Gerhard Rentzsch 100
In meiner zweibändigen Ausgabe von „Wer war wer in der DDR?“ fehlt er und war bei ihrem Erscheinen auch schon sechs Jahre tot. Was natürlich nicht bedeutet, dass er niemand war in der DDR. Im Gegenteil: er war an seinem Ort und in seiner Lebenszeit einer der wichtigsten Männer, dem spät sogar solche Etiketten aufgeklebt wurden wie Nestor und Doyen. Selbst das in DDR-Dingen nicht als das zentrale Kompetenzzentrum in die Geschichte eingegangene Hamburger Nachrichten-Magazin Spiegel widmete ihm, als er eines Sonntags gestorben war, es war der 1. Juni 2003, einen Nachruf. Demnach war er über vier Jahrzehnte ein „phantasievoller und zugleich politischer Geschichtenerzähler“. Viele seiner Hörspiele seien auch von westlichen Radiosendern ausgestrahlt worden, „in jedem Fall prägte er ein Stück DDR-Rundfunkgeschichte“. Was ihm in „Reclams Hörspielführer“ aus der Stuttgarter Filiale nicht half. Dort kommt er gar nicht vor, dafür aber die „bekannte“ Hörspielautorin Christa Reinig, wie Rentzsch vom Jahrgang 1926. Ihr Vorzug: sie war in der DDR, bevor sie sie verließ, verboten, wie man im Westen noch heute weiß, obwohl sich durchaus DDR-Veröffentlichungen von ihr finden lassen, man muss nur danach suchen.
Das Spiegel-Foto zeigt einen Mann mit Theo-Waigel-Augenbrauen, an einer Zigarette saugend. Als Chefdramaturg des Deutschen Demokratischen Rundfunks wurde er 1966 nach knapp zehn Jahren im Amt abgelöst, blieb aber Dramaturg und Autor natürlich auch. Auch ihn ereilte das berüchtigte 11. Plenum des ZK der SED vom Dezember 1965. Mein erster intensiverer Umgang mit Rentzsch liegt jetzt mehr als 45 Jahre zurück. Ich las die „Geschichte eines Mantels“ fast auf den Tag vor 45 Jahren am 29. April 1980, danach die fünf „Geschichten fürs Radio“, so der Untertitel, die der Berliner Henschelverlag Kunst und Gesellschaft 1980 in seiner Reihe „dialog“ herausbrachte. Rentzsch blieb bis zum Ende der DDR einer von sehr wenigen Autoren mit einem eigenen Hörspiel-Buch. „Der Nachlass“, erstmals gedruckt in Neue Deutsche Literatur (NDL), 25. Jahrgang, Heft 2, Februar 1977, S. 36 – 63, von mir zuerst gelesen am 29. Dezember 1980, wurde damals der 100. dramatische Text des Jahres, den ich zu Ende las. Mehr in einem Jahr schaffte ich bis heute nicht, es war mein Bob-Beamon-Lesesprung. Und ich schrieb, heute undenkbar, drei A-4-Seiten mit Hand an Notizen. Begonnen 29. Dezember, beendet am 4. Januar 1981, dazwischen Jahreswechsel.
Die Ursendung am 10. Dezember 1975 auf Radio DDR I in der Regie von Joachim Staritz, Dramaturg Wolfgang Beck, mit dem Rentzsch oft zusammenarbeitete, hatte namhafte Mitwirkende wie Horst Drinda, Hans Teuscher, Erika Pelikowsky, Karin Gregorek, Edwin Marian, Jürgen Frohriep. Damals stand ich frisch und für lange, in gewisser Weise bis heute, im Bann des Begriffs Fortschritt, dem ich dann meine Dissertation widmete und Gerhard Rentzsch hatte seiner Figur Harry über die Wirkungen des so genannten K-Effekts diesen Satz in den Mund gelegt: „Und folglich tertio: es gibt keinen Fortschritt mehr, weil es keinen Ehrgeiz mehr gibt.“ Das war ein Sammel-Satz für den Fortschrittssätze-Sammler, meiner sich noch halbwegs vage formenden Theorie der einschlägigen Begriffsbildung lieferte er wenig neues Futter. Mich bewegte damals bei dieser Gelegenheit die Frage nach dem Verhältnis von Wissenschaft und Dichtung: der Dichter durfte so denken (und schreiben), dem Wissenschaftler hätte ich 1980 weiteres Nachdenken angeraten. Als legitim sehe ich heute noch meine auch damals nicht ganz naive Frage, wie es zu bewerten ist, wenn Literatur fixierte Begriffe verwischt: Sprache lebt von gemeinsamen Zeichen.
Dem heutigen 100. Geburtstag von Gerhard Rentzsch danke ich die Erinnerung an die natürlich längst vergessene Tatsache, dass ich „Der Almanach“, „Der Stein“ und „Jugendweihe“ auf dem Weg nach Berlin las, am 30. Juli 1980. Ich hatte dort mein Diplom-Zeugnis abzuholen. Nicht einmal mich bewegt jetzt jener Karton noch nennenswert, der mir bescheinigt, den Titel „Diplom-Philosoph“ tragen zu dürfen, errungen mit dem Prädikat „Sehr gut“. Gemessen an heutigen Absolventen mit neun Studienfächern an sechs Universitäten in sieben Jahren bin ich ein seltsames Tier, in voller akademischer Unfreiheit aufgewachsen. Dafür interessiere ich mich für merkwürdige Bücher wie „Kleines Hörspielbuch“, 1960 im Henschelverlag Kunst und Gesellschaft Berlin erschienen, herausgegeben von Gerhard Rentzsch, vor allem aber mit seinem Vorwort unter dem Titel „Gedanken über eine Kunstform“ ausgestattet, geschrieben im November 1959. Da hatte ich gerade mal meine ersten zehn Wochen Schule hinter mir, lernte lesen und schreiben und war noch knapp vier Jahre von der Zeit entfernt, da das Hören von Hörspielen am eigenen Kofferradio „Sternchen“ meine Leidenschaft wurde. Von Rentzsch hörte ich damals vermutlich noch nichts.
Die „Gedanken über eine Kunstform“ sind ein stolzes und auch ein kritisches Vorwort. Rentzsch bezichtigt die Wissenschaft, namentlich die Germanistik, der Ignoranz gegenüber dem Hörspiel. Und bescheinigt der DDR den Besitz des modernsten Hörspielkomplexes in Europa ebenso wie dies: „... so dürfte die Dramaturgie des Deutschen Demokratischen Rundfunks im Vergleich zu anderen Radiostationen den absoluten Rekord halten“. Gemeint sind 31 Originalhörspiele des Produktionsjahres 1959, denen elf Funkbearbeitungen gegenüberstanden, noch 1956 gab es mehr Bearbeitungen von Vorlagen als Originale. Rentzsch hatte auch kein Problem damit, dem Briten Richard Hughes und seinem Klassiker „A Comedy of Danger“ höchstes Lob zu zollen: „So steht am Anfang der Hörspielkunst das Wunder eines in seinen wesentlichen Zügen ausgereiften Stückes. Einen besseren Start hatte keine andere moderne Kunstform.“ Er lobte Wolfgang Borchert, dessen „Draußen vor der Tür“, manche wissen das noch, zuerst ein Hörspiel war, ehe es auch die Bühnen eroberte. Borchert hatte in der DDR später eine Phase, da sich evangelische Studentengemeinden (z. B. in Ilmenau) so sehr für ihn interessierten, dass sie selbst ganz inoffiziell interessant wurden.
Ein Sonder-Kapitel im Leben und Schaffen von Rentzsch trägt den Namen Hans Siebe. Siebe (12. Februar 1919 – 6. März 2001) war, was man abwertend Heftchen-Autor nennen würde, wenn es nicht DDR-Heftchen gewesen wären. Nicht weniger als zwanzig Titel erschienen allein in der „Kleinen Erzählerreihe“, sieben in der Reihe „Meridian“ und 23, falls ich mich nicht verzählt habe, in „Das neue Abenteuer“. Die etwas dürftige Wikipedia-Seite zu Siebe verzeichnet für die Jahre 1967 bis 1990 vierzehn Hörspiele von ihm. Doch allein Gerhard Rentzsch hat zwischen dem 21. August 1969 (Ursendung von „Der Mitternachtslift“) und dem 19. September 1987 (Ursendung von „Gastspiel in Dabentin“), 37 Siebe-Hörspiele als Dramaturg betreut. Sieben mehr nennt eine eigene Wikipedia-Seite „Hans-Siebe-Krimis“ als Gesamtzahl, dabei Rentzsch als Betreuer für die Jahre 1967 bis 1990. Für die Jahre 1988 bis 1990 kann ich auf keine gesicherten Angaben zurückgreifen, da die Reihe „dialog“ ihre Übersichten über die Hörspiel-Jahres-Produktion der DDR mangels DDR nicht mehr fortsetzte. Bei zwei bis vier Krimis pro Jahr dürfte eine Zahl jenseits der 40 am Ende realistisch sein. Neunmal war Rentzsch als Dramaturg für Bernd Schirmer (86) im Einsatz.
„Altweibersommer“ heißt ein frühes Hörspiel von Rentzsch, gedruckt im „Hörspieljahrbuch 1“, das er selbst mit einem Vorwort einleitete. Rentzsch hat einen Sprecher und es gibt eine Ansage des Hörspiels im Spiel, das hat er offenbar früh so eingeführt und beibehalten. Hier geht es um ein altes Paar, was man damals so für alt hielt, beide noch unter 70, beide Bauern in einer Genossenschaft, aber noch mit eigener Viehhaltung nebenher. Sie sind zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Urlaub, 14 Tage. Sie sind völlig unerfahren, was das Benehmen betrifft, Wilhelm Behrendt möchte zunächst am liebsten sofort wieder nach Hause, während seine Frau Sophie durchaus die Absicht hat, sich etwas zu gönnen. Sie hat eine Ziege verkauft, ohne dem Mann davon etwas zu sagen. Im Heim gibt es ein anderes Urlauberpaar, auslandserfahren sogar, die sich zunächst gestört fühlen von den Alten im Nebenzimmer, dann aber in Absprache mit dem Heimleiter helfen, dass der Urlaub der Alten ein Erlebnis wird. Wichtig dabei der Heizer Anton, 64 Jahre alt und gewillt zu kündigen, was er aber nicht tun wird, wie der Heimleiter weiß. Ich will hier nicht weiter in die Details gehen, nur sagen: so eine Geschichte muss man erst einmal erfinden. Rentzsch hat sie und andere gut erfunden.
Der Bayerische Rundfunk produzierte 1965 „Altweibersommer“ als erstes Hörspiel eines DDR-Autors. (Quelle: Hans-Jürgen Krug: Kleine Geschichte des Hörspiels, Herbert von Halem Verlag 2020, 3. Auflage). Im erwähnten Vorwort schrieb Rentzsch: „Und was als kanonische Regel für den Theaterpraktiker gilt: „Je besser sich ein Text zum Lesen eignet, desto weniger taugt er für die Aufführung“ - hier verkehrt sie sich positiv ins Gegenteil.“ Er feierte den ersten Sammelband, als den er sein eigenes „Kleines Hörspielbuch“ noch nicht wertete: „Hatte bislang das Hörspiel bestenfalls einen Platz zwischen den Stühlen der Literatur – nun hat es sich seinen eigenen erobert.“ Früh wurden Rentzschs Hörspiele auch von Radio Prag und/oder Radio Budapest übernommen. Am 23. April 1963 hatte „Nachtzug“ Ursendung im Deutschlandsender. Es geht darum, dass zwei Paare, die Männer sind jeweils Ingenieure, waren gemeinsam im Ausland, wie aus dem Nichts heraus beschließen, in den Westen zu gehen, was man damals in der DDR Republikflucht nannte und alltäglich war. Ihr Oberingenieur ist schon dort in einer ganz neuen Fabrik, schrieb eine Postkarte, deren harmlose Aufforderung, sich doch einmal bei ihm zu melden, letztlich den Anstoß lieferte.
Beide Paare fahren nicht gemeinsam, sondern nacheinander. Das Paar, das schon dort ist, wartet auf den Nachtzug aus Hannover, der dann auch kommt, aber ohne das zweite Paar. Das blieb kurz entschlossen dann doch lieber in der DDR. Rentzsch bietet Reflexionen und Rückblenden, die das aufhellen sollen, was schließlich die Entscheidung bringt. Es ist kaum Vordergründiges, Eifriges aufgeboten, keinerlei platte Propaganda, die bei dieser Thematik durchaus denkbar wäre. Der kritische Blick auf die DDR, der nicht etwa schon Ausgangspunkt ist, sondern erst aktiv wird, als gewissermaßen eine Rechtfertigung gefragt ist vor dem eigenen Gewissen, das keineswegs fehlt, zeigt Realien der DDR, wie sie waren und tatsächlich Gründe liefern konnten, das System auf der anderen Seite besser zu finden. Ich schließe mit einer Notiz zu „Bienchens Verwandte“ (Ursendung am 16. April 1985 auf Radio DDR I): „Für mich das stärkste, das berührendste Hörspiel, das ich von Rentzsch gelesen habe. Dazu: er gestaltet eine Thematik, die in der DDR-Literatur nicht eben überrepräsentiert war: das Schicksal von Kindern, die bei Kriegsende irgendwo gefunden wurden, ohne Eltern, ohne deutliche Herkunft, so klein teilweise, dass sie kaum ihre Namen sagen konnten.“