werten Namen gerade hier nenne und meinen Zustand nach dem Bilde seiner Familie symbolisiere, will ich mit wenigem erklären. In diesen Tagen kam mir von ungefähr der „Landpriester von Wakefield“ zu Händen, ich musste das Werklein vom Anfang bis zu Ende wider durchlesen, nicht wenig gerührt von der lebhaften Erinnerung, wieviel ich dem Verfasser in den siebziger Jahren schuldig geworden. Es wäre nicht nachzukommen, was Goldsmith und Sterne gerade im Hauptpunkte der Entwicklung auf mich gewirkt haben. Diese hohe wohlwollende Ironie, diese Billigkeit bei aller Übersicht, diese Sanftmut bei aller Widerwärtigkeit, diese Gleichheit bei allem Wechsel, und wie alle verwandte Tugenden heißen mögen, erzogen mich aufs löblichste, und am Ende sind es denn doch diese Gesinnungen, die uns von allen Irrschritten des Lebens, endlich wieder zurückführen.“ Zelter ging darauf nicht noch einmal ein. „Am 4. April 1774 starb er. Keiner seiner Kollegen begleitete den Sarg. ... Als man in England endlich verstand, dass Goldsmith nicht nur ein irischer Bauer, Zeitungsschreiber und Geschichtsprofessor, sondern auch ein Dichter war, beeilte man sich, ihm in der Westminster Abbey ein Epitaph zu setzen, das der gealterte Johnson mit einer Aufschrift versah.“ Das schrieb Friedemann Berger in seinem Nachwort zu „Der Weltbürger“.

Und selbst er, der auf den mehr als dreißig Seiten dieses Nachworts Oliver Goldsmith jede Verkürzung von Werk und Leben ersparte, der den mich überzeugenden Nachweis führte, dass die Essays dem einen und einzigen Roman wohl überlegen sind, selbst er glaubte schreiben zu müssen: „Aber Millionen Leser in Europa, die Goldsmith' Wesen nicht kannten, trugen in sich das Bild des „trefflichen Wakefield“ mit seiner Gutmütigkeit, Versöhnlichkeit und Standhaftigkeit, wie es auch Goethe im 10. Buch von „Dichtung und Wahrheit“ nachgezeichnet hat.“ Obwohl es doch eben den trefflichen Wakefield gar nicht gab, nur das (fiktive) treffliche Wakefield. „Man kann einem Werk in der Tat gewaltsam für eine Zeit Ruhm verschaffen, doch besitzt es keinen wirklichen Wert, sinkt es bald in Vergessenheit.“ So steht es im 84. Brief des Lien Chi Altangi, den sich Goldsmith erfand, an Fum Hoam, den ersten Präsidenten der Zeremonial-Akademie in Peking. Goethes Loblied auf den Roman verschaffte Ruhm im deutschen Leseraum, gewaltsam, wie Goethe-Urteile da eben immer wieder wirken. Der wirkliche Wert nahm daran keinen Schaden. Dass Washington Irving eine Goldsmith-Biographie schrieb, die 1849 gedruckt wurde, weiß ich nun auch. Und die Reaktion von Mark Twain auf „Der Weltbürger“ kann man sogar im Netz nachlesen (Gutenberg-Projekt!).


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