Als ich Ulf Steinau war

Der 10. März 1987 war ein Dienstag, es war eine ziemlich normale Woche, am Donnerstag hatte ich einen Termin mit Rudi Soucek in der Redaktion Freies Wort in Suhl, Wilhelm-Pieck-Straße 6. Rudi brachte noch im laufenden Jahr 1987 mein Weltbild von verantwortlichen Literaturredakteuren ins Wanken, als er mir sagte, er liebe auch Arnold Zweig wie ich, er habe „Sternstunden der Menschheit“ von ihm gelesen. Später reichte er meine Rezension zu Landolf Scherzers „Der Erste“ an ein rosagesichtiges Mitglied des Sekretariats der Bezirksleitung Suhl der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands weiter, welches beschied, dass die Rezension unveröffentlicht bleibe. Die Wahrheit über diesen Hergang erfuhr ich erst später und der liebe Gott hat, wohl aus einer etwas schrägen Ansicht von ausgleichender Gerechtigkeit heraus, den im Kern harmlosen Rudi, der am liebsten Sätze schrieb, die er für lustig hielt und sie deshalb Aphorismen nannte für die allerletzte Seite seiner Zeitung, vorzeitig zu sich berufen.

An jenem Dienstag aber, da Rudi noch zwei Tage auf mich zu warten hatte, um mit mir etwas zu besprechen, was ich vollkommen vergessen habe, weil es vermutlich ganz wichtig war, an jenem Dienstag aber, erschien meine allererste Buchbesprechung für die Zeitung JUNGE WELT in der Zeitung JUNGE WELT. Der Artikel trug die Überschrift „Ja oder Nein“, umfasst inklusive der nötigsten Angaben zum Buch 61 Druckzeilen und brachte mir 90 Mark an Honorar. Ich habe bis zum Ableben der DDR insgesamt 43 Buchkritiken in JUNGE WELT veröffentlicht, eine war darunter, die sogar ins Arabische übersetzt wurde und in dieser Fassung außerordentlich lustig aussah und mir noch ein zweites Honorar verschaffte. Das Belegexemplar liegt unter einer kugelsicheren Weste in meinem Nachttisch. Ich gehe pessimistisch davon aus, dass ich bis zu meinem Hingang in Frieden wohl keine Übersetzungen ins Arabische mehr erleben werde. Ich halte mich deshalb jetzt eher an alte Professoren, die meinen, sie müssten Goethe-Vorträge halten, nur weil sie Goethe mögen. Vielleicht gelingt es mir, einige meiner Leser davon zu überzeugen, dass dies eine irrige Überzeugung ist.

Anders als bei der Annahme zu erwarten wäre, der heutige Charakter von JUNGE WELT habe sich damals bereits deutlich abgezeichnet, was bedeuten würde, dass ich ein Klassenkampfbuch aus einem altstalinistischen Verlag der alten Bundesrepublik hätte zu besprechen gehabt, hieß der erste Autor, dem ich mich zuwenden durfte, Albert Camus. „Zwischen Ja und Nein“ war der Titel des Sammelbandes, den der Gustav Kiepenheuer Verlag Leipzig und Weimar auf den nicht vorhandenen DDR-Buchmarkt brachte, es sind „Frühe Schriften“, was man so „früh“ nennt bei einem Autor, der keine 55 ist bei seinem Unfalltod. Ich habe das Buch gelobt und ich hätte es selbst dann gelobt, wenn ich es dämlich gefunden hätte, denn ich fand es wichtig, dass es für DDR-Leser da war, etliche Seiten davon sogar erstmals in deutscher Sprache, wie ich hervorhob. Ich lobte Brigitte Sändig, die das Nachwort schrieb und schon eine Camus-Biographie veröffentlicht hatte, ich lobte die Reihe (Gustav-Kiepenheuer-Bücherei), die ich selbst sammelte, weil sie schlicht gut war. Ich war als Lobender so etwas wie ein idealer Kritiker.

Besondere Freude erwuchs mir aus der Tatsache, dass ich nun meinem nach Ausreiseantrag und langer Wartezeit im Westen agierenden Altfreund Uwe, der mit seiner Diplomarbeit über Camus aus der DDR geschieden war, sagen konnte: ich auch mit Camus. Viel später haben wir uns, als er seine Stasi-Akte gelesen hatte, herzlich amüsiert, denn das Ministerium aus der Berliner Normannenstraße hielt für die Nachwelt fest, wie abschätzig ich angelegentlich über seine Camus-Arbeit sprach. Ich attestierte seinem Hauptgutachter, ohne Ahnung die Arbeit mit „Sehr gut“ bewertet zu haben. Auch dieser Betreuer und Gutachter hat Dossiers für die Schniffis geschrieben, die ihre Näslein an unsere hornhäutigen Fersen hefteten. Erfolglos, wie wir längst wissen, weshalb sie in die Branche der Leserbriefschreiber in den Ostprovinzen umgeschult haben. Am 10. März 1987 aber war nichts davon absehbar, die Welt war zwar nicht in Ordnung, aber stabil. Was sie von der heutigen Welt in der Hinsicht unterscheidet, dass die immer noch nicht in Ordnung ist, dafür aber instabil. Das man das dennoch Fortschritt nennen darf, wäre ein anderes Thema.

Am hinteren Ende meines Jungfern-Beitrages stand, wo der Autorenname zu stehen hat, freilich nicht Eckhard Ullrich. Dort stand: Ulrich Steinnagel. Später gab es für das Verfahren eine plausible Begründung. JUNGE WELT wollte auf ihren monatlichen Literaturseiten (vier immerhin Monat für Monat) jeden Namen jeweils nur maximal einmal stehen haben. Da ich nach dem bescheidenen Beginn heute vor 25 Jahren auch schon mal drei oder gar vier Buchkritiken in einer Beilage hatte, musste ich zu meinem Namen noch Pseudonyme wählen. Ich enthülle also hiermit ein echtes, wenn auch alles andere als bedeutsames Geheimnis. Ich war nicht nur immer Eckhard Ullrich, ich war vom 10. März 1987 an auch Ulrich Steinnagel und später Konrad Waldner und Ulf Steinau. Näher an den Nobelpreis für Kritiker hat mich das nicht gebracht. Doch selbst der bescheidene Gesamtauftritt war die tiefere Ursache dafür, dass mir Jahre danach eine liebe, mir bis dahin unbekannte Dame während einer Rassekaninchenschau im Hof des Arnstädter Neideck-Gymnasiums am Schlossplatz gestand, meine Kritiken immer gemocht zu haben. Aus purer Freude habe ich ebenfalls Kaninchen fotografiert wie sie, obwohl ich nur als schreibender Autor dort war und sie zusätzlich fotografieren musste für ihr Honorar.

Mein wirklich erstes Erscheinen in JUNGE WELT, das muss ergänzend gesagt werden, war fast 15 Jahre vor diesem 10. März. Am 23. Juni 1972 konnte der geneigte Lyrikfreund, den ich damals nicht so genannt hätte, ein Gedicht mit dem Titel „Turnier“ lesen, unter dem mein Name stand, es war die fünfundneunzigste Ausgabe der Poetensprechstunde heute seligen Angedenkens, von Hannes Würtz verantwortet. Am 27. März 1975 tauchte ich noch einmal in der nunmehrigen Poetensprechstunde 145 auf, jetzt mit dem Gedicht „EKG“. Dazwischen lag, und damit ist meine Lyrik-Bibliographie in dieser Zeitung mit immerhin Millionenauflage auch schon erschöpft, ein weiteres Gedicht. Am 24. Dezember 1973 stand mein Autorenname auf der Seite fünf gemeinsam mit Jens Sparschuh, Anne Wiesigel, Wolfgang Knape, Michael Schulze und – Jürgen Fuchs. Wenn ich das vergilbte Zeitungsblatt heute in die Hände nehme, berührt mich vor allem eins: Ich werde als Journalistikstudent vorgestellt, obwohl fast auf den Tag fünf Monate vorher meine Studienzulassung zurückgezogen worden war. Ob ich davon einmal erzähle, weiß ich nicht. Ich weiß aber, dass hier in dieser Rubrik ein Text erscheinen wird, von dem nur der Titel bereits geschrieben ist: Mein erstes Gedicht war nicht von mir.


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