Schiller: Die Räuber; Theater an der Parkaue Berlin

Dummerweise gehöre ich zu den schreibenden Theatergängern, die nicht ihre eigenen früheren Kritiken nach Sätzen abgrasen, die wiederverwendbar sind und vielleicht sogar gut formuliert. Ich hätte aus drei veröffentlichten und zwei unveröffentlichen Texten seit 2009 sicher manches finden können, was ich noch eben jetzt schreiben und unterschreiben würde, wenn ich es nicht schon getan hätte. Hier muss ich also neu beginnen und ich tue es mit einem Bekenntnis, das man bei Bedarf gern als Armutszeugnis lesen darf: Ich war nie vorher im Theater an der Parkaue. Ich bin in aller Neugier vom U-Bahnhof Frankfurter Allee den Hinweisschildern gefolgt, erinnerte mich früherer Ausstiege an der Samariterstraße, da wohnte ein Kommilitone, an der Magdalenenstraße, da wohnte ein Schwager. Als ich das rote Rathaus passierte, verspürte ich ein Rühren: hier gaben sich vor 42 Jahren zwei das Ja-Wort, um hinfort meinen als den gemeinsamen Familiennamen zu führen. Ich sah schon im Näherkommen junges Volk, es füllte später das Theater so ziemlich bis zum letzten Platz, mein Nachbar zur Linken klärte mich aus seinem pädagogischen Wissen heraus auf, es handle sich überwiegend um Elftklässler, die in ihren Kursen zum „Sturm und Drang“ Schiller läsen.

Wer hat mir da ernsthaft und kulturkritisch einreden wollen, heutige Gymnasiasten läsen keinen Schiller mehr? Vielleicht lernen sie „Die Glocke“ nicht mehr, die ich auch schon nicht mehr lernen musste, ich kann aber heute noch bruchstückhaft „Der Handschuh“ hersagen und erinnere mich der eindringlichen Erläuterungen meiner Deutschlehrerin, die uns erklärte, was wir unter „Halten zu Gnaden!“ zu verstehen hätten. Das aber war, richtig, in „Kabale und Liebe“. Dies bürgerliche Trauerspiel und „Die Räuber“ stünden den Schülern zur Wahl, erfuhr ich aus kundigem Munde, ehe das wilde Treiben auf der Bühne nach der langen Pause wieder anhub. Und diese Elftklässler entschieden sich überraschenderweise erkennbar mehrheitlich für „Die Räuber“ und gegen die Luise Millerin. Immerhin, das Junge Staatstheater Berlin an der Parkaue mit dem roten Flieger im Logo hält für Oktober diesen Jahres eine Neuinszenierung von „Kabale und Liebe“ bereit, die ich mir mit etwas Glück auch anschauen werde, wenn sie mal läuft, während ich gerade hauptstädtisches Pflaster unter den Füßen habe. Jetzt weiß ich ja auch, dass Traversen nur etwas steiler nach oben laufende Parkett-Sitze sind. Also wild ging es zu, das habe ich schon mal vorgreifend festzuhalten.

Der Programmflyer ordnet die Mitwirkenden sämtlicher verfügbaren Geschlechter nach dem Alphabet, was die gängige Ordnung nach Haupt- und Nebenrollen aufhebt, die früher durchaus nicht unübliche Zusatzteilung in männliche und weibliche Rollen natürlich auch. Also finden wir die beiden Damen des Abends ganz oben (Birgit Berthold) und in der Mitte der elf Namen (Caroline Erdmann). Selige Schiller-Zeiten, als noch so gut wie jede Frau Caroline hieß, bis heute ist der Carolinen-Anteil an der weiblichen Gesamtbevölkerung ziemlich radikal gesunken und das keineswegs nur wegen der vielen angeblich karriere-hinderlichen Sandys, Mandys und Cindys. Wohl jedem, der noch eine echte Elke kennt oder eine Kerstin. Der Regisseur steht dafür noch althierarchisch an der Spitze aller, die den Abend für die Bühne einrichteten. Kay Wuschek, der auch der Intendant des Hauses ist, ist vom Jahrgang 1963 und verlängerte seinen Vertrag mit dem Senat 2013 vorzeitig bis 2020. Dorothee Curio (Jahrgang 1969) zeichnet verantwortlich für Bühne und Kostüme. Was von ihr zu sehen ist, ist nicht Minimal Art. Meine erste Assoziation, als die Räuber aufliefen, war: die hätten glatt auch als Wald von Birnam in „Macbeth“ auftreten können.

Nur drei Mitwirkende männlichen Geschlechts konnten den inklusive Pause 165 Minuten langen Abend in einer einzigen Rolle verbleiben: Jakob Kraze als Hausknecht Daniel, Denis Pöpping als Graf Maximilian von Moor und Andrej von Sallnitz als Herrmann, näher bezeichnet bei Schiller als „Bastard von einem Edelmann“. Alle anderen mussten mindestens zwei Rollen verkörpern: die Herausforderung der Inszenierung fällt dabei an Joseph Konrad Bundschuh, der sowohl den Franz als auch den Karl zu spielen hat und dies, ohne alle Einschränkung gesagt, in sensationeller Weise tut. Würde man die Inszenierung insgesamt in Bausch und Bogen verdammen wollen, ich leugne nicht, dass es Gründe dafür gäbe, bliebe diese Leistung in sich und an sich immer ausgenommen. Ich sah Bundschuh und Denis Pöpping in der Pause im Hof neben dem Bühneneingang rauchen, Bundschuh dreht selbst: „Vater“ und „Söhne“ vereint im Laster des Nikotingenusses. Von den zahlreichen Elftklässlern rauchten in der Pause verschwindend wenige, das war 1963, 1969 und auch 1989, als Bundschuh in Plauen geboren wurde, noch ganz anders. Immerhin: mein Erstbesuch an der Parkaue vermittelte mir nicht nur ein Theater-, sondern auch ein extra Publikumserlebnis.

Es ist verblüffend, wie unendlich albern Elftklässlerinnen noch sein können, einige in den hinteren Reihen wollten sich gar nicht wieder einkriegen vor Lachen, obwohl auf der Bühne eigentlich nichts Lächerliches geschah. Aber wie der alte Graf Maximilian mit endlos langen grauen Haaren aus seinem Hungerverlies erscheint - so sieht man, wüsste meine Generation aus sieben Verfilmungen des „Grafen von Monto Christo“, nach langer Haft ohne Frisörbesuch oder auch nur Rasiermesser halt aus - neigten an der Parkaue ganze Gruppen der Smartphone-Ladys heftig in Richtung Tod durch Zwerchfellrisse. Es ist ebenso verblüffend, wie unendlich cool manche Elftklässler sein können, die fast jede Zeile sich gegenseitig leise kommentieren. „Alter!“ und „Ej!“ sind für beide Schul-Geschlechter verbindliche Wertungsbegriffe. Man kann übrigens auf stumm geschaltetem Smartphone durchaus nebenbei Mails checken, Welt retten oder was dergleichen so anliegt. Und wenn das nicht als Nebenbeschäftigung ausreicht: man kann sich einen Zopf drehen, man kann den Kopf auf die Schulter der Nachbarin legen. „Fuck U“ las ich vor mir, ehe die Daumen über die App-Buttons huschten, einige verließen den Saal, die absolute Mehrheit aber harrte sehr tapfer aus.

Das Ende war natürlich nicht das Schiller-Ende. Amalie von Edelreich überlebte, niemandem konnte geholfen werden. Strenger genommen war, paradox formuliert, nicht nur das Ende nicht von Schiller, eigentlich fast alles. Bis auf längere Passagen des Textes, wie ihn vor allem Joseph Konrad Bundschuh herauswuchtete, der den Rollenwechsel recht praktikabel per Wende-Jacke vollziehen konnte und sich als Franz mehr Haare ins Gesicht hängen ließ als als Karl. Franz sah bisweilen aus wie der reifere Ozzy Osbourne am Mikro, wenn er „Paranoid“ vorträgt. Es beginnt aber alles mit einem alten Grafen Maximilian, der in goldfarbenem Anzug auf die Bühne hüpft wie ein gealterter Las-Vegas-Superstar, dem vergangener Ruhm Jahresgagen einbringt, die zur Rettung zweier ostdeutscher Fußballclubs ausreichen würden. Franz, die Kanaille, die hier schon eine ist, aber erst später so genannt wird, treibt seinem Alten die Partylaune aus mit den gefälschten Nachrichten über den zu Leipzig ein vermeintliches Lotterleben führenden Bruder Karl, er erbietet sich mitfühlend, wie es scheint, die väterliche Antwort in die sächsische Studentenmetropole stellvertretend zu formulieren, der Rest ist Theatergeschichte. Nicht ganz so dafür die Amalie von Caroline Erdmann.

Die spielt derart heftig gegen das überlieferte Rollenklischee an, dass fast die Wände wackeln würden, wenn welche auf die Bühne gestellt worden wären. Sturm und Drang, das wird gern vergessen, hoffentlich nicht in den Schulkursen, war mehr oder minder komplett zugleich auch Empfindsamkeit, das Verbalrüpeln eine Art Bass zur Slide Guitar des Seufzens, Wimpernklimperns und Schafestreichelns im Postrokoko. Diese Amalie war laut, war drastisch, zupackend mit vampirischen Anflügen, das später Kleistsche Ineinanderfließen von Küssen und Bissen vorwegnehmend, nix mit Mauerblümchen aus dem Pflanzkästchen Friedrich Schillers, des gern so apostrophierten Frauen-Verkenners. Der wusste, was ebenfalls gern vergessen wird, mehr von Frauen als der andere des dynamischen Duos aus der Klassiker-Gilde: immerhin bewährte er sich bei Charlotte von Kalb als handfester Geburtshelfer: Goethe erfuhr erst in Rom, was man auf einem nackten Frauenrücken so alles trommeln kann. An der Parkaue spitzt sich ein Konflikt zwischen den Räubern und ihrem Hauptmann bezüglich der störenden Frau im reinen Männerbund gar nicht erst zu, muss also auch nicht mit dem Dolche gelöst werden. Amalie geht und nimmer kehrt sie wieder.

Lange Zeit nimmt eine wuchtige Panzer-Attrappe die Bühne ein, auf die man klettern, auf der man lümmeln, von der herunter man Pater (Justitia) sein kann. Aus Löchern in der Attrappe scheint bisweilen Licht. Und es ist nicht das Ende des Tunnels. Immerhin, Begriffsstutzigkeit will eingestanden werden, mir erschlossen sich Sinn oder Anti-Sinn des Panzers nicht. Eine frühere Heutigkeit als die von Waschmaschine, Kühltruhe, Drehsessel und Matratze vermittelten mir das Monstrum nicht, das beziehe ich gern auch gleich auf die Worte an der Hinterwand: Cola und Aurum sowie auf den Sprayer-Humor des „Don't go in the woods“. Sehr vieles in dieser Inszenierung ist auf Gag gebürstet, als rechne sie mit Zuschauern, die durch andauernd eingespielte Lachkonserven sozialisiert wurden und gelangweilt vom Sofa rollen, wenn nicht jeder Satz einen Lacher provoziert. Da sitzt dann der Franz mal auf Vaters Schoß, Amalia kommt im Tüllkleidchen, Amalia rupft sich eine Perücke vom Kopf, Herrmann erscheint mit dem in eine Deutschland-Fahne gewickelten Schwert und trägt seine Lügengeschichte teilweise unter einer Jacke vor, die ihm über den Kopf gehängt ist. Urkomisch, wie sich Franz über dies Schwert beugt, die Blutbotschaft lesend.

Nach einer Würgeszene fragt der Graf ins Publikum, ob nicht einer eine Zigarette für ihn habe. Als keiner eine anbietet, geht er ab. Die Räuber verwandeln sich im Verlauf des Abends in Banditen, genauer die Libertiner. Gestrichen sind auffällig die Gräuelberichte vom Überfall auf das Kloster ebenso wenig wie die Schilderung der Befreiung Rollers mit Kindsmord. Schockiert ist ein Teil der Elftklässlerinnen, als vorn einer an einem Schlüpfer schnüffelt. Die verwandelten Libertiner tragen grellfarbige Perücken, Justizia (Caroline Erdmann) auf dem Panzer sieht aus wie Loreley auf ihrem Felsen. Franz sitzt einmal nackten Hinterns auf einem Klo, während Amalie mit kariertem Tuch Geschirr abtrocknet. Nach der Pause agiert ein Gitarrentrio, der neu zu den Räubern stoßende Kosinsky (Konstantin Bez) singt seine böhmische Amalien-Geschichte, die bei Schiller bekanntlich neuen Schwung ins Trüppchen bringt, hier an der Parkaue nicht. Man soll nicht glauben, dass so präsentierter Sturm und Drang der Zielgruppe automatisch besser gefällt als etwa ein die Tiefen des Textes wie alle Brüche nicht überspielender „Rentner“-Schiller. Aus pädagogischen Zuschauer-Kreisen verlautete anderes. Dennoch klatschte, quietschte und jubelte das Jungvolk wie eingeübt.
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