Werner Lindemann 100

Im Januar 1953, in der DDR war eben das Karl-Marx-Jahr ausgerufen worden, las ein Leipziger Lyriker in der kulturpolitischen Monatsschrift „Aufbau“ das Gedicht eines anderen Lyrikers. Es trägt den Titel „Die Versammlung“, geschrieben hat es Paul Wiens. Es gefiel dem Leipziger Lyriker nicht sonderlich, was Lyrikern miteinander gar nicht so selten geschieht. So schrieb er denn einen Leserbrief an die Redaktion, die Redaktion reichte ihn dem kritisierten Lyriker weiter, damit dieser sich mit den Argumenten seines jungen Kollegen auseinandersetzen könne und schließlich, im Mai, Stalin war inzwischen tot, aber das Karl-Marx-Jahr in vollem Gange, hatten die Leser des Hefts 5 das Vergnügen, Brief, Antwort und Nachsatz der Redaktion lesen zu können. Dass der junge Lyriker aus Leipzig gar nicht so viel jünger war als der ältere Lyriker, dem er einige Vorwürfe nicht ersparen wollte, spielte damals keine erkennbare Rolle. Werner Lindemann war es, geboren am 7. Oktober 1926, der Paul Wiens, geboren am 17. August 1922, gewissermaßen einen offenen Brief zukommen ließ. In diesem äußerte er gleich eingangs die Vermutung, Wiens habe sein Gedicht dem Wiener Weltfriedenskongress gewidmet. Das wäre ein mehr als üblicher Gedichtanlass gewesen in der jungen DDR, doch Wiens dementierte. „Die Versammlung“ sei längst geschrieben gewesen, es meine nicht eine solche im herkömmlichen, sondern im übertragenen Sinne, also metaphorisch.

Auf reichlich doppeltem Platz versuchte Wiens, Lindemann Punkt für Punkt zu widerlegen, ihm wenigstens zu widersprechen. Die Redaktion aber stellte sich in ihrem Nachsatz eher hinter den Leipziger als hinter den Neu-Berliner aus Königsberg. Der Beginn einer steilen Karriere ist für Werner Lindemann aus diesem polemischen Beginn nicht geworden, auch wenn er für einen längeren Zeitraum erstaunlich intensive Medien-Präsenz für sich beanspruchen durfte. Immer wieder veröffentlichte „Neues Deutschland“ Gedichte von ihm, am 26. August 1961 auf Seite 7 zum Beispiel seine Zustimmung zum Mauerbau. Die Wikipedia-Seite für Lindemann zitiert seine Frau Brigitte so: „Er hat auch, das muss ich jetzt auch sagen, sehr schreckliche Agitationsgedichte geschrieben. Aber aus einem Glauben heraus, dass es einen Sinn macht, sich dafür einzusetzen und dafür auch etwas zu riskieren, also in dem Sinne vielleicht auch etwas zu überziehen.“ Jede andere Aussage hätte allerdings auch zweifeln lassen an „Gitta“ Lindemann, sie war immerhin noch von 1992 bis 2002 Kulturchefin bei NDR 1 Radio MV des Norddeutschen Rundfunks. Beide hatten sich kennengelernt während der bald gern in Verruf gebrachten ersten „Bitterfelder Konferenz“ vom 24. April 1959, auf der Lindemann reden sollte und dann doch nicht sprach. Auf den Tag fünf Jahre später tagte die zweite Bitterfelder Konferenz, jetzt für zwei Tage. In einer anderen Welt und DDR.

Und auch persönlich unter neuen Bedingungen. Seit dem 4. Januar 1963 hatten Gitta und Werner Lindemann einen gemeinsamen Sohn (später folgte noch eine Tochter) und dieser Sohn ist es, der (weder absichtlich noch freiwillig) etwas bewirkte, was wahrscheinlich nicht nur in der Geschichte der deutschen Literatur einmalig ist. Der Dichter und Kinderbuchautor Werner Lindemann wird in der öffentlichen Wahrnehmung nach seinem Tod 1993 zunehmend, manchmal darf man glauben, fast ausschließlich, nur als Vater von Till Lindemann wahrgenommen. Nebenwirkung: der Markt für antiquarische Literatur ist verblüffend leergefegt von seinen Büchern, viele gibt es nicht in einem einzigen Exemplar, wenige gibt es zu Phantasiepreisen und in jedem Fall ist zu sagen, dass buchstäblich kein einziges seiner Bücher allein aufgrund seines Inhalts oder seiner sprachlichen oder sonstigen ästhetischen Qualitäten diese Nachfrage rechtfertigt. Es ist eine verbreitete Neugier von Rammstein-Fans und vielleicht auch Rammstein-Hassern, die wissen möchten, was für einen Vater dieser Till Lindemann denn da eigentlich hatte. Als Till geboren wurde, lagen bereits vier Bücher seines Vaters vor, der erste im Mitteldeutschen Verlag, die folgenden drei bei Aufbau Berlin. Allein drei neue Titel folgten im Geburtsjahr 1961: eins bei Neues Leben Berlin, zwei im Hofmeister Verlag Leipzig. Danach begann die lange Reihe von Büchern im Kinderbuchverlag.

Mein Exemplar des Debütbandes „Mosaiksteine“ trägt den Stempel seines Verlags und erinnert mich an eine fast 40 Jahre später kaum noch vorstellbare Geschichte: Der Verlag aus Halle (Saale), der später Mitteldeutscher Verlag Halle-Leipzig heißen musste, verkaufte auf dem Ilmenauer Weihnachtsmarkt in einem kleinen Büdchen nahe des Apothekerbrunnens Altbestände aus seinem Lager. Mit Bleistift steht hinten 2,80 Mark, das mag der Originalpreis gewesen sein oder der Abgabepreis zum Fest, ich weiß es nicht mehr. Jahrelang stand der schmale Band (64 Seiten) neben dem Poesiealbum Nummer 35 (32 Seiten) und zwei Titeln des Verlags Tribüne: „Landtage. Gedichte“ (70 Seiten) und „Die Roggenmuhme. Kleingeschichten“ (83 Seiten) von ihm. Später erwarb ich „Was macht der Frosch im Winter?“, weil das einer der wirklich seltenen Gedichtbände in der Reihe „Die kleinen Trompeterbücher“ war (Nummer 160). Mit diesen Büchlein kam ich durch mein Erstlesealter und hielt ihnen auch später bisweilen die Treue, wenn mich ihre Verfasser interessierten. Im Poesiealbum, Umschlagseite innen, schrieb Erhard Scherner (12. Januar 1929 – 30. September 2024): „Solch einer, den die große Umwälzung aus dem Status des Landproletariers gerissen hat, darf sich was zutrauen. Wo er aus echtem Erleben schöpft, ist Werner Lindemann Poet. Zu glücklicher Stunde holt er Fohlen heim, Geschöpfe ungebärdig und voll junger Kraft.“

Wir dürfen, wenn wir die nötige Bosheit aufbringen, daraus folgern, dass Lindemann dort, wo er nicht aus echtem Erleben schöpfte, kein Poet war. Über seine unglücklichen Stunden ohne Fohlen verrät Scherner natürlich gar nichts. Von Scherner sei nur vermerkt, dass er qua Amt dem Ministerium für Staatssicherheit berichtete und deshalb nicht eigens als IM geführt wurde, was für mögliche Betroffene kaum einen Unterschied machte. Ich sah Scherner nur einmal in meinen Junglyriker-Jahren, 1974/1975 während des Schweriner Poetenseminars. Zu den Phänomenen in Leben und Nachleben Lindemanns gehört auch eine auffällige Abwesenheit. Fred Rodrian, der in diesem Jahr ebenfalls seinen 100. Geburtstag nicht erlebte (vgl. mein http://www.eckhard-ullrich.de/meine-ddr/5388-fred-rodrian-100), hat in seinem immer empfehlenswerten Buch „Für den Tag geschrieben“ seinen fleißigen Autor Lindemann ganze zweimal erwähnt und das nur in Namensreihen, kein inhaltliches Wort zu ihm. Das ist insofern interessant, als Lindemann nicht weniger als 17 Bücher im Kinderbuchverlag hatte, davon 13 in der Zeit, als Rodrian noch lebte, vier nach seinem Tod. Komplette Fehlanzeige auch im Register von Günter Ebert: „Ansichten zur Entwicklung der epischen Kinder- und Jugendliteratur in der DDR von 1945 bis 1975.“ (1976 im Kinderbuchverlag, = Studien zur Geschichte der deutschen Kinder- und Jugendliteratur 8.)

Nun denn, was war mit Werner Lindemann? Womit, mit wem, weshalb hatte er es sich irgendwie verdorben? Ich kann und will nicht spekulieren. Ein abseits liegender Grund könnte darin zu suchen sein, wie er schrieb. Dann hätte er eine überraschende Gemeinsamkeit mit Eva Strittmatter: schrieb verständlich, einfach, nachvollziehbar, seine Gedichte verschafften den üblichen Interpretier-Akrobaten nicht zusätzliche Aufschwünge. Manchmal wird sein einfach glatt zu simpel. Aber: Soll man einen Lyriker an Maßstäben messen, die er selbst gar nicht anlegt an sich? Auf eine Frage an Kinderbuchautoren antwortete er 1977: „In all meinen Geschichten und Gedichten für Kinder verbirgt sich ein Quentchen erfüllte oder unerfüllte eigene Kindheit. Steckt ein Stück Kindheit meiner und heute lebender Kinder. Das Schwerste und Schönste zugleich beim Versemachen für Kinder: mit Bewusstheit naiv und einfach sprechen, ohne primitiv zu werden.“ Seine Gedichte für Erwachsene stecken sich kein anderes Grundziel und auch seine Prosa, die „Kleingeschichten“ (an Erwin Strittmatter erinnernd) wollen direkt verstanden werden. „Worüber schreiben? Über alles. In jedem Gegenstand, jeder Erscheinung auf dieser Erde ruhen poetische Ideen. Kein Thema, das nicht auch ein Thema für Kinder wäre. Wie schreiben? So, wie es ein japanisches Kurzgedicht für alle Dichtung fordert: Die schönsten Gedichte sind die, / die einfach sind / wie Kinderworte.“

Ganze Lyrik-Bibliotheken wären in Frage zu stellen, beanspruchte das japanische Kurzgedicht für sich allgemeine Gültigkeit. Aber alle, die ihm widersprechen würden, hätten immerhin zu tolerieren, dass man so denken und sehen kann. Liest man die „Mosaiksteine“, weiß man, was der Dichter sagen wollte. Unter der Überschrift „Winterschlacht“: „Im Panzergraben neben mir / ein toter Junge tief verschneit.“ Unter „Exekution eines Partisanen“: „Das Echo unserer Schüsse / sprang von Dorf zu Dorf.“ Zu schnell sollten wir darüber nicht hinweg lesen: Unserer Schüsse! Wäre Werner Lindemann einer, der fast nebenher seine Teilnahme an einer Partisanenerschießung „gestanden“ hätte? (Es hat ihn niemand peinlich danach befragt). Nur wer diese Generation noch persönlich kannte, weiß: geschossen hat keiner, und wenn, dann keinesfalls getroffen. Geschossen haben die anderen, als sie selbst wehrlos am Fallschirm über Kreta hingen. Und wie sieht es damit aus: „Auf schwarzem Pferde / reitet die Nacht vor meinem Fenster. / Jetzt löst sich der blanke Säbel des Mondes / vom goldenen Sternengürtel. / Enthauptet fällt die Finsternis ins Gras ...“ Es ist eine andere Einfachheit als bei Eva Strittmatter, eine andere als bei Christa Reinig (auch sie Jahrgang 1926, vgl. http://www.eckhard-ullrich.de/jahrestage/5405-christa-reinig-100). Und schon sind wir bei einem irgendwie berühmten „Einfachen“, das schwer zu machen ist: Gedichte waren es nicht.

Irgendein Klippschüler der Dialektik sagte einst: die einfache Negation ist die dumme Negation. Die vorgehaltene Hand, hinter der er es sagte, war durchsichtig. Negieren wir also nicht einfach den Bedarf nach Till auf dem Umweg über Werner Lindemann. Es gab vor mittlerweile auch schon wieder fast fünfzig Jahren im Kinderbuchverlag einen Band mit wunderbaren Illustrationen von Manfred Bofinger (5. Oktober 1941 – 8. Januar 2006): „Für Kinder geschrieben. Autoren der DDR“, eine Art Lexikon mit Autorenfotos, mit Übersicht über die Kinderbücher der von A – Z sortierten Autoren und Autorinnen. Man kann studieren, wer sich gern wie fotografieren ließ, eine Übung, der ich mich in Abständen gern unterziehe, wenn ich beispielsweise die Lyrik-Reihe „Auswahl“ des Verlags Neues Leben durchblättere, dreizehn eher instabile Bände. Hier nun, unter den Kinderbuch-Autoren, findet sich Werner Lindemann hinter Hiltrud Lind und vor Hans-Ulrich Lüdemann, sie vermutlich an einem Klavier mit brennender Kerze darauf, er auf einem Sofa mit Blumenmustern in Hosenträgern. Werner Lindemann aber hält in der rechten Hand einen Drachen, vor ihm kniet ein langhaariger Knabe und hält den Faden, den kein Drachenflieger je loslassen sollte, wenn er losrennt. Lindemann wird da als in Rostock lebend vorgestellt, elf Buchtitel sind genannt, eine Anekdote steht darunter über eine Gedichtlesung vor Schülern einer 4. Klasse.

Weitere Till-Funde sind in den „Kleingeschichten“ zu erblättern, unter den Überschriften „Gekippt“ und „Holzhacker“ zum Beispiel. Oder in „Was macht der Frosch im Winter?“. Da gibt es etwas wie kleine Rollengedichte, in denen der Sohn (wer sonst) zu Wort kommt: „Vater kennt nur: / Mache! / Mache!“ Und die kleine Schwester wird nicht vergessen: „Das blaue Halstuch / bekommt die Schwester, / Sie ist noch klein, / kann üben, / Pionier zu sein.“ Als die DDR dann schon dem Ende entgegen glitt, veröffentliche Werner Lindemann ein ganzes Buch über sich und Sohn Till: „Mike Oldfield im Schaukelstuhl. Notizen eines Vaters“ (Der Morgen Berlin 1988). Von den sechs im Netzwerk der Antiquariate zu findenden Exemplaren gehören, während ich dies schreibe, fünf zu Nachwende-Ausgaben, nur eine zur Erstauflage. Für die will der Händler 189 Euro haben plus Versandkosten (für 90 Euro gab es vor gar nicht so vielen Jahren einmal einen kompletten Goethe). „Wenn Sie immer so viel schreiben – tut Ihnen denn da nicht mal die Hand weh?“ Das steht als Abschluss auf der Lindemann-Seite des Kinderbuchverlags. Unten eine grüne Bofinger-Raupe mit gelbem Kopf, einen Federhalter im Mund tragend. „Wespenstich“ und „Der Fund“ sind zwei weitere Kleingeschichten überschrieben, die Lindemann „Notizen aus dem Drispether Bauernhaus“ nannte. Dort heißt Till ganz direkt Till, wir sind zum Thema Künstlerkolonie Drispeth gerutscht.

Das aber beharrt so heftig auf seinem Eigenwert, dass es hier nur angedeutet, gestreift werden kann. Als Quasi-Gründer der Kolonie gilt der Autor Thomas Nicolaou, die einschlägige Wikipedia-Seite zählt prominente Namen auf: Christa und Gerhard Wolf, Sarah Kirsch, Helga Schubert, Johannes Helm, Daniela Dahn, Joochen Laabs. Nahebei auch Claus B. Schröder, dessen Prominenz wie die von Nicolaou im Nachgang eher im Schaffen für das stets wache Ministerium für Staatssicherheit aufwuchs als etwa aus eigenen Büchern. Mittendrin Werner Lindemann. Im Briefwechsel zwischen Sarah Kirsch und Christa Wolf, die beide auch literarisch diese Kolonie thematisierten, folgenreich in „Sommerstück“ die eine, eher unspektakulär die andere in „Allerlei-Rauh“, kommt er nicht vor. Entschlüsselungsexperten für das „Sommerstück“ wissen womöglich mehr. Immerhin haben Christa und Gerhard Wolf 1959 sein Gedicht „Stationen“ in ihren Band „Wir, unsere Zeit“ aufgenommen. Reiner Kunze griff für seinen Band „Mein Wort ein weißer Vogel“ 1961 auf vier Gedichte von Lindemann zurück, alle aus seinem zweiten Buch „Stationen“, während Günter Deicke ganz auf ihn verzichtete in seiner Anthologie „Die Liebe fängt erst an“, ebenfalls 1959. Zum Schluss ein Tipp für junge Lindemann-Forscher: Wie unterscheiden sich die von ihm nacherzählten kasachischen Märchen (1979) von jenen, die einfach nur übersetzt ins Deutsche bei uns erschienen?


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