Gottfried Keller: Spiegel, das Kätzchen

Dieser Fontane! Da schreibt er über seinen Zeit- und Jahrgangsgenossen Gottfried Keller: „Man darf also füglich sagen: je mehr nach dem bewussten Wollen Gottfried Kellers, also nicht bloß von ohngefähr, seine Erzählungen Märchen sind, desto besser sind sie auch. Denn dies ist sein eigentliches Gebiet.“ Und erwähnt den einzigen längeren Erzähltext, den Keller selbst ein Märchen nannte im „bewussten Wollen“, mit keiner Silbe. Erst später, als Fontane sich dem Buch „Gottfried Keller“ von Otto Brahm zuwandte, ausführlicher als dem Gegenstande Brahms jemals selbst, 1880, nennt er den Titel des Märchens, wenn auch nur im Vorbeigehen: „Spiegel, das Kätzchen“. Man kann Otto Brahms Essay heute in einem Reprint von Hansebooks oder gelegentlich antiquarisch in der Leipziger Original-Ausgabe erwerben. Wer andere Arbeiten Brahms kennt, vor allem seine Theaterkritiken und von seinem Wirken am Deutschen Theater in Berlin weiß, wird vielleicht das nötige Interesse entwickeln, auch wenn der Kritiker Theodor Fontane eher ungnädig dazu schrieb. „Spiegel, das Kätzchen“ beschließt den ersten Band von „Die Leute von Seldwyla“ und ist herrlich.

Gottfried Keller hat der Nachwelt zu seinem Märchen fast nichts hinterlassen, außer dem Text selbst natürlich, und so verwundert es auch kaum, dass seine früheste Erwähnung des Märchens in einem kaufmännischen Kontext steht. Keller trägt seinem Verleger Eduard Vieweg (15. Juli 1797 – 1. Dezember 1869) die Idee namentlich nicht genannter Freunde vor, „Spiegel, das Kätzchen“ doch separat drucken und mit Illustrationen ausgestattet auf den Markt bringen zu lassen, was „ein gutes Geschäft sein müsste. Ich mache diese Mitteilung, ohne mein eigene Meinung hinzuzutun.“ Das steht so im Brief an Vieweg vom 16. Februar 1856, der erste Band von „Die Leute von Seldwyla“ ist da erst ganz frisch im Handel. Zwei Monate später, am 16. April 1856, geht ein Brief an Hermann Hettner, den befreundeten Literaturhistoriker (12. März 1821 – 29. Mai 1882), in dem zu lesen ist: „… indessen ich mir auf die beiden letzten Schnurren am meisten einbildete, was wohl daran liegt, dass sie formell am fertigsten und reifsten sind von allem dem wenigen, was ich bis jetzo zustande gebracht.“ Man muss wissen, dass Keller sich selbst gegenüber sehr streng urteilte.

Gemeint ist neben dem Märchen vom Kater Spiegel die Novelle „Die drei gerechten Kammacher“. Und gemeint ist damit auch, dass er die erste Fassung seines großen Romans „Der grüne Heinrich“ im Grunde schon verworfen hat, als er den Novellenzyklus der lesenden Öffentlichkeit übergab. Seine Selbstbeurteilung entsprang keineswegs der Augenblickslaune eines einzelnen Briefes, wie eine weitere briefliche Äußerung belegt, die er an Ludmilla Assing richtete, Nichte von Varnhagen von Ense, fleißige Herausgeberin aus dessen Nachlass und auch selbst achtbare Autorin (22. Februar 1821 – 25. März 1880). Dort bezieht er sich auf eine Buchkritik von Robert Eduard Prutz (30. Mai 1816 – 21. Juni 1872), der „Die Leute von Seldwyla“ besprochen hatte und dabei mit seinen Urteilen über die einzelnen Novellen für Keller glatt daneben griff: „Prutz ist ein dummer Kerl und versteht nichts, denn er rühmt gerade, was schlecht, und tadelt, was gut ist.“ Lob hatte Prutz demnach für „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und „Frau Regel Amrain und ihr Jüngster“ übrig, dagegen tadelte er „Die drei gerechten Kammacher“ und eben auch „Spiegel, das Kätzchen“.

Das Kätzchen, nun endlich muss es gesagt sein, ist ein Kater, dem der Diminutiv durchaus unangemessen ist. Unangemessen könnte man auch den Namen des Katers finden, den Keller selbst im Text mit dem glänzenden und glatten Fell in Verbindung bringt, dabei wohl voller Absicht auf das Kopfschütteln seiner Leser rechnend. Niemand nennt seine Katze Spiegel, las ich und bin mir da keineswegs sicher. Denn wer dies Märchen las, hat vielleicht guten Grund, seinen Kater gerade so zu nennen. Dieser Kater ist von Gottfried Keller so köstlich beschrieben, dass man als Leser gar nicht anders kann, als seine genaue Beobachtungsgabe zu bewundern, eine Gabe, die mit Liebe zu tun hat: Wer Katzen nicht mag, hat diesen Blick nicht. Spiegel nun lebt bei einer unverheirateten älteren Dame, die ihm allen Spielraum lässt, den ein Kater braucht. Glanz und Glätte des Pelzes, das wissen nicht nur Katzenliebhaber, sind immer ein kaum trügenden Anzeichen für kätzisches Wohlbefinden. Das Spiegel-Paradies durchaus bescheidenen Zuschnitts endet jäh mit dem Tod der Wohltäterin, die sich sogar gelegentlich von Spiegel einen Happen von der Gabel mausen ließ.

Bei Hugo Loetscher (22. Dezember 1929 – 18. August 2009) fand ich diesen hübschen Satz, den ich nicht nur deshalb zitiere, weil er im Aufsatz des Titels „Mit Gottfried Keller im ungemütlichen Seldwyla“ steht: „Wenn der Schweizer die Möglichkeit hat, ins Paradies zu gehen oder übers Paradies einen Vortrag zu hören, entscheidet er sich für den Vortrag.“ Man könnte in gewisser Hinsicht nicht unbegründet „Spiegel, das Kätzchen“ auch, nicht ausschließlich natürlich, als einen solchen Vortrag sehen. Um bei Loetscher zu bleiben: „Vor lauter Erfinden wurde das Tier zum erzählenden Poeten, die Literatur als Notlüge benutzend. Das jedenfalls tat in Seldwyla das Kätzchen, das Gottfried Keller „Spiegel“ nannte. Diese Katze hängte ihrer verstorbenen Herrin eine Affäre an: die habe ihre Liebe gerade dadurch verloren, indem sie den Geliebten auf die Probe stellte. Geblieben sei ein Geldschatz. Dessen Versteck verrät Spiegel an den Hexenmeister, dem er ansonsten laut Vertrag seinen Schmer, d. h. sein Fett, überlassen müsste.“ Das findet man so in Loetschers wunderbarem Buch „Der predigende Hahn“ und hat damit fast eine Inhaltswiedergabe.

Was mich sofort verführt, andere Inhaltsangaben zu zitieren, die zu sehr unterschiedlichen Aspekten der Betrachtung leiten. Georg Lukacs, dessen 1939 geschriebene Abhandlung „Gottfried Keller“ 1947 separat und 1951 im Rahmen seines „Deutsche Realisten des 19. Jahrhunderts“ erschien und etwas wie das Urmeter DDR-sozialistischer Keller-Rezeption wurde, schrieb für seine Verhältnisse ungewöhnlich ausführlich: „Die realistische Praxis des Schriftstellers Keller geht freilich von einer solchen energisch betonten materialistischen Bestimmtheit des menschlichen Lebens aus, gestaltet sie aber in ihrer einfachen Krassheit nur in halbhumoristisch dargestellten Grenzfällen. So besonders humorvoll anziehend in dem Märchen „Spiegel das Kätzchen“, in dem der kluge Kater in der Zeit des Hungers seine Würde und seinen Verstand verliert und auf den Vertrag mit dem Stadthexenmeister Pineis eingeht: sich auffüttern zu lassen, um dann seinen Schmer für Zauberzwecke abzugeben. Sobald er sich jedoch wieder gut genährt hat, kehrt sein gesunder Verstand wieder, und er überlistet nun seinerseits den Stadthexenmeister.“ Die Richtung ist klar.

Für Georg Lukacs geht es in allererster Linie um den Materialismus, den er mit Gottfried Kellers Beziehungen zu Ludwig Feuerbach in Verbindung bringt. Deshalb setzt er auch fort mit der Feststellung: „Eine ähnliche, ebenfalls humoristische Darstellung finden wir im „Grünen Heinrich“, der das Selbstbewusstsein des kindlichen Helden im genauen Zusammenhang damit erscheinen lässt, wieviel Geld er in der Tasche hat zum Ausgeben für Leckereien und kindische Prahlereien.“ Übersehen hat der ungarische Marxist offenbar eine weitere Beweis-Passage, die sich in der Seldwyla-Novelle „Frau Regel Amrain und ihr Jüngster“ findet: „Wo zum Beispiel gar nichts zu essen ist, da wird dieses natürlich jeden Augenblick zur nächsten Hauptsache, und Kindern, unter solchen Umständen erzogen, wird man schwer die Gelüstigkeit abgewöhnen können, da alles Sinnen und Trachten des Hauses nach dem Essen gerichtet ist.“ Franz Hammer (24. Mai 1908 – 10. April 1985), Herausgeber eines „Gottfried-Keller-Breviers“ im DDR-Ableger der Insel-Bücherei, fand just das so wichtig, es weit vorn unter der Überschrift „Der Volkserzieher“ zu platzieren.

Hugo Loetscher beschließt sein Kurzresümee in „Der predigende Hahn“ mit dem Satz: „Das Kätzchen lügt mit solcher Anschaulichkeit miau, dass ihm das Fell nicht abgezogen wird.“ Es wird Zeit, diesseits von Realismus- oder gar Materialismus-Erwägungen einfach einmal der aberwitzigen Fabel des Märchens näher zu treten. Der Kater Spiegel, eben noch dem frohen Katerleben fröhnend, gerät in kurzer Zeit in größte Not, leidet Hunger, verfällt in jeder denkbaren Hinsicht. Da tritt der Herr Pineiß in Erscheinung, der in Seldwyla das Amt des Stadthexenmeisters ausfüllt, als Amt seltsam genug, wenn man dann auch noch liest, dass in seine Zuständigkeit neben vielem auch tatsächlich der Verbrennen von Hexen fällt. Dieser Hexenmeister hext selbst, was ganz nebenbei eine kräftige Frivolität darstellt und spezieller Ausweis des Kellerschen Humors ist. Der dem noch eins aufsetzt, indem er die Beghine im Haus gegenüber, eine religiöse Fundamentalistin, wie man heute sagen müsste, heimlich ebenfalls eine Hexe sein lässt, gewissermaßen sogar eine aus dem Mustersortiment, die nach den Regeln der Kunst splitternackt per Besen aus dem Schornstein fährt.

Man darf sich, wenn man mag, den Schweizer Kalvinismus in Erinnerung rufen, dessen reformatorische Strenge ähnlich der jener Engländer ausartete, die der Verfolgung zu Hause nach Amerika entkamen, und dort nichts Besseres zu tun hatten, als selbst wieder Hexenverfolgung zu betreiben. Gottfried Keller zeichnet seinen Hexenmeister, der mit dem Kater Spiegel einen Vertrag aushandelt, der etwas von einem persiflierten Teufelspakt hat, keineswegs als Schreckgespenst oder Inbegriff des Bösen. Er macht ihn menschlich und es ist tatsächlich Materialismus, wenn sich der Pseudo-Teufel nicht die Seele seines Vertragspartners sichert, sondern seinen Schmer, sein Fett. Man lese, wie Keller beschreibt, warum der Hexenmeister Pineiß nicht nur schlechthin Katzenfett benötigt für seine Hexereien, sondern eben Katzenfett, an das er unter definierten Bedingungen ganz legal herangekommen ist. Den Kater Spiegel interessiert nicht, was die Welt im Innersten zusammenhält, ihn lockt das Futterversprechen des Herrn Pineiß. Und dem wiederum ordnet Keller eine nahezu überbordende Ideenvielfalt zu, wie er den hungrigen Kater möglichst fett füttern kann.

Man spürt, meine ich, Wort für Wort auch das Schreibvergnügen, das sich Gottfried Keller selbst gönnte, der es sich nicht lange vorher mit „Der grüne Heinrich“ ja über alle Maßen schwer gemacht hatte. Hier lässt er all seiner Phantasie freien Lauf, hier macht er aus dem Kater Spiegel zu allem auch noch einen Geschichten-Erfinder von höchsten Graden. In langen Satzperioden trägt der Kater seine frei erfundene Geschichte von der sich selbst betrogen habenden Frau und ihrem im Brunnen gelandeten Schatz vor. Er fesselt den Hexenmeister wie nur irgendein Märchenerzähler im Orient seine Hörer auf dem Basar, Pineiß hängt buchstäblich an seinen Lippen, er wittert eine Chance und merkt zu spät, wie ihn der Kater dahin lenkt, wo er ihn haben will. Man kann, wenn man mag, über Rahmenhandlung und Binnenhandlung, über echte Novelle und erneuerte Novelle sinnieren, wie es natürlich in der Literatur zu Keller durchaus mit Vorliebe getan wird. Man kann auch Aussagen nachsinnen, die im Kater ein wenigstens teilweises Selbstporträt seines Erfinders sehen wollen. Man müsste dazu die Biographie Keller mehr als nur oberflächlich kennen, das muss nicht sein.

Jedenfalls nicht, um Genuss an „Spiegel, das Kätzchen“ zu finden. Womit wir bei einem alten und immer neuen Problem derer wären, die sich wissenschaftlich-historisch damit befassen. Bei Georg Lukacs, dessen Keller-Buch ein enorm kluges ist, hat man den Eindruck, der einzelne Text, gar der einzelne Satz, die Melodie, die frappierende Bildhaftigkeit interessieren ihn nicht. Er ist der Mann der Zusammenhänge, der unheimlich oft Formulierungen benutzt wie „es ist keineswegs zufällig“, „es ist alles andere als ein Zufall“, was seine, natürlich marxistische, Suche nach Notwendigkeiten, ja, nach Gesetzen des literarischen Schaffens anzeigt. Alles Einzelne ist ihm immer nur Beleg für Allgemeines, Ausdruck von Allgemeinem, was ihn näher an strukturalistische Literaturansichten führte als ihm bewusst und auf alle Fälle auch lieb war. Im Abstand der Jahre darf man fragen, was gewonnen ist, wenn man einem Autor mehr materialistische Grundüberzeugungen attestieren kann als einem anderen? Macht das eine ein Buch besser, das andere es schlechter? Nur unter dem Glauben, dass selbst ein Märchen ureigentlich Zusammenhänge klären will, wäre es zu bedenken.

An Friedrich Theodor Vischer (30. Juni 1807 – 14. September 1887) schrieb Gottfried Keller am 29. Juni 1875, da war der zweite Teil von „Die Leute von Seldwyla“ bereits erschienen: „Dieses Märchen ist stofflich ganz erfunden und hat keine andere Unterlage als das Sprüchwort „Der Katze den Schmer abkaufen“, welches meine Mutter von einem unvorteilhaften Einkaufe auf dem Markte zu brauchen pflegte. Wo das Sprüchlein herkam, wusste weder sie noch ich, und ich habe die Komposition darüber ohne alles Vorgelesene oder Vorgehörte gemacht. Nun aber nehmen Sie diese verjährten Quengeleien nicht übel!“ Ob Vischer, Philosoph und Ästhetiker, die Auskunft als Quengelei empfand, ist nicht überliefert, erkennbar wird nur an der einzigen inhaltlichen Aussage Kellers über sein Märchen, wie unwichtig letztendlich der Auslöser, der Anstoß für ein Werk ist, um so mehr, wenn dies Werk für sich selbst spricht, ohne einer Interpretation zu bedürfen. Kellers Urwunsch, sein Märchen illustriert und separat gedruckt zu sehen, ist jedenfalls im Lauf der Jahre vielfach in Erfüllung gegangen, preiswert kleinformatig wie auch prächtig und hochglänzend bunt.

Der einzige mir bekannte Autor, der in seine Behandlung des Märchens „Spiegel, das Kätzchen“ nicht nur den mehr oder minder unvermeidlichen Bezug allgemein aufgenommen hat, den es von Gottfried Keller zu Johann Wolfgang von Goethe vollkommen zweifelsfrei gibt, sondern der einen Goethe-Vers fand, im dem sowohl eine Katze als auch Speck vorkommen, ist der Jenaer Professor Hans Richter (2. Dezember 1928 – 11. Dezember 2017). Er stellt dem entsprechenden Kapitel seines zuerst 1960 bei Rütten & Loening Berlin erschienenen Buches „Gottfried Kellers frühe Novellen“ als Motto dies voran: „Freigebig ist der mit seinen Schritten, / Der kommt, von der Katze Speck zu erbitten.“ Danach muss er freilich eigens darauf hinweisen, dass das Märchen „selbst keine Novelle darstellt, sondern nur ein Novellchen in sich einschließt“. Glücklicherweise hält Richter das nicht davon ab, immerhin 13 Druckseiten darüber zu füllen, das ist mehr als doppelt so viel, als sich der Schweizer Literaturwissenschaftler Karl Fehr (8. August 1910 – 3. Juli 1994) gönnt mit Kapitel XVI seines lesenswerten Buches „Der Realismus in der schweizerischen Literatur“.

Auch Hans Richter hat natürlich bemerkt, wie bei Kater Spiegel erst das Fressen und dann die Moral kommt: „Anfangs frisst der halb verhungerte Kater maßlos; doch da er auf diese Weise wieder zu Kräften kommt, stellt sich auch seine alte, durch eine neue Erfahrung vertiefe Weisheit wieder ein.“ Dann aber hat Richter eine Wahrnehmung, die ihn zum wirklich originellen Leser macht: „Der Eulenspiegel Keller gesellt eine Eule zu seinem Spiegel und lässt die beiden ein Weib fangen, das öffentlich als Begine und heimlich als Hexe lebt.“ Leider verdirbt sich Richter schon mit dem nächsten Satz wieder vieles: „Diese Person wird mit einem Schatz von zehntausend Goldgulden ausgestattet, die allerdings ein unrechtes und fluchbeladenes Gut sind“, denn nicht die Begine ist mit dem Schatz ausgestattet, sondern das ältliche Fräulein war es, bei dem Spiegel lebte. Dessen erfundene Geschichte mit dem Vermächtnis hatte nämlich einen wahren Kern: das Gold im Brunnen, das man sogar sehen konnte, wenn man nur ordentlich in den Schacht leuchtete. Köstlich aber und nur zum Selbstlesen geeignet ist die Szenerie zwischen Kater und Eule am Schornstein.

Auch hier hat Keller wieder den Erfinderkorken knallen lassen: Wie er die Bedingungen vorträgt, die erfüllt sein müssen, damit das Netz auch die ausfliegende Hexe einfängt: herrlich, herrlich, herrlich. Hans Richter ist übrigens auch mit dem oben zitierten Satz aus „Frau Regel Amrain und ihr Jüngster“ vertraut, der Lukacs unbekannt war, Richter hat es eben nicht damit bewenden lassen, auf Feuerbach und seinen Einfluss hinzuweisen, er hat einen Kernsatz des Philosophen aufgesucht, der da lautet: „Menschliche Kost ist die Grundlage menschlicher Bildung und Gesinnung. Wollt ihr das Volk bessern, so gebt ihm statt Deklamationen gegen die Sünde bessere Speisen.“ Das passt zu Spiegel, dem Kätzchen, das ein sprachmächtiger Kater ist. Und er ist auch reaktionsschnell in überragendem Maße: als der Hexenmeister ihm den Vertrag aushändigt, der ihm den Katzenschmer sichern sollte, frisst ihn Spiegel umstandslos und vollständig auf. An die gefangene Hexe, die erst nicht mitspielen will, richtet er die Frage: „Wollt ihr lieber unter dem Vorsitze des Herrn Pineiß gebraten werden oder ihn braten, indem ihr in heiratet?“ Die Hexe muss da nicht mehr nachdenken.

Spiegel „liebte es eher, auf einem schmalen Treppengeländer oder in der Dachrinne zu liegen und sich philosophischen Betrachtungen und der Beobachtung der Welt zu überlassen.“ Solchen Katern ist schwer zu entkommen. Zumal als ein Hexenmeister nicht, von dem der Erzähler Keller zu berichten hat: „er wusste bei aller Schlauheit nicht, dass, wenn man einen Esel füttert, derselbe ein Esel bleibt, wenn man aber einen Fuchsen speiset, derselbe nichts anders wird als ein Fuchs; denn jede Kreatur wächst sich nach ihrer Weise aus.“ Evolutionstheoretiker mögen darüber sinnen, denn Füchse sind es, die zu hoch hängende Trauben umstandslos für sauer erklären. Märchenkater in der Schweiz verfügen über ähnliche Deutungsmuster. Zitieren wir Karl Fehr, von dem auch ein allein Keller gewidmetes Buch 1972 in Bern erschien: „Spiegel das Kätzchen ist auch ein Philosoph und in seiner genießerischen unabhängigen Lebensweise eine Poetennatur, kurz, Spiegel scheint vieles zu sein, was Gottfried Keller selber war; nur ist er frei von jenen tragischen Wesenszügen, die des Dichters Dasein verdunkeln“. Das findet man im schon zitierten Kapitel XVI. Es wird so sein.

Das Kapitel endet mit diesem Fazit: „Die Präzision der Gebärde und der Worte ist so unmissverständlich, dass wir, ob wir wollen oder nicht, das Märchen für real nehmen, und eben darin liegt die urkomische Wirkung dieses Stiles.“ Darf man dabei an Kafka denken oder muss man es sogar? Gottfried Keller hätte dann nämlich auf fast unheimliche Weise Franz Kafka vorgearbeitet. Ricarda Huch meinte in ihrem Keller-Büchlein: „Was aber diese Novellen vor anderen auszeichnet, ist eigentlich doch das, dass es dem Dichter bis zu einem hohen Grade gelungen ist, das Verwesliche des Stoffes in der Glut seines arbeitenden Geistes zu tilgen, so dass die Form leicht, klar und dauerhaft geworden ist und das beglückende Gefühl, etwas Vollendetes anzuschauen, erregt. Das gilt vorzugsweise von dem Schmied seines Glückes, den gerechten Kammachern, dem Märchen Spiegel das Kätzchen, und kann wohl auch von Dietegen und Romeo und Julia auf dem Dorfe mit Recht gesagt werden.“ Tatsächlich, „das beglückende Gefühl, etwas Vollendetes anzuschauen“ darf als so ziemlich das Höchste gesehen werden, was Literatur vermag.

Diesselbe Literatur aber bleibt bisweilen selbst professionellen Lesern ein Buch mit sieben Siegeln, wie Winfried Freund vorführt, wenn er schreibt: „Bedingung für die Hebung des Schatzes sei die aufrichtige Liebe zu einer schönen, unbemittelten Frau, die in der Nachbarin gefunden zu sein scheint.“ Wo las er das? Die Nachbarin, die Begine, ist alles andere als schön, Gottfried Keller weist sogar eigens auf ihre Flachbrüstigkeit hin, was ihm heute kaum noch als Spaß abgenommen werden würde. Auch, was Sabina Becker im Märchen findet, ist fragwürdig: „Keller baut einen Gegensatz zwischen dem Bürger Spiegel, der seinen Sexualtrieb auslebt, und den Spießbürgern, der Hexe und Pineiß, auf, so dass es in der Novelle letztlich um die Gegenüberstellung zweier bürgerlicher Lebensformen geht: Dem idealen Bürger Spiegel steht Pineiß, der Seldwyler, gegenüber: beim ihm klaffen Sein und Schein auseinander, sein ganzes Dasein ist durch das Streben nach materiellem Besitz bestimmt. Seine bürgerliche Existenz gründet nicht auf einem Beruf, der seiner Neigung entspricht, sondern einzig und allein das Geld entscheidet.“ Das stimmt schlicht und einfach nicht.

Ich beispielsweise wüsste sehr gern, was die Hexe mit ihrem ihr frisch angetrauten Hexenmeister so treibt im Ehepfühl: „Diese aber stand auf, näherte sich ihm und trieb ihn vor sich her in die Hochzeitkammer, wo sie mit höllischen Künsten ihn auf eine Folter spannte, wie noch kein Sterblicher erlebt.“ Sabina Becker erkennt dies: „Auch die Tatsache, dass die Institution Ehe in Spiegel das Kätzchen in die Nähe eines Zuchthauses gerückt wird, dürfte hier von Bedeutung sein.“ Meint sie tatsächlich damit den Schluss, wo es heißt: „Herr Pineiß aber führte von nun an ein erbärmliches Leben; … Es war ihm nicht die geringste Freiheit und Erholung gestattet, er musste hexen vom Morgen bis zum Abend, was das Zeug halten wollte.“ Spätestens seit Albert Camus wissen wir, dass wir uns Sisyphus als einen glücklichen Menschen vorstellen müssen. Es ist nicht auszuschließen, das Herr Pineiß in der Ehe zum Sisyphus wird. Und Spiegel, das Kätzchen? „Er fing und tötete daher nur die zudringlichsten und frechsten Mäuse“. Und „fuhr sich so unbefangen mit dem feuchten Pfötchen über die Nase, als ob gar nichts geschehen wäre.“ Das soll gelten.


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