Blättchen für Heinz Knobloch (10)

Die Idee, eine Sammlung seiner Feuilletons zusammen zu stellen, die er Kollegen, toten und lebenden, widmete im Laufe seiner langen Autorenlaufbahn, ist Heinz Knobloch nie gekommen. Oder vielleicht doch und unter seinen zahlreichen Verlagen fand sich keiner, der die Idee auch toll gefunden hätte. So müssen sich all seine Freunde betreffenden Lesestoff eben mehr oder minder mühsam aus allen einzelnen Büchern seit „Herztöne und Zimmermannssplitter“ herauspolken. Bisweilen waren Abschnitte oder Kapitel in diesen Sammlungen schon leicht spezialisiert, unterm Strich aber würden selbst nach Absuche sämtlicher Bände genug Texte übrig bleiben, die nirgends außer in der Wochenpost (oder in der Weltbühne) Aufnahme fanden und daher heute unzugänglich sind für einfach nur neugierige Leser. Die müssten sich zuerst Leserausweise besorgen für eine hinreichend große, möglichst in der Nähe befindliche Bibliothek, die noch über einen Zeitschriften-Lesesaal verfügt, vor allem aber auch über einschlägige Bestände, die man durchblättern könnte, in schlimmen Fällen auf Mikrofilm gebannt, in sehr guten Fällen digitalisiert. Soweit ich weiß, hat bis heute niemand den Versuch unternommen, die Wochenpost zu digitalisieren, auch die Weltbühne nicht, obwohl beiden ein gewisser Ausnahmestatus innerhalb der DDR glaubhaft attestiert wurde.

Also ran an die „Blättchen für ...“, ran an „Klappentext für ...“, das wäre eine erste Basis. Immer wieder hatte jemand einen runden Geburtstag, immer wieder war einer oder eine vor einem, fünf oder hundert Jahren gestorben. Von einer kamen endlich Briefe heraus, vom anderen Tagebücher. Einer nahm sich die Essayistik der Weimarer Republik vor, einer brachte endlich den letzten Band von Egon Erwin Kisch in die Buchläden. Wir wollen gar nicht erst lange vom alten Fontane reden, „Wanderung“ oder „Wege“ zu Fontane respektive seines Grabes sind hinreichend oft gedruckt worden. Wie wäre mit den zahlreichen Stellen umzugehen, in denen Knobloch Johannes R. Becher zitiert, den weit zahlreicheren mit dem Namen Goethe (Schiller dagegen sehr viel seltener), Heine immer wieder, wenn auch deutlich bevorzugt mit seinen „Briefen aus Berlin“? Einmal hat Knobloch über „Reden an den Feind“ geschrieben von Stefan Heym zu einer Zeit, als der nicht gerade an der Spitze der ND-Bestseller-Liste stand. Man könnte das heute als ein Heldentätchen werten, bei dem freilich immer noch die Redaktion mitspielen musste. Maxim Biller, Praeceptor Germaniae mit tschechischem Gratifikationshintergrund, würde das alles natürlich nicht gelten lassen, Kumpel Gunnar auch nicht, der mit 14 die DDR verließ, ganz allein und ohne Hilfe gar.

Was spräche dagegen, den alten Rabener, Gottlieb Wilhelm, neben Georg Forster zu packen, das Nachwort oder das Vorwort oder beide könnten dezent darauf hinweisen, dass alle, die in Dresden geboren wurden, in Dresden starben oder wenigstens eine längere Zeit in Dresden gelebt hatten, einen Zusatzstein im Knoblochbrett hatten. Kolzow gehörte hinein, jener, der unter Stalin sein Leben verlor und bei Hemingway in „Wem die Stunde schlägt“ eine Rolle spielt. Als Studenten mit dem Pflichtfach „Geschichte der KPdSU“ machten wir uns um die Mitte der 70er Jahre den Spaß, in Personenregistern nach Todesjahren 1936 bis 1940 in Relation zum Geburtsjahr zu suchen. Auch unter Stalin starben Menschen beiderlei Geschlechter (mehr gab es damals noch nicht) eines natürlichen Todes. Es waren auffällig viele, die noch nicht an der Reihe waren. Einmal fragte Knobloch, wann wir Polgar bekommen. Mit wir waren wir alle gemeint, also wir in der DDR, denn andere hatten Polgar und auch ich war im Besitz von „An den Rand geschrieben“, Erstausgabe. Kurz zuvor noch schien Knobloch beinahe entrüstet, als ihn Joachim Walther in fast einem Atemzug zugleich nach Victor Auburtin und Alfred Polgar fragte: „Ich habe nie von Polgar gesprochen … Dazu habe ich viel zu wenig von Polgar gelesen.“ Man muss nicht einen gegen den anderen setzen.

1974 lobte Knobloch Roland Links für seine sechsbändige Tucholsky-Ausgabe, an der auch Christa Links einen nennenswerten Anteil hatte und weil Roland Links mich einst im Berliner Seminar mit moderner Schweizer Literatur bekannt machte über das übliche Maß hinaus, freut mich das Lob noch fünfzig Jahre später. Der 175. Geburtstag von Balzac war 1974 ein sehr guter Anlass; Charles Baudelaire ohnehin stets, wenn es um die Frühzeit des Feuilletons in Europa ging. Zum Casanova-Geburtstag 1975 schlug Knobloch in alten Lexika nach, das tat er immer mit Eifer und ich wüsste gern, wie viel davon in seinem Arbeitszimmer stand, wie viel er sich in der Berliner Stadtbibliothek ansah, wo er - falls ich es schon schrieb, muss ich es wiederholen - ein Vorzugsnutzer war. Dem Verfasser der einst sehr berühmten, auch erfolgreich und opulent verfilmten „Sachsen-Trilogie“, Józef Ignacy Kraszewski (1812 – 1887) widmete Knobloch das letzte Feuilleton des Jahres 1976. Bei meinen Eltern standen alle drei Bände hinter Glas im Regal. Und Dresden, siehe oben, hat sogar ein Kraszewski-Museum, 1960 als Gemeinschaftsprojekt begründet und damals deutsch-polnische Freundschaft symbolisierend! Die noch nicht gesamtdeutsch war, wie wir uns dunkel erinnern, die Oder-Neisse-Linie im Westen Polens wollten Brüder und Schwestern im Westen nicht akzeptieren.

Ob der Rumäne Ion Luca Caragiale (1852 – 1912) Knobloch je beschäftigt hätte, wenn nicht eine Bibliothek in Pankow nach ihm benannt gewesen wäre, steht nicht einmal in den Sternen. Dass die ungarischen Dichter Attila József und Jokai Mór ihn tangierten, als er sich am Balaton aalte, ist leicht nachvollziehbar. Das Jokai-Haus in Füred kann man heute noch besichtigen, auch die Tagore-Büste, von der Knobloch schrieb, steht noch an Ort und Stelle. 1980 gratulierte er Hedda Zinner zu ihrem 75. Geburtstag, da kannte er auch ihren Sohn John Erpenbeck schon, dem er später seinen „Schlemcke-Faktor“ als neu unterjubelte. Ins gedachte Buch müssten auch Otto Reutter und Friedrich Karl Kaul aufgenommen werden, Peter Edel nicht zu vergessen, fast alle würden mit einem Vortext und/oder einem rot gedruckten Zitat gut präsentiert sein, wie Knobloch es in seinen beiden Sammlungen „Allerlei Spielraum“ und „Kreise ziehen“ gehalten hatte. Ich las in jungen Jahren noch Kaul, Peter Edel nie. Karl Philipp Moritz dagegen war für den Philosophiestudenten Ullrich mit seiner „Götterlehre oder Mythologische Dichtungen der Alten“ Bestand der Basis-Bibliothek. Knobloch griff sich seinen 225. Geburtstag 1981 heraus. Auf Hedda Zinners 75 folgte 1982 Fritz Erpenbecks 85. Fritz Meyer-Scharffenberg doppelt, Wieland mehrfach über die Jahre.

Die Blättchen und die Klappentexte dürften eigene Zwischenüberschriften abgeben wie sie etwa die „Beiträge zum Tugendpfand“ aufweisen oder „Nachträgliche Leckerbissen“. Da steht dann schon mal „Der zweite Rundgang“ drüber und es folgen die zweiten Rundgänge, die dennoch bis heute nicht alle zwischen Buchdeckeln gelandet sind ebenso wie „Mal kurz in ...“. 1985 leistete sich Knobloch ein Extra-Späßchen: er schrieb zum 221.Geburtstag von Henriette Herz. Das hätte eine unübertreffliche Geschäftsidee werden können, vorausgesetzt, Chefredakteure hätten sie halbwegs ähnlich lustig gefunden wie der zu wöchentlicher Lieferung verdammte Feuilletonist. Wenn dieses Jahr zum Beispiel schon fast niemand Knoblochs 100. Geburtstag wichtig genug für einen Beitrag in einer gedruckten Berliner Zeitung fand, wie wäre es 2028 zum 102. Geburtstag oder 2027 zum 24. Todestag? Bei Robert Burns, dem Schotten, den Engels und Marx sehr mochten, brachte Knobloch den 190. Todestag durch, es war Feuilleton 904 der Reihe „Mit beiden Augen“. Bei Ferdinand Raimund kehrte er wieder zur herkömmlichen 150 zurück, ebenfalls der Todestag. Und bei Johann Nepomuk Nestroy, „Ich mag Nestroy“ hieß die Überschrift, wurde es der 125. Todestag. Übertrieben viele Frauen waren das nicht bisher: deshalb Marianne Bruns zum 90. Geburtstag 1987.

Kurz vorm großen Finale, dem Rolf Pfeiffer dann in der Ausgabe 10/1988 eine komplette Wochenpost-Seite 18 folgen ließ unter der Überschrift „Zwinkern mit beiden Augen“, Untertitel „Nachruf auf einen Quicklebendigen“, griff sich der Quicklebendige noch Henry David Thoreau zu dessen 170. Geburtstag. Er musste nicht frühe Begeisterung heucheln, verriet, dass er ihn Anfang der 50er Jahre zu lesen begann und ihn dann beiseite legte: „Das passte nicht in mein durch rationierte Lebensmittel gezügeltes Nachkriegsgemüt. Da war Zolas Käse-Symphonie eher ein Wegweiser.“ Noch in Nummer 999 ließ also Knobloch, wie so oft, all jene Leser im Stich, die nicht wussten, dass er auf eine Passage aus „Der Bauch von Paris“ anspielte. Die Seite 18 aber, die Rolf Pfeiffer verwendete für seinen Nachruf, war eine Seite, die auch Heinz Knobloch nicht selten nutzen durfte. Dann nämlich, wenn sein Text sehr viel zu lang geworden war und nicht mehrteilig gedruckt werden sollte. Dann begann „Mit beiden Augen“ auf der Seite 18 und endete auf Seite 22. Rolf Pfeiffer war seit 1973 durchgehend für die Seite 18 zuständig in der Wochenpost-Redaktion, sie war, lässt sich nachlesen, eine Institution. Wie Knobloch auch. Weshalb es ein Buch gibt mit Fax-Nachrichten beider aneinander. Das wäre ein anderes Blättchen: Buch real statt Buch fiktiv.


Joomla 2.5 Templates von SiteGround