Christa Reinig 100
Begraben wir an diesem Tag zuerst eine westdeutsche Legende: Von Christa Reinig sei nach dem Publikationsverbot 1951 in der DDR nichts mehr gedruckt worden. Hätten alle, die das tapfer und ungeprüft behaupteten, ihre eigenen Sätze ernst genommen, wären sie auf den „Ulenspiegel“ fast zwangsweise verfallen. Der nach ihrem Zeugnis einige frühe Gedichte der am 6. August 1926 in Berlin geborenen unehelichen Tochter einer Putzfrau gedruckt hatte. Nun war es Günter Kunert, selbst ausgewiesener Ulenspiegel-Autor, der gemeinsam mit Herbert Sandberg für den Berliner Eulenspiegel-Verlag (DDR) eine repräsentative Auswahl der Jahre 1945 – 1950 zusammenstellte und herausgab. Das großformatige und grandios illustrierte Buch erschien 1978, als alle Biermann-Unterzeichner längst in Ungnade lebten oder es Christa Reinig gleich getan hatten, nämlich in die Bundesrepublik Deutschland auszureisen. Sie tat es, wie in Feuilletonkreisen allgemein bekannt, indem sie von der Entgegennahme des Bremer Literaturpreises 1964 nicht zurückkehrte. Sie hatte eine Reiseerlaubnis für vier Tage bekommen. Im 78er DDR-Buch aber findet sich auf Seite 183 das Gedicht „Die Stadt Berlin“ neben Kunert selbst und über Theo Balden. Bestens platziert also.
Ulenspiegel-Leser hatten das Gedicht in der Ausgabe vom 13. Juni 1949 vor Augen, da gab es noch keine Bundesrepublik Deutschland, auch die DDR noch nicht, die staatlich nachzog am 7. Oktober. Später trug das Gedicht bisweilen den schlichteren Titel „Berlin“. Wer sich die ausführliche Reinig-Bibliographie von Andrea Jäger anschaut, wird erstaunt sein, wie oft gerade dieses Gedicht neu gedruckt wurde. Ein wichtiges Buch aber hat Andrea Jäger übersehen. Andere folgten ihr im Unwissen oder gingen ihr voraus. 1951 erschien im Aufbau-Verlag Berlin die Anthologie „Neue Deutsche Lyrik. Gedichte aus unserer Zeit“, Herausgeber war Michael Tschesno-Hell (17. Februar 1902 – 24. Februar 1980). Der auch Herausgeber von „Neue Deutsche Erzähler“ war, ebenfalls bei Aufbau 1951. Diese beiden Bücher waren die ersten und bis 1978 einzigen, in denen etwas von Christa Reinig in der DDR gedruckt erschien: 1951 die vier Gedichte „Der Henker“, „Robinson“, „Der Morgen“ und „Der Hirte“ und die immerhin rund fünfzig Druckseiten lange Erzählung „Ein Fischerdorf“. Von den vier frühen Gedichten befand Klaus Wagenbach für seine Zusammenstellung von Reinig-Texten („Feuergefährlich“, 2010) immerhin drei noch als zu den besten gehörend.
Eine ganz besondere Geschichte aber ist von „Ein Fischerdorf“ zu erzählen. Das eröffnete den Prosa-Band von 1951. Reinig fand sich da in durchaus ansehnlichem Umfeld: Erwin Strittmatter, Jurij Brežan, Heinar Kipphardt, präsent auch der später vor allem als Kinderbuchautor berühmte Benno Pludra. Als aber für 1952 eine neue Auflage vorgesehen war, gab es – oder soll es gegeben haben – Wünsche nach Text-Änderungen, ich kenne keine wirklich präzisen Aussagen dazu. Reinig soll sich verweigert haben mit der Folge, dass sie ganz aus dem Band rausgeworfen wurde. Die zweite Ausgabe, nicht reinen Herzens auch zweite Auflage zu nennen, erschien im Rahmen der „Bibliothek fortschrittlicher deutscher Schriftsteller“ (BFDS), gekennzeichnet als Lizenzausgabe mit Genehmigung des Aufbau-Verlages. Herausgeber Tschesno-Hell erwähnt mit keinem Wort, dass der Textbestand dieser „Neuen Deutschen Erzähler“ nicht identisch ist mit dem Buch gleichen Titels von 1951. Von der Streichung Reinigs profitierten Dieter Noll und Franz Fühmann, die neu hinein genommen wurden, vor allem aber Jurij Brežan, der sechzig Seiten mehr füllen durfte als ein Jahr zuvor. Noch ein zweiter Autor verschwand 1952: Martin G. Schmidt mit seinem „Der Schüler“.
Interessant ist, wie sich Christa Reinig selbst im Vorfeld ihres 60. Geburtstages an die Sache erinnert. Sie habe keineswegs, wie in der vielfältigen Literatur immer wieder einmal behauptet worden war, Korrekturen verweigert. Sie habe sich nur geweigert, einen Ersatztext für das „Fischerdorf“ zu liefern. Dennoch ist es, wie eben geschildert, zu einer Art zweiter Auflage des Buches gekommen: ohne ihre Beteiligung. Die frühe Geschichte der Autorin Christa Reinig (noch in der DDR) dürfte bis zu wirklich gründlichen Forschungen, die freilich Anregung brauchten, von Interesse bleiben. Sie behauptet beispielsweise im Gespräch mit Marie-Luise Gansberg, es gäbe gleich mehrere Dissertationen zur Gruppe der „Zukunftssachlichen Dichter“, der sie selbst für eine Weile angehörte. Doch ist mir, ich kann nur für mich sprechen, nie auch nur ein einziger Name aus dieser Gruppe begegnet. Bei keinem, der sie überhaupt für erwähnenswert hielt. Das ist zumindest auffallend. Es gibt auch andere Auffälligkeiten, die die Frage unabweisbar machen, aus welchen Quellen sich welche Autoren beim Schreiben über Christa Reinig bedienten. Allein ihr Eintritt als wissenschaftliche Assistentin ins Märkische Museum, als Kustodin, war mal 1957, mal 1958, 1959.
Das Röntgenbild ihrer verkrümmten Wirbelsäule, die Geschichte geht auf Horst Bienek zurück, lag mehrfach auf dem aufgeräumten Schreibtisch, einmal aber auch in einer unteren Schublade, als sie die DDR irreversibel verließ, um den Bremer Literaturpreis entgegenzunehmen. Wer kannte sich warum da im Detail so gut aus? Das Bild auf dem Schreibtisch wäre eine Art vorsorgliches Signal für finalen Abgang gewesen vermutlich. Andererseits belegt die Aufnahme Anfang 1964 auch frühes Wissen um jene schreckliche Krankheit namens Morbus Bechterew, von der meist erst für spätere Jahre geschrieben wird. Wie auch immer das Erleben Christa Reinigs in der sich eben erst bildenden DDR zu sehen wäre, es wird gerade heute kein Zweifel an einer Aussage bestehen: Im Westen Deutschlands hätte die uneheliche Tochter einer Putzfrau mit hoher Wahrscheinlichkeit weder ihr Abitur machen noch gar studieren können und gar solche Fächer wie Kunstgeschichte und Archäologie. Den Ort ihres Abiturs nennt Reinig Abendoberschule. Und sie nennt ein Fräulein Martha Schicke als diejenige, die diese Einrichtung in der DDR aufbaute. Aber alle anderen nennen den Ort ihres Abiturs die Arbeiter- und Bauernfakultät der DDR. Martha Schicke kennt niemand.
Auch die KI kennt nur Christa Reinig im Zusammenhang mit diesem Namen. Damit wäre ein Punkt gegeben, an dem Marie-Luise Gansberg (4. Mai 1933 – 3. Februar 2003) selbst thematisiert werden müsste: Sie fragt nie nach während ihres von Mechthild Beerlage unterstützten Gesprächs mit Christa Reinig. Selbst bei jeder Nachfrage werten Äußerungen Reinigs lässt sie die Antwort einfach stehen. Etwa als diese behauptet, sie hätte in eigener Initiative (als Kind!!) und ohne die Mutter einzubeziehen, mehrfach die Schule gewechselt. Dabei hat Reinig selbst einen Fingerzeig gegeben, als sie die Frage nach ihrer frühen Homer-Lektüre beantwortete: „Das ist eine Übertreibung, der ich mich schuldig gemacht habe um einer literarischen Pointe willen.“ Nun weiß aber jeder, der sich etwas intensiver mit Reinig befasst hat, dass ein wiederkehrender Kritikpunkt vor allem an ihren Romanen der war, dass ganze Passagen pur autobiographisch sind und keineswegs romanhaft literarisch, Beweis dafür: Textstücke, die in anderen Reinig-Büchern als Erzählung oder Essay auftauchen in wörtlicher Übernahme. Dabei soll es hier gar nicht darum gehen, wie sehr oder wie wenig die Bücher, die sie oder ihr Verlag oder beide Roman nannten, tatsächliche Romane sind.
Begriff und Wort Roman sind verkommen, andere Worte dieses Radikal-Verschleißes wären längst aus dem Verkehr gezogen. Und noch eine Auffälligkeit: diejenigen, die über Christa Reinig schreiben, kommen mit einer wahrhaft verblüffend geringen Menge unterschiedlicher Zitate aus. Kaum mehr als eine Handvoll Gedichte erscheinen immer wieder, den Zitaten, die Reinigs Haltung oder Meinung in dieser oder jener Sache belegen sollen, ergeht es ähnlich. Was wäre das für ein wunderbarer Zufall, wenn alle beim Studium des schließlich doch sehr viele, wenn auch oft dünne Bücher umfassenden Gesamtwerks haargenau dieselben Stellen herausgegriffen hätten, die auch allen anderen auffielen, die auch alle anderen unbedingt zitieren mussten. Bedeckt hält sich, was sich so gern Forschung nennt, in Sachen Förderer der jungen Autorin. Es fallen die Namen Anna Seghers, Bert Brecht, Peter Huchel. Bei Brecht habe ich vergeblich alles abgesucht, die Briefe oder das Arbeitsjournal hätten Belege liefern müssen, falls es sie gab. Fündig wurde ich in der zweibändigen Seghers-Briefausgabe. Es ist ein Brief an Wieland Herzfelde (11. April 1896 – 23. November 1988), den berühmten ehemaligen Malik-Verleger, geschrieben am 6. Januar 1958.
Dort heißt es unter anderem: „Nun hat es mit dem Mädchen folgendes auf sich: Sie hat Kunstgeschichte bei Hamann studiert, ist im Augenblick stellenlos, es soll ihr schlecht gehen. Sie steht nicht gut zu uns, das heißt, sie hat eine scharfe Abneigung irgend etwas anderes als reine Kunst zu schreiben. Sie ging noch zur Schule und ihre Lehrerin (die vielleicht inzwischen abgehauen ist), schickte mir ihre Gedichte. Sie ist sehr begabt, das konstatierten schon damals Brecht und ich, es wäre ein Jammer, wenn es einem nicht gelänge, diese Frau ein bisschen aufzutauen und ihr einen Blick für unser Leben zu geben. Das eine einzige Mal, das sie bei mir war, langte gewiss nicht aus.“ Da ist der Verweis auf Brecht, dem sich bisher nichts an die Seite stellen lässt. Genannte Lehrerin wäre diese Martha Schicke gewesen, die allerdings in den veröffentlichten Seghers-Briefen nicht auftaucht. Sie hat auch dieses Urteil: „Ich glaube, Gedichte der Reinig, auch eine Novelle, erschienen einmal in Sammelbändchen, Aufbau Verlag. Irgend einen Ärger gab es mit ihr, ich glaube, sie gehört zu den Menschen, die erstaunt sind, wenn es nicht irgend einen Ärger mit ihnen gibt.“ Was Huchel an Anna Seghers schrieb, ist nachlesbar und führt zu einem weiteren Brief.
Anna Seghers hat nämlich, ehe sie an Wieland Herzfelde schrieb, noch nahezu postwendend Peter Huchel geantwortet. Und diese ihre Antwort haben die Herausgeber der Seghers-Briefe aus nicht bekannten Gründen für ihre Ausgabe verschmäht. Zunächst Huchel: „Sie lebt in unserem Berlin als stellungslose Diplom-Kunsthistorikerin, es geht ihr miserabel; ich habe mich mit ihr getroffen, sie ist sehr scheu, doch immens klug, - man müsste für sie etwas tun! Vielleicht könnte die Akademie sie als Meisterschülerin in Obhut nehmen. Sollte Dir ihre ebenso begabte wie abseitige Prosa gefallen, so würde ich es auf mich nehmen, ihre Götter in „Sinn und Form“ tanzen zu lassen. Auf jeden Fall aber wäre es für Christa Reinig mehr als ermutigend, wenn sie einmal mit Dir sprechen könnte. Ihre Adresse ist: Berlin N 58, Milastr. 7.“ Seghers antwortet: „Die begabte und unklare Christa war auch schon bei mir, ich habe sogar noch Gedichte von ihr hier. Ich finde auch, dass der Wieland Herzfelde es versuchen sollte, mit ihr zu sprechen, er ist ja aus seiner Vergangenheit an Käuze und Käuzinnen gewöhnt. Ich habe, wie gesagt, ein wenig Kontakt gehabt mit der Frau, sie hat doch bei Hamann Kunstgeschichte studiert.“ Seghers hält ihre Grund-Skepsis nicht geheim.
Sie schreibt weiter: „Ist es so schwer, eine einigermaßen geeignete Stelle für sie zu finden an einem Museum oder einem Verlag? Bei ihr taucht immer wieder die Frage auf, da sie sehr widerborstig ist, ob man ihr derartig viel Zeit geben soll.“ Mit der Stelle jedenfalls klappte es. Christa Reinig setzte ihn in einem der beiden Briefe, die von ihr in den Huchel-Briefband eingegangen sind, in Kenntnis. „Mitte Januar bekam ich die Nachricht, dass Sie meine Arbeit an Frau Seghers geschickt haben. Ich habe mich sehr gefreut und danke Ihnen dafür. Inzwischen bin ich dabei ein paar Gedichte zusammenzustellen. Lohnt es sich, die Gedichte an einen Verlag zu schicken, vielleicht an Rütten u. Loening? Im Augenblick bin ich als freier Mitarbeiter für ein paar Monate im Märkischen Museum untergekrochen und fürs erste von finanziellen Sorgen frei.“ Der zweite Brief ist nur ungenau auf Ende 1962 datiert. „Wissen Sie, wer je die erste Lobeserhebung über meine Verse gesprochen hat? Nein, Sie wissen es nicht mehr. Aber ich weiß es noch. Sie waren es. Es war Winter 1947/48. Der Kulturbund wollte junge Dichter sammeln und Sie hatten die Sektion Lyrik übernommen.“ Vor allem wünscht Reinig dem kranken Huchel jetzt, er möge so schnell wie möglich gesund werden.
„Die Schafe wurden im Kulturklub zusammengetrieben und die Kritiker waren recht zornig und enttäuscht über das Ergebnis. Am meisten Sie, Sie ließen ja nichts übrig, und dann plötzlich mich. Das tat ja meinem Selbstbewusstsein (noch sehr schwächlich) sehr gut.“ Hub Nijssen, geboren 1961, der 1995 über Huchel promovierte, schrieb für „Peter Huchel. Leben und Werk in Texten und Bildern“ unter anderem: „Er war für alle ein Staatsfeind. Unter dem Namen „Zersetzer“ arbeitete die Stasi einen Plan aus, mit dem sie die Überwachung Huchels organisierte. Auch die Schriftsteller, zu denen er noch Kontakt hatte, wie Christa Reinig und Erich Arendt, sollten beschattet werden.“ Er war auch der Herausgeber der Huchel-Briefe. Ein frühes Porträt von Reinig schrieb 1963 Wolfgang Maier und darin heißt es: „Christa Reinig findet ihren literarischen Platz nicht einmal im Tross neuerer deutscher Schriftsteller. Sie findet ihn nicht unter versprengten Nachzüglern, nicht unter Heckenschützen, und ganz und gar nicht unter den Eigenbrötlern – Christa Reinig hat ihren Platz wahrscheinlich allein auf einem Institutsschemel in Ostberlin … In ihrem Teil Deutschlands, den sie nicht verlassen kann, existiert Christa Reinig nicht als Poetin, sondern als Kunsthistorikerin.“
(Fortsetzung folgt)