Goethe 1817

Barthold Georg Niebuhr (27. August 1776 – 2. Januar 1831), Historiker mit Spezialität Römische Geschichte, Philologe mit immenser Sprachbegabung, Kenner etlicher orientalischer Sprachen, Staatsmann im Dienste Preußens und von 1816 – 1823 Gesandter Preußens in Rom beim Vatikan, schrieb am 16. Februar 1817 aus Rom einen langen Brief an Friedrich Karl von Savigny (21. Februar 1779 – 25. Oktober 1861), den Begründer der so genannten Historischen Rechtsschule. Niebuhr musste an sich halten. Was ihn erregte, war der erste Teil von Goethes „Italienischer Reise“, Mitte Oktober des Vorjahres bei Cotta erschienen als „Aus meinem Leben. Von Goethe. Zweiter Abt. erster Teil. Auch ich in Arkadien!“ Schon am 7. Februar hatte er Dorothea Hensler in Kiel mitgeteilt, er finde es unbegreiflich, wie Goethe Derartiges habe drucken lassen können. Er hält dem Autobiographen zugute, dass er, als er Italien besuchte, mit seinen Augen sah und das sehr selektiv. Das aber so viele Jahre später öffentlich zu machen, sei unverantwortlich: „Viele Urteile, namentlich über Kunstwerke, würde er zurücknehmen müssen. Es ist sehr schlimm, dass er sie bekannt gemacht hat, da gegenwärtig ein weit gesunderer Sinn über die Kunst herrscht ...“.

Savigny gegenüber wird Niebuhr deutlicher: „Ich möchte glauben, dass Goethe für bildlich darstellende Künste grade gar keinen Sinn hat … Oder wenn er diese Gabe als Jüngling zu Straßburg hatte, so ist sie ihm in der unseligen Zeit verloren gegangen, deren Erzählung er übersprungen ist: während des Weimarer Hoflebens bis zu italienischen Reise“. Goethefreunde kennen den Vorwurf und reden gern mit Eifer über ihn hinweg, aber es lässt sich schwer gegen die Feststellung Niebuhrs argumentieren: „Überhaupt, wie unglaublich wenig er in Venedig gesehen, weiß nur der, welcher selbst da war.“ Und verallgemeinernd, kurz vorher: „Übrigens ist es seltsam, wie er das Herrlichste meistens gar nicht gesehen hat oder, wenn er es sieht, es ihm im zweiten Range stehet.“ Goethe selbst befasste sich in den ersten Wochen des Jahres 1817, folgt man seinem Tagebuch, mit allem Möglichen, nicht aber mit Wirkungen und Reaktionen auf seine „Italienische Reise“. Da trat am 1. Februar ein gewisser Stadelmann seinen Dienst am Frauenplan an, Carl Stadelmann, geboren am 21. Januar 1782 in Jena, dort Ende 1844 gestorben, das genaue Datum ist offenbar nicht bekannt. Die Todesart des klugen Mannes: ein Strick im Jenaer Armenhaus.

Stadelmann, gelernter Buchdrucker, war der einzige Diener Goethes mit zwei Dienstzeiten, denn schon 1814/1815 hatte er sich seinem Dienstherrn eigentlich unentbehrlich gemacht wegen seines permanenten Interesses an Geologie, Mineralogie und vor allem Sammelstücken, musste dann aber gehen, weil er das tat, was Goethe auch tat, allerdings ohne sich zu entlassen: er trank zu viel. Bis 1823 blieb er, erlebte also auch die finalen Böhmen-Reisen mit, die mit der „Marienbader Elegie“ endeten, also dem Scheitern des späten Versuchs, sich in Ulrike von Levetzow eine zweite Gattin zu gewinnen, die seine Enkelin hätte sein können. 1817 aber kam Stadelmann erst einmal wieder. Und mit dem Fräulein Ottilie, der künftigen Schwiegertochter, fährt Goethe in seiner Kutsche spazieren. Für ihre Eheschließung mit Goethes Sohn August am 17. Juni 1817 unterbricht Schwiegervater Goethe sogar seinen Langzeitaufenthalt in Jena für drei Tage. Das Jahr 1817 ist nämlich mit Fug und Recht auch als Jena-Jahr zu bezeichnen, es kommt ein knappes halbes Jahr zusammen, das Goethe hier verbrachte. August, am 29. Januar zum Mitglied der Hoftheater-Intendanz ernannt, wird aus der Funktion auf Bitten Goethes schon Mitte April wieder entlassen, Tage nach Goethe selbst.

Das Jahr 1817 ist auch das Jahr des Konfliktes mit Caroline Jagemann, genauer: der Zuspitzung des Konfliktes wegen des Gastspiels des Wiener Schauspielers Karsten, der im aus dem Französischen übersetzten Stück „Der Hund des Aubri de Mont-Didier“ mit einem dressierten Pudel auftreten sollte. Goethe wollte es verhindern, konnte sich nicht durchsetzen und nutzte, so wird es meist, und wohl zutreffend, interpretiert, die Gunst der Stunde, seine Aufgabe als Intendant des Hauses auf leidlich elegante Weise loszuwerden. Immerhin bot er sich für etwas noch weiter an, was man heute einen Beratervertrag nennen würde. Ein Konfliktfeld des Jahres lieferte auch „Der Schutzgeist“ von August von Kotzebue wegen einer Kürzung, die nach der Ersten Aufführung vorgenommen wurde. Dass Goethe Mitte Februar offenbar Kleists „Käthchen von Heilbronn“ las, hat zu Spekulationen darüber geführt, ob der Noch-Intendant Jahre nach der Pleite mit „Der zerbrochne Krug“ vielleicht doch einen zweiten Versuch mit dem Selbstmörder des Jahres 1811 starten wollte. Es gibt keinerlei Belege für eine solche Absicht. Fest steht, dass in Goethes langer Intendanten-Zeit an 4136 Spieltagen 601 verschiedene Stücke gespielt wurden, allein 87 von Kotzebue, 31 von Iffland.

Rüdiger Safranski hat seiner überflüssigen, dennoch natürlich sehr lesbaren Goethe-Biographie, auf meinem Mängelexemplar klebt der Button „Platz 1 der SPIEGEL Bestsellerliste“, eine Chronik angefügt, die für das Jahr 1817 folgende Wichtigkeiten benennt: „13. April: Der Konflikt mit der Jagemann, inzwischen Frau von Heygendorf, spitzt sich zu wegen eines Hundes auf der Bühne. Goethe wird von der Theaterleitung entbunden. August von Goethe heiratet Ottilie von Pogwisch. Oktober: „Urworte. Orphisch“. Wartburgfest. Erste Bücherverbrennung. Der Herzog unter Druck und Goethe ärgerlich über die burschenschaftlichen Patrioten.“ Schaut man ins Register, dann sieht man rasch, dass dem Biographen Safranski die „Urworte. Orphisch“ keinen weiteren Aufwand abnötigten, sie kommen im Register der so oder so behandelten Goethe-Werke einfach gar nicht vor. Behelfen wir uns mit Karl Otto Conrady, der hinsichtlich seiner Lyrik-Kompetenz ohnehin etlliche Listenplätze vor Safranski rangiert. Er schrieb: „Die „Urworte. Orphisch“ waren eine dichterisch-produktive Antwort auf die Forschungen der Philologen und Mythologen.“ Die hatten damals eben ihr Interesse an der orphische Literatur der Zeit vor Homer und Hesiod entdeckt.

Conrady folgt dem Tagebuch, das für den 8. Oktober 1817 die Reinschrift der fünf Stanzen vermerkt und erläutert dann: „... ein bekenntnishafter Zyklus über Grundmächte, die das menschliche Leben bestimmen. Verstehend und ordnend durchforscht der Sprecher, was im Menschenleben stets ineinandergeschlungen da ist, und bezieht es auf bestimmende Grundwirkungen: Daimon, Tyche, Eros, Ananke, Elpis. Diesen fünf Mächten sind zugleich auch, ohne dass es besonders ausgesprochen würde, fünf Lebensepochen des Menschen zugeordnet. Der Dämon regiert vor allem bei der Geburt, die Tyche in der Jugend, Eros bringt die Lebenswende, Ananke herrscht über die Jahre der Arbeit und der mittleren Alters, die Hoffnung bleibt dem Greis und hilft den Lebensabschied überstehen. So handelt das Gedicht von den fünf Gewalten, wie sie jeweils gleichzeitig und in der Folge des Lebensablaufs am Werk sind.“ Und zwei Verse aus der ersten Stanze wenigstens kennen auch diejenigen, die keinen Kurs Goethe-Lyrik belegt hatten: „Nach dem Gesetz, wonach du angetreten, / So musst du sein, dir kannst du nicht entfliehen“. Ich gebe gern zu, dass mir Karl Otto Conrady sehr auf die Sprünge half gerade bei diesen Urworten.

Ende Mai ist Goethe dann doch wieder bei seiner „Italienischen Reise“: der Anfang des Manuskripts zum zweiten Teil geht an Frommann und der Berliner Freund Carl Friedrich Zelter darf in einem Brief vom 29. Mai lesen: „Da ich nun eine schöne heitere Gartenwohnung bezogen, so soll der zweyte Theil meiner Italiänischen Reise auch an die Reihe, freilich mit dem alten Motto auch Ich in Arkadien. Dieses Italien ist ein so abgedroschnes Land, daß wenn ich mich darin nicht selbst als in einem verjüngenden Spiegel sähe, so möchte ich gar nichts davon wissen.“ Die Zeiten blinder Italien-Begeisterung waren schon vorüber, als Goethe 1790 der Herzogin Mutter Anna Amalia entgegen reisen musste, seinen Diener Götze an der Seite. Jetzt aber, 1817, ist alles ganz weit weg. Immerhin, wir erfahren, dass ihn seine eigenen Blicke in die Vergangenheit auf spezielle Weise verjüngen. Die schöne heitere Gartenwohnung ist das Inspektorenhaus des Botanischen Gartens, das er 1817 tatsächlich erstmals beziehen konnte. Die Arbeit am Manuskript zieht sich bis in den September hinein. Und dann gibt es 1817 auch ein Ereignis, das 200 Jahre später wieder und nun in unvergleichlich größerem Maße, die allgemeine Aufmerksamkeit zu fordern scheint.

Am 22. August beklagt Goethe seinem Ur-Freund, dem Major Carl Ludwig von Knebel, gegenüber eine sehr besondere Last: „Manches geht bey mir ein, doch gerade nichts, was ich dir interessant glaube. Pfaffen und Schulleute quälen mich unendlich, die Reformation soll durch hunderterley Schriften verherrlicht werden; Maler und Kupferstecher gewinnen auch was dabey. Ich fürchte nur, durch alle diese Bemühungen kommt die Sache in's Klare, daß die Figuren ihren poetischen, mythologischen Anstrich verlieren. Denn, unter uns gesagt, ist an der ganzen Sache nichts interessant als Luthers Charakter und es ist auch das Einzige, was der Menge eigentlich imponirt. Alles Übrige ist ein verworrener Quark, wie er uns noch täglich zur Last fällt.“ Goethe leidet unter dem verworrenen Quark eines Reformations-Jubiläums und würde heute wohl mit einer leichten Schadenfreude lesen von nicht erfüllten Erwartungen zahlloser Ausstellungsmacher und Luther-Event-Manager. Wichtiger war ihm da schon eine Attraktion in Rudolstadt. Vom 10. Oktober hält das Tagebuch fest: „Sogleich auf's Schloß. Durch Gefälligkeit des Baudirectors die Zimmer, die darin befindlichen Kunstwerke, besonders aber auf der Galerie die 2 Köpfe der römischen Colossen betrachtet.“ Auf dem Weg nach Rudolstadt hatte er sich den Badeinspector aus Berka eingeladen.

Am folgenden Tag mittags war er zurück in Weimar, das Bild der „Kolosse von Monte Cavallo“ aus Rom, genauer Gipsabgüsse davon, gesehen zu haben. Es handelt sich um die Köpfe der beiden Rossebändiger auf der Piazza des Quirinale in Rom. Den Rest des Jahres fesseln ihn mehr oder minder intensiv die Aufgaben, die sich aus dem herzoglichen Auftrag, die Jenaer Bibliotheken zu reorganisieren, für ihn ergeben. In den „Tag-und Jahresheften“ räumt er der Einrichtung eines eigenen botanischen Museums in Jena den ersten Platz ein, dann aber kommt schon das Bibliothekswesen in auffallender Ausführlichkeit. Sympathien und Antipathien, die sich aus seinen eigenen Auffassungen zur Farbenlehre, zu den so genannten entoptischen Farben, herleiten, finden ihre rückblickende Formulierung. Den Dichter Goethe hat es auch in seiner eigenen Perspektive im Jahr 1817 so gut wie gar nicht gegeben. Die „Urworte, Orphisch“ erwähnt er, geht dann aber schon zu seinem Umgang mit der englischen Literatur über, die ihm vor allem wegen Byron und Scott immer wichtiger wird. Er sieht Wilhelm von Humboldt wieder, hat Gäste aus Berlin und resümiert behaglich: „... was kann segenreicher sein als wohlwollende einstimmende Zeitgenossen zu sehen“.

Das Wort einstimmend ist hier das entscheidende, denn Widerworte mochte Goethe nicht, vor allem nicht, wenn sie seine Lieblingsthemen und -thesen betrafen. Das Tagebuch vom 19. und 20. Oktober enthält dies: „Ottilie kam von Hof, später August: Relation von dem Eisenachischen Feste.“ Und: „Mit Ottilien zu Tische. Kam Hofmedicus und erzählte von der Wartburg. Die Schnecken ausgepackt und geordnet.“ Das sind, mit Verlaub, Goethes Reminiszenzen zum nationalgeschichtlich bedeutsamen Wartburgtreffen der Burschenschafter, von dem Sohn August und Hofarzt Wilhelm Rehbein ihm Augenzeugenberichte geben. Rüdiger Safranski irrt natürlich, wenn er dem Treffen die erste Bücherverbrennung zuordnet, Goethe selbst hat eine viel frühere in „Dichtung und Wahrheit“ beschrieben und auch die war nicht die erste in der langen Geschichte dieser spezifischen Kulturbarbarei. Karl Ludwig Sand (5. Oktober 1795 – 20. Mai 1820), selbst Teilnehmer des Wartburgtreffens, besuchte kurz danach Goethe, um seine Fürsprache für das abrissreife Ballhaus zu erlangen, in dem die Burschenschafter turnen wollten, ohne Erfolg. Sand ermordete am 23. März 1819 August von Kotzebue, ein Selbstmordversuch misslang danach.

Goethes Trauer um seinen einstigen Hauptautor Kotzebue dürfte nicht sehr groß gewesen sein, denn nach der Auseinandersetzung vom Frühjahr 1817 war das gegenseitige Verhältnis irreversibel gestört. Dass der mit dem Schwert hingerichtete Student Sand später in Mannheim ein Ehrengrab erhielt, ist eine Geschichte, die nicht hier gehört. Der letzte Tagebucheintrag des Jahres 1817 beginnt: „Entwurf des Berichts wegen der Baulichkeiten an und in der Bibliothek. Brief an Zelter.“ In diesem Brief riet er seinem Freund: „Sodann will ich dir sagen daß mich deine Reise recht sehr gefreut hat, besieh dir ja die weite Welt gelegentlich, so lange sie dir Spaß macht.“ Und teilte von seinen eigenen Befindlichkeiten mit: „Bey dem Narrenlärm unserer Tagesblätter geht es mir wie einem der in der Mühle einschlafen lernt, ich höre und weiß nichts davon.“ Man möchte ihm in beiden Angelegenheiten herzlich beipflichten. Dass Goethe fürs kommende Jahr die Notwendigkeit einer Badereise geltend machte, verrät uns: die lange Pause nach der letzten Reise ins Böhmische (Teplitz und Umgebung 107 Tage vom 26. April bis 10. August 1813) ist zu Ende, tatsächlich brachte 1818 wieder 52 Tage Aufenthalt in Karlsbad und Umgebung (25. Juli bis 14. September).


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