Fred Rodrian 100

Wer am 14. Juli geboren ist, darf darauf hoffen, dass ihn seine geschichtskundigen Freunde nicht vergessen. Fred Rodrian, der das 1971 in einem Interview sagte, ist am 14. Juli 1926 geboren und starb nach schwerer Krankheit am 25. Mai 1985. Entschieden zu wenig Gelegenheit unterm Strich, je an die Große Französische Revolution zu denken, die mit dem Sturm auf die schon weitgehend leere Bastille begann. Vielleicht haben Rodrians geschichtskundige Freunde im passenden Moment darüber sinniert, warum sich Revolutionen so oft an Symbole heften. Überliefert ist, dass Rodrian gern das Jahr 2000 erlebt hätte, er wäre da 74 Jahre alt gewesen. Aber ob diese zehn Jahre von 1990 bis 2000 den alten FDJ-Funktionär und Kulturpolitiker mit bestem Draht zu Margot Honecker nicht aus jeder Bahn geworfen hätten – wir wissen es nicht. Die Erosion der Werte, für die Rodrian, die SED, die FDJ, die DDR vermeintlich und bisweilen tatsächlich einmal standen, er hat sie schon in lesbare Literatur verwandelt, als alles noch fest ge- und ummauert schien. Es lohnt ein Blick in die Nachrufe, die ihm 1985 gewidmet wurden. Ich beschränke mich auf Klaus Beuchler, Günter Ebert und Helmut Hauptmann: Freunde, Weggefährten, wie man so gern sagt. Betroffene, betroffen.

„Krankheit und Tod haben einen Menschen besiegt, der mit beiden Beinen fest auf dieser Erde, in diesem Staat und in dieser Stadt stand. Als ich vor mehr als dreißig Jahren Fred Rodrian zum ersten Mal begegnete, gefiel er mir in der ersten Minute. Die in Alt-Stralau verbrachte kämpferische Jugend saß noch immer in ihm, er war humorvoll, vital, streitlustig im besten Sinne des Wortes, kurz und gut ein echter Berliner.“ So der Altersgefährte Klaus Beuchler, Jahrgang 1926. „Er ließ sich gern Verleger nennen. Und der Unterschied zum offiziellen Titel als „Direktor“ war ihm nicht nur eine Floskel: Fred Rodrian verstand sich als Verleger aus guter Tradition – von Cotta bis Erich Wendt. Er fühlte sich als Förderer geistiger Produkte für das Publikum. Er wollte mit seinen Autoren ebenso eng vertraut sein wie mit dem, was sie geschrieben und ihm anvertraut hatten. Für viele von ihnen ist sein früher Tod ein schmerzlicher Verlust.“ So Günter Ebert, ein reichliches Jahr älter als Rodrian, am 17. Juli 2026 ist sein 20. Todestag; er hat Rodrian um mehr als vierzig Jahre überlebt und ihn schon 1977, als er noch lebte, in seinem Buch über die DDR-Kinderliteratur der Jahre 1945 bis 1975 recht stiefväterlich behandelt (hier deutet sich ein kleines Nebenthema an).

„Fred Rodrian war so ein Mann, der zu zaubern verstand, ohne dass sein Publikum die Anstrengung sah. Er machte manches möglich, was mancher nicht für möglich hielt. … Ich sehe ihn in der Schlucht des „Höllengrundes“ bei Sosa herumsteigen … zurück nach Berlin, wo die Firma „Druckbedarf“ auf ihren Hauptabteilungsleiter wartet und auf den Photoapparat, der ihr gehört …“. Mit der Zwangsverspätung einer Zeitschrift, die nur einmal im Monat erscheint, schrieb das Helmut Hauptmann, der jüngste meiner drei Nachrufer, damals zum Redaktionskollegium gehörend, in der NDL. Er ist im März 98 Jahre alt geworden. Dem gelernten Reproduktiosfotografen Rodrian galt hier sein Rückblick und der Zeit der großen Jugendobjekte des kleinen Landes. „Ich kam nie dahinter, wie er sich die Zeit dafür stahl. Aber seine phantasievollen, teils märchenhaften, teils novellistischen Bilderbuchgeschichten für Kinder stellten ebenfalls Außergewöhnliches dar, wurden zu einem Schatz unserer Literatur.“ Das schrieb Klaus Beuchler, von dem im Kinderbuchverlag Berlin, der sich „Der Kinderbuchverlag“ nannte, wohl gegen die anderen sich abgrenzend, die auch Bücher für Kinder produzierten, zwischen 1957 und 1987 stolze vierzehn Bücher herauskamen.

Auch nach eigenem Bekenntnis musste sich Rodrian die Zeit stehlen für seine Bücher. Beuchler noch einmal: „Das Wolkenschaf“, „Der Märchenschimmel“, „Hirsch Heinrich“, „Die Schwalbenchristine“, um nur einige zu nennen, sind Werke eines Meistererzählers. Zarte, wie mit einem Pinsel gemalte Prosa, liebevolle, eindringliche, künstlerische Gestaltung der Grundidee. Hier war einer am Werk, der das Leben über alles liebte. Um so fassungsloser, um so bestürzender ist nun der Verlust – eine Lücke wird bleiben.“ Wer das Buch zur Hand nimmt, das für jeden näheren Umgang mit Rodrian unerlässlich ist, es heißt „Für den Tag geschrieben“, findet auf der hinteren Klappe des Schutzumschlages sechzehn Titel verzeichnet, alle illustriert, sechs darunter von Werner Klemke. Ein Titel fehlt. Es ist just der, um dessentwillen ich mich für befangen zu erklären hätte in einem Rodrian-Verfahren: „Onkel Walter, kauf ein Krokodil“. Die Illustrationen stammen von Manfred Bofinger, der auf der 16er Liste noch nicht vertreten ist. Kein Buch habe ich öfter gelesen, weil vorgelesen, als dieses und als ich es vorlas, geschah es nie in dem Bewusstsein, dass ich eben Fred Rodrian lese: „... und das Krokodil wuchs und wuchs.“ Vier grüne Krokodile auf einer Seite!

Ich muss das zitieren: „Und es fraß Fisch auf Fisch, fraß fast die ganze Themsemündung leer. In der Nordsee war Goliath schon so groß wie ein Fischkutter, bei Dänemark so groß wie ein Wal, durch den kleinen Belt kamen sie nicht, sie mussten durch den großen Belt.“ Das Buch erschien 1982 im Altberliner Verlag, Reihe „Bunte Kiste“. Wer heute liest, wie Rodrian immer wieder auf Phantasie pochte in Büchern für Kinder, wie er auch alte Debatten der 50er und frühen 60er Jahre unaufgeregt verabschiedete in seinen Reden, der sollte darüber nicht zu leicht hinweggehen. Als Lektor, Cheflektor und zuletzt zehn Jahre lang Leiter des Kinderbuchverlages entfaltete Rodrian all seine vielen Seiten. Er brachte es sogar fertig, „einen der Großen der antifaschistischen Literatur für seinen Verlag zu gewinnen. In seinen letzten Jahrzehnten entfaltete Ludwig Renn hier noch einmal seine freie schöpferische, von reicher Welterfahrung getragene Phantasie als Erzähler für Kinder und Jugendliche.“ (Beuchler) Ich habe als Leser davon profitiert, von „Herniu und Armin“, von „Herniu“, „Trini“, „Camilo“ und natürlich von „Nobi“, den der Verlag noch in „Herniu“ mit dem Ursprungstitel „Der Neger Nobi“ ankündigte. Natürlich hat Rodrian keinen Rassisten gefördert.

Nur einmal ist Fred Rodrian in der einst sehr beliebten Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“ vertreten. Das Büchlein trägt die Nummer 137 und den Titel „Der Prinz mit den schwarzen Füßen“. Gar nicht beigetragen hat er zur Reihe „Robinsons Billige Bücher“ seines Verlages. Aber wenn ich die Reihe der Autoren im Inhaltsverzeichnis von „Für den Tag geschrieben“ überschaue, dann sehe ich ein sehr getreues Abbild meiner jungen Lesejahre: Götz R. Richter, Willi Meinck, Wolf Durian, Auguste Lazar, Kurt David, Alfred Wellm. Rodrians Kurzporträts ersetzen Lexikon-Artikel locker und leicht. Jutta Schlott lernte ich in Höchstform in Schwerin kennen beim Poetenseminar. „Der Lebenslauf Fred Rodrians war geradliniger als der vieler Altersgenossen“, lese ich in „Demnächst im Lexikon? Porträts junger Autoren“ (1961 im Mitteldeutschen Verlag Halle). Geradlinig hieß damals: von Funktion zu Funktion: „Beruflich als Angestellter tätig, wurde er Hauptabteilungsleiter für Handel und Versorgung, wurde 1952 zur Verwaltungsakademie delegiert, besuchte einen Lehrgang zur Qualifizierung leitender Verlagsangestellter sowie das Institut für Literatur und wurde im Kinderbuchverlag Lektor, später Hauptredakteur und seit einigen Jahren Cheflektor.“

Nicht unter den Porträts, die Marianne Konzag in „Für den Tag geschrieben“ aufnahm, ist ein ganz besonderes, das von Margot Honecker, das 1969 in die Porträt-Sammlung „Die erste Stunde“ einging (Herausgeber Fritz Selbmann), zusammengestellt mit Blick auf den 20. Jahrestag der DDR. Es wurde noch fünf Jahre später in eine weitere Porträtsammlung aufgenommen, nun unter dem Titel „Frau Minister“ (DDR-Porträts, Reclam Leipzig 1974). Wie man ein Porträt keinesfalls schreiben sollte, Rodrian hat es hier vorgeführt. Er klammerte alles aus, was privat an Margot Honecker war, schrieb ihre Lebensgeschichte als pure Funktionärsgeschichte. Natürlich fehlt ihr Hamburger Aufenthalt, es fehlen die voreheliche Tochter Sonja und Ehemann Erich. Es ist Text zu Fotos, die man kennt, was weniger verwundert, wenn man weiß, dass Rodrian eben in jungen Jahren als Fotograf gearbeitet hat. Die junge Margit Feist reicht dem alten Präsidenten Pieck einen Blumenstrauß. Der war da ganze 71 Jahre alt, zwei Jahre jünger als ich, während ich dies schreibe. Keinen Gedanken verschwendete Rodrian darauf, wie absurd er die Situation beschrieb: „Der Blumenstrauß für Wilhelm Pieck war wie ein Versprechen der jungen Generation an die Partei.“

Und was war dies für ein irrwitziger Gedanke: „Vielleicht schreibt mal einer den Roman über die FDJ-Funktionäre, die damals die Arbeit begannen.“ Auf diesen Gedanken sind glücklicherweise nicht einmal jene gekommen, denen Verse wie „Dieser Garten voller Glück, das ist unsre Republik“ locker aufs Papier rutschten. Rodrian war nicht viel älter als Margot Honecker, wahrscheinlich kannten sie sich aus Berliner Pionier- und FDJ-Tagen viel besser, als meine diesbezüglich dürftigen Kenntnisse hergeben mögen, das Porträt bleibt ein Unding. Oder versuchte er etwa so, den Griff der Ministerin, die „Frau Minister“ genannt werden wollte, nach Einfluss in seinem Kinderbuchverlag zu blocken, zu mildern? Das Thema wäre keine Roman-Idee, vielleicht Anlass für forschende Jung-Neugier. Um auch das abzuhaken: Joachim Walther hat viermal Rodrian in seinem gern zitierten „Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik“. Einmal sollte er selbst überprüft werden, einmal ist er als Unterstützer einer Gisela-Steineckert-Meinung genannt, einmal als einer, dem es nicht gelang, Franz Fühmann in seiner Grundhaltung zu erschüttern. Einmal spielte er in Überlegungen in Bezug auf Uwe Kant eine Rolle.

Der sollte aus einer Gruppe herausgelöst werden. Rodrians Einsatz wurde dann aber doch nicht benötigt. Man kann zur Meinung kommen, nach Joachim Walther, dass da ein Irrtum vom Amt vorlag, denn Uwe Kant war, im Gegensatz zu Rodrian, selbst IM im Dienste der Reinhaltung der DDR-Literatur. Unter den Porträtierten findet er sich nicht, erwähnt wird er, und zwar positiv, immer wieder einmal von seinem Verleger. Der trug vierfach zu „Liebes- und andere Erklärungen. Schriftsteller über Schriftsteller“ (1972) bei, ohne dass ihm umgekehrt selbst eine Erklärung zugute kam. Es ist keine verlorene Zeit, alle vier Erklärungen zu lesen: zu Günter Görlich, Benno Pludra, Max Walther Schulz und Alfred Wellm. Diese und andere Namen tauchen auch in Anekdoten auf, wie sie Annie Voigtländer für den Aufbau-Verlag, Titel „Blick durchs Astloch“ (1986) zwischen Buchdeckel brachte. Sehr bezeichnend diese: „In einer Beratung von Schriftstellern entschuldigte sich einer – warum auch immer – für seine Gymnasialbildung. Anschließend entschuldigte sich ein anderer für seine Neigung zur Philosophie. Stephan Hermlin bemerkte dazu leise: Wenn das Mode wird, kann es dazu kommen, dass einer sagt: Gegen mich liegt nichts vor, ich bin Analphabet.“

Hermlin-Kenner wissen, wie wichtig hier Rodrians harmloses Wort leise war. Nun müsste ich noch für „Pantommel malt das Meer“ schwärmen, weil über „Das Wolkenschaf“ oft genug geschwärmt wurde, dass ich mich nicht dazwischen drängen mag. Aber der kleine Pantommel und der alte Pantommel, der an der selbst gestellten Aufgabe, das Meer zu malen, scheitert, weil das Meer immer wieder anders ist. Das ist doppelt schön, weil Frau Pantommel Mann und Sohn allein ans Meer fahren lässt. Günter Caspar, der unter seinem Haus-Pseudonym Kaspar Borz in der Weltbühne „Für den Tag geschrieben“ vorstellte, bemängelte fehlende Quellenangaben und Aussagen zur ihrer Auswahl von Marianne Konzag. Da kann ich mich dem Vorredner anschließen. Und muss noch erklären, was ich oben meinte mit der von Rodrian gesehenen Erosion der Werte. „Die Perücke“ (1982) führt es vor, nicht besserwisserisch, nicht auftrumpfend, nicht marktschreierisch: die DDR hat keine neuen Menschen hervorgebracht, der alte Adam und die keineswegs jüngere Eva blieben, was sie waren. Die Geschichte von Gustav Jaedicke und seiner Evelyne war einfach nur zu erzählen und alles war klar. Mitten in den Zeilen und nicht etwa nur zwischen ihnen. Auch das war Kunst.


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