Günter de Bruyn 100
Journalistische Erfahrung, so man sie hat, ist nicht einfach zu unterdrücken. Das Wissen zum Beispiel, wie es ist, wenn man jemanden minutenlang reden hört, während auf der aufgeschlagenen Seite des Notizblocks (wahlweise des Notizbuchs) noch nicht ein Wort steht. Es gab bis dahin also nicht nur nichts Zitierenswertes, es wurde überhaupt noch nichts gesagt, was des Festhaltens wert gewesen wäre. Der Journalist weiß aus seiner weiterbildenden Sonntagsschule, wie des Lesers Aufmerksamkeit bereits nach dem Vorspann verlorengeht. Noch radikaler nach den ersten Zeilen danach, wenn da nicht etwas steht, was ihn neugierig hält. Von Überschrift und Bildzeile unter dem oder den Fotos zu schweigen: es gibt eine klaren, eine messbaren, von der betreffenden Forschung auch längst gemessenen Abfall. Wenn ich nun also gedruckt sehe und lese, was Günter de Bruyn am 27. November 1980 vortrug vor Mitgliedern und Freunden der Goethe-Gesellschaft Halle, dann haben die Seelen in meiner Brust guten Grund, mit leicht gespreizten Beinen sich nach vorn zu beugen, um den ersten Griff des folgenden Ringens gut zu setzen. Als Leser schlage ich womöglich das Buch einfach zu, als Forscher halte ich durch, weil ich ja wissen will, was der Autor denn nun sagt zur Entstehung seiner Erzählung „Märkische Forschungen“. Als Hörer in Halle hätte ich nur ausharren können bis zur Fragestunde, falls es denn eine gab. Suchmaschinen gab es noch nicht.
Die verweisen, das wissen vor allem Literaturwissenschaftler bis heute nicht, alle Texte ins Nirwana der Unauffindbarkeit, die nicht ganz klar vorn und oben zu erkennen geben, um wen oder was, um wen und was es geht. Blumige Zitate als Titel sind purer Graus, wenn auch der Untertitel dann noch keine näheren Auskünfte anbietet. Ich kenne Aufsatz-Sammlungen von sehr guten Autorinnen und Autoren, wo man jeden einzelnen Text aufsuchen muss, bis man weiß, wovon er handelt: die Titel im Inhaltsverzeichnis sind nichtssagend. De Bruyn macht es, als versuche er auf seine Weise den Weisen aus Königsberg nachzuahmen, der sich erst fragte, ob etwas überhaupt und wenn ja, wie, möglich ist, ehe er es zu unternehmen begann. Geistesgeschichtlich eine heroische Tat, für Leser ein Alptraum. Natürlich hatte Immanuel Kant keinen belletristischen Ehrgeiz, obwohl er in schwachen Stunden lesbar schreiben konnte. Und de Bruyn konnte, wenn er ein Interview gab, sich einem Gespräch stellte, natürlich wunderbar klar, beeindruckend präzise sprechen. In Reden und Vorträgen aber, will mir scheinen, zeigte er Defizite. In unterschiedlichem Maße und ganz sicher auch vom Gesprächspartner abhängig. Wie er sich etwa als „Zeuge des Jahrhunderts“ befragen ließ, ich rechtfertigte vor mir selbst das dürftige Resultat, das dann auch noch gedruckt wurde, mit dem Gedanken an ein vielleicht doch eher ahnungsloses Publikum: vorwiegend aus dem „Westen“.
Alles in allem, der 100. Geburtstag erlaubt diese Aussage dann doch, hat Günter de Bruyn öfter geredet, als ihm einst wünschenswert schien. Die Anwandlungen, die gestandene Bühnenakteure Lampenfieber nennen, ging ihm entweder nach und nach verloren, oder er hatte sie sich anfangs eher eingeredet als sie durchlebt. Er bekam Preise und musste danken. Ich habe bisweilen die etwas despektierliche Phantasie, er hätte es 1989, als ihm der Nationalpreis der DDR verliehen wurde, nachdem ihn seine Mitstreiter in der Akademie der Künste mehrfach vergebens dafür vorgeschlagen hatten, gehalten wie später einmal Marcel Reich-Ranicki: ans Rednerpult treten und sagen: Ich nehme den Preis nicht an. Im Prinzip hat er das ja auch getan, aber eben nur im Prinzip. Uwe Wittstock, den man nie ganz umgehen kann, wenn es um DDR-Literatur geht und also auch um Günter de Bruyn, hat ihn einmal einen Extremisten genannt: er trete „als ein so kultivierter Herr auf, dass man den Extremisten in ihm kaum wahrnimmt. Doch eben das ist er: ein Extremist der Zurückhaltung.“ Auch wer nicht zum harten Kern des Wittstock-Fanclubs gehört, sollte den Hut lüften: Das war mal eine Ansage. Die freilich umgehend ergänzt werden muss: In einer wichtigen, der wichtigsten Hinsicht für einen Autor, war er kein Extremist der Zurückhaltung. Er schrieb und schrieb und schrieb. Bis in seine höchsten Lebensjahre gab er Text um Text, Buch um Buch.
Er hat gelegentlich zu Protokoll gegeben, wie er über den 8. Mai 1945 dachte. Im Westen brauchte es einen Richard von Weizsäcker, um öffentlich erstmals das Wort Befreiung in den Mund zu nehmen, im Osten war es eher wichtig, vorsichtig (zurückhaltend) darauf zu deuten, dass vielleicht doch nicht alle die Befreiung als Befreiung empfanden. Für sich selbst nahm er die Formel in Anspruch. Und schaut man vom Ende her auf das veröffentlichte Gesamtwerk, das sich vom tatsächlichen Gesamtwerk noch lange weiter unterscheiden wird, dann kann man leicht pathetisch behaupten: es gab noch einen Tag der Befreiung für ihn, der so genau wieder gar kein Tag war. Der Abgang der DDR aus der deutschen Geschichte, in vielen Zügen jämmerlich, hatte für Kollegen de Bruyns, für gar nicht so wenige jedenfalls, eher die entgegengesetzte Wirkung. In ihm aber wurde so viel frei gesetzt, dass man an Schleusen denken könnte, wenn das als Bild nicht so abgegriffen wäre. Günter de Bruyn konnte aus dem Vollen schöpfen und blieb unzweifelhaft bis zum Ende ein nicht nur unermüdlicher, sondern vor allem ein akribischer Arbeiter. Dass er auch Romane schrieb, die manchen immer schon alles sind, was einer geschrieben hat, kann man fast vergessen, auch wenn man es selbstverständlich nie vergessen sollte. Noch heute ist es pures Hochvergnügen, all den zeitgenössischen Stimmen (Ost wie West) zu lauschen, die „Neue Herrlichkeit“ begleiteten.
Christel Berger hat in ihrem zweibändigen Werk über die Akademie der Künste, Sektion Literatur und Sprachpflege, das Kunststück fertig gebracht, den Romantitel drei- oder gar viermal falsch als „Neue Herrlichkeiten“ wiederzugeben. Die „Magd im Olymp“, wie sie sich etwas puschelig selbst apostrophierte, hat entweder das Manuskript nicht noch einmal durchgesehen oder dem Verlag Schwarzdruck zu sehr vertraut. Dennoch muss, wer auf Details aus ist, die der Extremist der Zurückhaltung der Mitteilung aus eigenem Antrieb nicht für wert befand, diese beiden Bände zu Rate ziehen. Ein mustergültiges Register erlaubt den direkten Zugriff. Man kann gleich mit erfahren, wer aus der alten Garde der Akademiker Feind war, wer Freund. Mich hat zum Beispiel in all meinen Vorurteilen gestützt die Passage, in der ich vom frühen Versuch Erik Neutschs las, per Beschwerde im Bezirk Halle einer Förderung von Günter de Bruyn entgegenzutreten. Dass Otto Gotsche und Alexander Abusch de Bruyn nicht mochten, ist nahe liegend, das Gegenteil wäre die Variante „Mann beißt Hund“ für jeden Jubiläums-Artikel. De Bruyns Helden waren einfach keine, sie waren schwach und Schwäche war für den Autor ein durchgehendes Thema. Während Anna Seghers „Die Kraft der Schwachen“ zu mehr als nur einem Buchtitel machte, hielt es Günter de Bruyn eher mit der Schwäche der Schwachen. Er hielt es, wen überrascht es, mit eigener Schwäche.
An seinem runden Geburtstag mag es erlaubt sein, an einen anderen, sehr viel früheren Geburtstag zu erinnern. Im genannten Gespräch für das Fernsehformat „Zeugen des Jahrhunderts“ sagte de Bruyn: „Noch heute rede ich ungern darüber ...“. Dabei hatte er zum Zeitpunkt des Gespräches, es wurde am 22. Januar 1993 aufgezeichnet, bereits öffentlich darüber gesprochen. Es war seine Rede zur Verleihung des Heinrich-Böll-Preises am 30. November 1990. Da kam auch das genaue Datum des Ereignisses in der Veranstaltung der Evangelischen Akademie Berlin-Brandenburg zur Sprache – es war der 1. November 1969 und eben nicht, wie im Fernsehgespräch behauptet, in den siebziger Jahren. Auch der Text der Dankrede lag 1993 bereits vor: als bis dahin ungedruckt in dem Sammelband des S. Fischer Verlages „Jubelschreie, Trauergesänge“. Seit seinem Essay „Der Holzweg“, will ich meinen, ist Günter de Bruyn nicht mehr so peinigend scharf mit sich selbst ins Gericht gegangen. Denn er hatte in der ersten Reihe sitzend und aufgefordert, die Kunstpause zu verhindern, die nach Heinrich Bölls Lesung zu entstehen drohte, wie unter Zwang Dinge geredet, die er überhaupt nie hatte sagen wollen und damit bei vielen Zuhörern den Eindruck erweckt, er habe im Auftrag eine Diskussion abwürgen wollen, ehe sie entstehen konnte. Das wäre, überhaupt das Verhältnis von Günter de Bruyn zu Heinrich Böll, ein durchaus ergiebiges eigenes Thema.
Zu den Außerordentlichkeiten von de Bruyns würde ich, fragte mich jemand nach solchen, diese zählen: Er hat ein vielfach gelobtes Buch über Jean Paul geschrieben und dennoch bekannt, mit vielem von ihm nichts anfangen zu können. Er hat bekannt, einst vorschnell zugesagt zu haben, als es um die Herausgabe eines Ludwig-Tieck-Bandes für die von ihm mit Gerhard Wolf gemeinsam herausgegebene Reihe „Märkischer Dichtergarten“ ging. Tieck gab ihm zu wenig, sagte ihm zu wenig, war gar kein so Bedeutender, wie ihm oft nachgesagt wurde. Das würde heute kein Autor mehr sagen zu einem eigenen Buch, denn er muss seinen Gegenstand als Marketing-Beauftragter seines Verlages und Wanderprediger auf Lesereisen ja groß reden, zum „Must have“ machen, wie es so hässlich heißt. Stellen wir uns einen Koch vor, der seine Gäste, von Tisch zu Tisch gehend, vor der eigenen Suppe warnt, er habe eventuell ein falsches Gewürz eingesetzt, das Rezept falsch gedeutet. Es gibt Fotos von Günter de Bruyn, auf denen er keine Pfeife in der Hand hält. Auf der Rückseite von Christel Bergers Buch „Der Autor und sein Held“ (Dietz Berlin 1983) saugt er an einer Zigarette, wie weiter oben auch Eduard Claudius. Die Pfeife vereint Autoren, nie Autorinnen, die anders in keine Reihe zu bekommen wären. Und Karl May trennt Autoren in solche, die sich zu ihm bekennen wie wiederholt Günter de Bruyn und in die anderen mit dem Hölderlin im Tornister.
Schließen möchte ich mit einem anderen 1926er, dem acht Monate früher geborenen Heinz Knobloch. In „Nase im Wind. Zivile Abenteuer“ ( Berlin 1994) beschreibt er seine Neigung, in bestimmten Situationen zu zittern als eine Erbschaft des Krieges an der französischen Küste nach Landung der Alliierten, Wiederkehr am Bahnhof Friedrichstraße im Moment der Grenzkontrollen. „Einmal traf ich oben auf dem Bahnsteig im Bahnhof Friedrichstraße Günter de Bruyn. Wir sind vom gleichen Jahrgang und kennen uns wer weiß wie lange. Er stand dort und paffte wie verrückt an einer Zigarette. Mit zitternden Händen. Eben hatten sie ihn dort unten kontrolliert. Er war unterwegs zu einer Lesung. Und sie hatten ihn behandelt wie einen Schriftsteller. (Es sei ihnen fast verziehen. Sie wussten, dass sie nicht einmal einst als Rentner den Pass in den Westen bekommen würden. Warum sollten sie es uns nicht spüren lassen. Wieder waren wir Feldwebeln ausgeliefert.)“ Eine kleine Phantasie zum Tag wäre: de Bruyn und Knobloch begegnen sich in der Großen Hamburger Straße. Der eine kommt aus der Auguststraße, hat es also nicht weit. Der andere aus Pankow. Sie schauen sich das neu errichtete Grabdenkmal für Moses Mendelssohn an. Der eine will über Friedrich de la Motte Fouqué schreiben, der andere über „Herrn Moses“. „Berlin, Große Hamburger“ ist vielfach nachgedruckt worden: „Der Toten gedenken um der Lebenden willen.“